“Vielleicht besteht die größte Sünde der heutigen Zeit darin, dass die Menschen angefangen haben, das Sündenbewusstsein zu verlieren.” Papst Pius XII

“Fremde Sünden sieht man vor sich, aber die eigenen hat man hinter dem Rücken.”  Leo Tolstoi

Was auch immer Menschen schreckliches zugestoßen ist; ob Onkel Heinz einen Schlaganfall erlitt, Tante Anna von einem Heiratsschwindler um ihr Vermögen gebracht wurde, oder Herr Müller von nebenan mit seinem Wagen an einen Baum fuhr, stets gibt es jemand der sagt: “ich hab’s kommen sehen”. In triumphierend belehrenden Tonlagen werden dabei Unglücksfälle, Schicksalsschläge und Missgeschicke als logische Folge unheilvoller Verkettungen selbstverschuldeter Umstände aufgerollt. Diejenigen, die es so kommen sahen wie es ihrer Meinung nach zwangsläufig kommen musste, waren seit jeher schon wortreich zur Stelle. Vor allem dann, wenn über ganze Völker oder die gesamte Menschheit entsetzliche Katastrophen hereinbrachen. Mit Grabesstimme und erhobenem Zeigefinger wurde dabei in früheren Zeiten die einzig infragekommende  Ursache für alles Verheerende hervorgehoben: die unaufhörliche Sündhaftigkeit des Menschen.

Ernsthaft von Sünde zu reden wird heute außerhalb religöser Zusammenhänge weitgehend als peinlich empfunden. Man spricht statt dessen von eher belanglosen Jugendsünden, Modesünden, Sprachsünden oder von Steuersündern begangenen Bausünden. Dennoch ist das grundlegende Prinzip sündhafter Verhaltensweisen seit den Tagen der biblischen ersten Menschen stets gleich geblieben. Wer gesündigt hat, hat sich verwerflichen Überschreitungen vorgegebener Richtlinien schuldig gemacht. Ursprünglich wird in unserem Kulturkreis mit Sünde eine willentlich oder leichtsinnig zustandegebrachte Distanz zu Gott verstanden. Vom gottgefälligen, und daher einzig begehbaren Lebensweg abgekommen zu sein, war und ist für Gläubige ein schwerwiegendes Fehlverhalten. Das nicht ohne Folgen bleiben kann. Immerhin beobachtet Gott mit niemals nachlassender Aufmerksamkeit das sündige Tun und Treiben seiner Geschöpfe. Wobei ihm, wie man weiß, die Zornesröte ins Gesicht schießt und gelegentlich auch der Kragen platzt.

Stellt doch der himmlische Vater seine Kinder vor die Wahl entweder bedingungslos auf sein Wort zu hören, oder seine Machtfülle fühlen zu müssen. Vulkanausbrüche, Seuchen, Erdbeben, Überflutungen usw. wurden daher in früheren Jahrhunderten als göttliche Strafmaßnahmen betrachtet. Selbst noch zur Zeit der Aufklärung, im Kälte- und Hungerjahr 1816, als im Juli Menschen erfroren und große Teile Deutschlands unter einer dicken Schneedecke lagen, erklärte die Kirche das Ausbleiben der Sonne als vorhersehbare Strafe Gottes.

Es muss ja nicht immer gleich Sünde heißen. Emissionshandel als Modernisierung des Ablasshandels

Sich seiner Sünden bewusst zu sein beinhaltet die Last eines schlechten Gewissens tragen zu müssen. Die Kirche nutzte diese Last zum eigenen Vorteil. Indem sie aus den Gewissensbissen, das sie ihren Schäflein aufzuschwatzen wusste, die wohl genialste Idee der Wirtschaftsgeschichte herleitete. Wer sein Gewissen erleichtern wollte, musste zahlen. Der mittelalterliche Ablasshandel besteht darin, sich von seinen Sünden freikaufen zu können. Was die Armen mit ihren nichtigen Sündlein im wahrsten Sinne des Wortes zu “armen Sündern” machte, während die Reichen ihr vergleichsweise beträchtliches Sündenregister aus der Portokasse tilgen konnten. Dieses Prinzip zur Gewissenserleichterung besteht nach wie vor.

Energie bewegt die Welt, und durch industrielle Energiegewinnung entstehen umwelt- und klimaschädigende Treibhausgase. Energie als Hauptwirkung ist ohne unerwünschte Nebenwirkungen (noch) nicht zu haben. Für dieses Dilemma wurde eine Schein-Lösung ersonnen, die an mittelalterliche Verhältnisse erinnert. So wie man damals seine Sünden für Geld loswerden konnte, kann man sich heute aus der Verantwortung für Klimawandel und Umweltzerstörung freikaufen. Für das Recht schädliche Treibhausgase auszustoßen erwerben Staaten und Unternehmen

handelbare Verschmutzungsrechte. Je mehr verschmutzt, also gesündigt wird, desto mehr muss bezahlt werden. Wer weniger verschmutzt, kann unbegangene Sünden verkaufen. Diese moderne Form des Ablasshandels ist natürlich nur für die größten und reichsten Umweltsäue interessant. Die sich für viel Geld problemlos eine moralische Erleichterung für ihre Umwelt- und Klimaschäden verschaffen können. Kleine Sünder in rückständigen Ländern sehen sich mit anderen Maßstäben konfrontiert. Für sie muss vor der Moral erst einmal die notwendige Energie fürs nackte Überleben kommen.

Corona als strafende Immunreaktion der Erde

Es gibt wohl kaum einen Satz in der Bibel der heute nicht heftigeren Widerspruch hervorrufen muss, als das bekannte: “macht euch die Erde untertan”. (Gen 1,28) Sieht es doch ganz danach aus, als ob der Mensch aus diesem Gotteswort einen Freibrief zur Herrschaft über alles ableitete was die Erde an Verwertbarem zu bieten hat. Seit einiger Zeit ist freilich immer deutlicher erkennbar, dass sich die Menschheit mit ihrem rücksichtslosen Herrschaftsgebaren über die Erde in akute Lebensgefahr brachte. Noch mehr Umweltzerstörung zum alleinigen Zweck eines stumpfsinnigen

Konsumverhaltens und ein weiter zunehmender Klimawandel werden tödlich sein. Das bestreiten heute nur noch Ignoranten und selbsternannte Genies.

Statt “macht euch die Erde untertan” wird deshalb vorgeschlagen, dieses schwer hinnehmbare Herrenwort mit einem entschiedenen “macht euch der Erde untertan” in sein zeitgemäßes Gegenteil zu verkehren. Auch wenn man der katholischen Kirche unterstellen darf mit ihren Dogmen lebensfremde bis lächerliche Positionen zu vertreten, hat sie dennoch einige Zeichen der Zeit richtig erkannt und damit auch bei nicht gläubigen Menschen gut gepunktet. Es gibt seit 2015 einen weltweiten, begrüßenswerten Gebetstag zur Bewahrung der Schöpfung. Angesichts großer ökologischer Schäden hatte Papst Franziskus zu einem verantwortungsvollen Verhalten gegenüber der Umwelt aufgerufen. Es käme für die Menschheit darauf an “den Schrei der Erde” zu hören und entsprechend zu handeln. Interessant an dieser Formulierung ist seine pantheistische Färbung: die Erde wird mit Gott gleichgesetzt. Die theologischen Konsequenzen liegen auf der Hand: so wie vor Gott, muss sich die Menschheit vor der Erde verantworten. Die konsequenterweise bei sündhaftem Verhalten über göttliche Strafbefugnis verfügt.

Über den Ursprung von Covid 19 ranken sich diverse Mutmaßungen. Ob das Virus in einer chinesischen Markthalle vom Tier auf den Menschen übersprang, oder aus einem Labor stammt ist bislang ungeklärt. Für eine radikalisierte “wir haben es kommen sehen” Fraktion ist der Fall jedoch klar. In diesen Kreisen kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Erde sich durch Covid 19 an den Umweltsünden der Menschheit gerächt hat. Das ist nicht nur aus ultrareligiösen, schwarzgrünen und sonstwie nicht ganz dichten Häusern zu hören. In diese Weltuntergangs-Posaune wird auch unter dem Deckmantel akademischer Gelehrsamkeit geblasen. Gemäß der Meinung, dass so wie Gott, auch das Virus alle Menschen gleichermaßen zur Verantwortung zieht, wurde Lesern des Bonner General-Anzeigers am 21.3.20 vom ortsansässigen Philosophen Markus Gabriel folgendes zugerufen.

“…ist das Corona-Virus eine Immunreaktion des Planeten gegen die Hybris des Menschen, der unzählige Lebewesen aus Profitgier zerstört.”

Darauf ein dreifaches Hosianna!!! Deutlicher kann man über die Wiederentdeckung der Sünde nicht frohlocken. Immerhin ist die Hybris, der Hochmut, eine der sieben Ursünden. Schon die alten Griechen ahnten, dass auf die Hybris Strafen der Götter folgen. Der Volksmund sagt: “Hochmut kommt vor dem Fall!” In diesem Fall schnürt der Austoß des Virus als “Immunreaktion des Planeten” hochmütigen Sündern auf Intensivstationen die Luft zum Atmen ab. Womit unsere Erde stellvertretend für Gott

agiert. Sie verhängt durch Corona Höllenstrafen für eine Menschheit, die sich an der Schöpfung versündigt hat. Nach Meinung derjenigen, die es jetzt schon kommen sehen, wird die Menschheit in Zukunft von noch bösartigeren Viren heimgesucht. Falls ihr die jetzige Katastrophe keine Lehre sein sollte.

Zu Corona kommen täglich neue Verschwörungstheorien hinzu. Einigen davon muss man zugestehen in ihrer Abstrusität einer erheiternder Einbildungskraft freien Lauf gelassen zu haben. Die Mutter aller Verschwörungen ist freilich dann am Werk, wenn sie sich mit einer heimtückisch initierten Pandemie an unseren Sünden rächt.

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