Bekanntlich wird der Krieg gegen die Intelligenz stets im Namen des gesunden Menschenverstands geführt.                 Roland Barthes

 

Hitler hat in der Innen- und Außenpolitik den gesunden Menschenverstand ausschlaggebend zur Geltung gebracht.   Rudolf Hess

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Beschränktheit als Beweis für Genialität

Immer wenn Donald Trump trotz rasant zunehmender Corona-Infektionen die Nation mit teils verharmlosenden und teils verblüffenden Einlassungen zum “Chinesen-Virus” unterhielt, stand

ein schmächtiges, gequält dreinblickendes Männlein im Hintergrund. Bei dem es sich um den obersten amerikanischen Immunologen und renomierten Wissenschaftler Dr. Fauci handelte. Obwohl seine Qualen wohl an jenem Abend am größten waren, als Trump zur Eindämmung der Seuche das Injizieren von Desinfektionsmittel in Erwägung zog, brachte er gegen diesen Therapieansatz keine Einwände vor. Das stand ihm nicht zu. Das wäre auch sinnlos gewesen, weil man Trump nicht mit sachlichen Argumenten oder gar wissenschaftlichen Erkenntnissen kommen durfte. Da wurde er rabiat. Unwiderlegbare Beweise zum Klimawandel lehnte er als Hirngespinst politisch verblendeter Volldeppen ab. Klimaforschern rief er höhnisch zu, dass ein bisschen Erderwärmung an bitterkalten Tagen durchaus nicht schaden könnte.

Es wäre voreilig Trump als nunmehr glücklich überwundenen Schnee von Gestern abzutun. Dafür ist der Mann, der bei seinen 75 Millionen Anhängern hysterische Begeisterungsstürme und sogar regelrechte Entzückungskrämpfe hervorrief, auch im Nachhinein viel zu interessant. Die rasende Bewunderung galt einem, dem die Präsidentschaft wie ein Geschenk des Himmels als Bühne zur narzisstischen Selbstinszenierung diente. Wobei man zugeben muss, dass seine tagtägliche Performance vor den Kameras im Vergleich zu sonst doch eher langweiligen politischen Amtshandlungen so etwas wie bombastische Spezialeffekte waren. Dass ihn erstaunlich viele Amerikaner nach wie vor als Licht- und Heilsgestalt verehren, verdankt er allerdings nicht allein seinem unbestreitbar großem Talent als Showmaster. Sein Erfolg ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass er sich den Menschen als volksnahe, und in der Hinsicht kerngesunde  “Geistesgröße” präsentierte. Und tatsächlich kann dieser Präsidenten-Darsteller für alle die am liebsten seine Füße küssen würden, als ideale Personifizierung eines idealen Geisteszustands betrachtet werden.

Man wird bei selbst wohlwollendster Betrachtung dagegen einwenden wollen, dass Trump auffallend beschränkte Geistesgaben an den Tag legte. Aber eben darin besteht paradoxerweise seine als vorbildlich aufgefasste geistige Größe. Was nämlich die Menschen am offenkundig

 

beschränkten Trump orkanartig bejubelten, war ja nicht nur Trump selbst, sondern auch und besonders die im Präsidenten leibhaftig gewordene Offenbarung ihres eigenen beschränkten Oberstübchens. Wodurch wie damals bei Volk und Führer eine geistige Horizontverschmelzung den Ton angab. Aus Trumps Mund bekamen die “Begeisterten” zu hören was sie ohnehin schon immer wussten: Dass man überhaupt nicht viel wissen muss, um gerade deshalb vieles besser als andere zu wissen. Trump selbst kokettierte ja zustimmungsheischend unaufhörlich damit, gar nicht alles wissen zu wollen. Aber dennoch in der Lage zu sein, wirklich wichtige Dinge in kürzester Zeit besser und tiefer als irgendwelche Spezialisten begreifen zu können. Offen   eingestandene Beschränktheit wurde damit zu einer Form von Allwissenheit ernannt. In der selbstverständlich auch das Licht der Genialität leuchtete. Bekanntlich hat sich Trump ernsthaft als “stable genius”, als “innerlich gefestigtes Genie” bezeichnet. Was außerhalb seiner Anhängerschaft als lächerlich empfunden wurde. Aber, und das ist in diesem Zusammenhang wesentlich, hat er damit lediglich die Genialität des gesunden Menschenverstands hervorgehoben.

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Das Brett vor dem Kopf und der Stolz auf die eigene Unbelehrbarkeit

Man denkt sich Genies oftmals als an Einsamkeit Leidende. Die erst dann zu Sternstunden der Menschheit werden, wenn ihre Genialität endlich entdeckt wird. Da derartige Entdeckungen aber eher selten sind darf vermutet werden, dass die Welt von unzähligen verkannten Genies bevölkert ist. Die in der Gewissheit ihrer Genialität, und oft bis an ihr kümmerliches Lebensende hin, an  mangelnden Geistesgaben ihrer Mitmenschen verzweifeln. Von einem ähnlichen Leidenszustand sind jedoch auch Menschen mit ausgeprägtem gesunden Menschenverstand befallen. Müssen sie doch häufig die schmerzliche Erfahrung machen sich mit Leuten herumschlagen zu müssen, die ihrer Meinung nach keinen haben. So dass in einer Mischung aus Ärger und Trübsal gelegentlich der Vergleich zu einem Deodorant bemüht wird. Den angeblich ausgerechnet  diejenigen nicht benutzen, die ihn am meisten brauchen. Das will heißen, dass Dumme stinken. Und zwar dümmlich daherredende  “Klugscheißer” und “Besserwisser”, die mit ihren verstopften Gehirnwindungen schwer von Begriff sind.

Der gesunde Menschenverstand, manchmal auch “Hausverstand” genannt, ist nach Immanuel Kant der durchschnittliche Verstand eines gesunden Menschen. Ein auf die alltäglichen Dinge des Lebens gerichteter praktischer Verstand. Dem die Kantsche “Kritik der Urteilskraft” ein notgedrungen absolut unverständliches Ärgernis sein muss. Im Vergleich zu Kants geistigen Höhenflügen strebt der gesunde Menschenverstand nicht nach Erkenntnis, sondern bleibt stets auf trittfestem Boden. Sich in Bescheidenheit übend will er nichts weiter als der gewöhnliche, also ganz normale, dem gemeinsamen Wissen und allgemeiner Menschenvernunft verpflichtete, lebensnahe Verstand sein.

Dem daher auch ungetrübtes, erfahrungsbezogenes, auf der Hand liegendes Urteilsvermögen innewohnt. Man würde heute von einem Bauchgefühl sprechen. Das allem Tun und Treiben unbeirrt und richtungsweisend vorangeht. Wenn jemand sagt: “du kannst sagen was du willst; aber ich lass mich nun mal nicht von meiner unerschütterliche Überzeugung abbringen, die ich ja übrigens mit vielen anderen teile”, wird im Tonfall der Überlegenheit nichts geringeres als die Ablehnung von Argumenten als ultimative Krönung des Denkens hingestellt. Womit sich der gesunde Menschenverstand als Stolz auf die eigene Unbelehrbarkeit, als Brett vor dem Kopf erweist. Das einen problemlos durchs Leben bringt. Indem es alle Sichtweisen außer der eigenen wohltuend fernhält. Seine Funktion ist damit aber keineswegs erschöpft. Immerhin dient dieses Brett bei Bedarf auch als Knüppel um auf Schlaumeier einzuschlagen. Auf Menschen, die einen beschuldigen die Welt nicht so zu sehen wie sie wirklich ist. Dem bekannten Beispiel vom mittelalterlichen Weltbild einer flachen Erde, die nie und nimmer eine um die Sonne kreisende Kugel sein kann, ist in dieser Hinsicht nichts hinzuzufügen.

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Gesunder Menschenverstand, gesundes Volksempfinden und deutsche Cancel Culture 

Es zeigt, dass der gesunde Menschenverstand seit jeher schon ein Rechtfertigungsgrund zur Ablehung und Bestrafung abweichender Meinungen ist. Wer sich ausdrücklich auf ihn beruft, benutzt ihn als Kampfbegriff gegen unbequeme Ein- und Aussichten. Etwa, wenn ein deutscher Verkehrsminister ihn als Argument gegen ein Tempolimit auf Autobahnen in den Mund nimmt. Worüber man amüsiert hinweggehen könnte. Belustigend ist die Sache aber nicht! Vor allem dann nicht wenn man bedenkt, dass in dieser Begriffsschöpfung die Unterscheidung zwischen geistig gesunden und geistig kranken Menschen zum Ausdruck kommt. Wobei anzumerken wäre, dass die eugenische Befürwortung zur Vernichtung eines kranken, “lebensunwerten Lebens” aus den Abgründen des gesunden Menschenverstands stammt. Aus denen sich übrigens schon der Knüppel schwingende Rüpel Luther bediente, indem er Vernunft als “Teufelshure” verfluchte.

Sprachgebrauch ist stets auch eine Geschmacksfrage. Im Vergleich zu bon sens oder common sense hat der deutsche gesunde Menschenverstand einen unüberhörbar widerlichen Beigeschmack. Eine Wortschöpfung, deren abstoßende Abscheulichkeit selbst bei nur halbwegs besseren Geschmacksempfindungen heutztage einfach nicht über die Lippen kommen dürfte. Nicht zuletzt auch deshalb nicht, weil die Nähe zu einem noch widerlicheren Begriff für empfindsame Gemüter abschreckend genug sein müsste. Der im Grunde genommen stockdumme gesunde Menschenverstand hat nämlich eine hässliche Schwester. Es gab in den frühen 60er Jahren die Aktion saubere Leinwand, die im Namen des gesunden Volksempfindes Nacktheit und Ferkeleien aus dem Kino verbannen wollte. Worüber man heute herzlich lachen könnte. Nicht aber wenn man bedenkt, dass diese längst totgeglaubte Schwester ein Kind zur Welt gebracht hat. Das im Strampelhöschen “gesunder” kollektiver Empörung und Betroffenheit als deutsche Cancel-Culture seine Mutter erfreut.,.

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