Unser Anteil an öffentlichen Angelegenheiten ist meist nur Philisterei. Goethe

In der hässlichen Stadt, in der ich die Wintermonate verbringe, benutze ich hin und wieder öffentliche Verkehrsmittel. Dabei ist mir ein Ereignis in lebhafter Erinnerung geblieben, das sich folgendermaßen zutrug. In einem städtischen Bus wurden im Verlauf einer Kontrolle zwei Schwarzfahrer erwischt. Es handelte sich bei den Delinquenten um einen Neger der eine Sonnenbrille trug, und einen besoffenen Krüppel. Der fehlende Papierkleinigkeiten als gegenstandslos abtat, und krakelend die Anerkennung seiner Menschen- und Krüppelwürde einforderte. Wobei er, trotz wiederholter Aufforderung es bleiben zu lassen, zur Unterstreichung dieses Ansinnens unentwegt seine Krücke auf den Boden stieß. So dass es im ganzen Bus bedenklich schepperte.

Als die Kontrolleure an einer Haltestelle die beiden Schwarzfahrer nach draußen führen wollten, nahm die Sache ein teils erheiterndes, teils beklemmendes Ende. Beim Aussteigen rammte der Krüppel einem Kontrolleur zwar unbeabsichtigt, aber dennoch mit voller Wucht die Krücke auf den Fuß. Was den Mann scherzverkrümmt fluchend zu Boden gehen ließ. Geistesgegenwärtig ergriff daraufhin der Neger seine Chance zur Flucht aus der Obhut des anderen Kontrolleurs. Indem er ihm einen Faustschlag ins Gesicht verpasste. Und die momentane Benommenheit seines Widersachers nutzend, zwecks Vermeidung weiterer Unannehmlichkeiten katzenflink das Weite suchte. Das er in jenen extrem heruntergekommenen Teilen der hässlichen Stadt gefunden haben mochte, in denen Neger auch am hellichten Tag zwischen geparkten Autos ihre Notdurft verrichten.

Vielleicht hat sowohl meine Wortwahl als auch die Tonlage in der sie geäußert wurde ein gewisses Unbehagen ausgelöst, und möglicherweise sogar Bestürzung hervorgerufen. Es wäre nicht das erste Mal. Als ich diese Begebenheit einmal viel ausführlicher als hier im geselligen Kreis einiger Bekannter vortrug, wurde ich ständig von einer friedhofsblonden, und mit charmanten Lachfältchen verzierten Juristin unterbrochen. Die amüsiert zuhörte, und sich dennoch veranlasst sah mir mit einem Unterton der Entrüstung immer wieder zuzurufen: “aber so wie du redet man doch heute nicht mehr!” Das weiß ich.

Um erst gar nicht den Verdacht aufkommen zu lassen brauner Fremdenhasser, Rassist, oder gar einer zu sein, der selbst vor der Befürwortung zur “Vernichtung lebensunwerten Lebens” nicht zurückschreckt, hätte ich mich anders ausdrücken müssen. Mit Worten die im Hinblick auf die Welt der Mühseligen und Beladenen anerkennenswerte Dinge wie Takt, Respekt, Verständnis, Mitmenschlichkeit, Einfühlung und Solidarität bekunden. Ich hätte daher sagen sollen: ein Herr der den Eindruck erweckte vor kurzem aus Gambia zugereist zu sein, und ein Behinderter, der auf eine Gehhilfe angewiesen war, und wohl aus Kummer über sein Schicksal ein Gläschen zu viel getrunken hatte…

Schon besser. Nicht wahr? In aller Bescheidenheit, das ist nicht nur besser, das hört sich beinahe schon nach preisverdächtiger Literatur an. Und doch, etwas stimmt an diesem Satz nicht. Dass die deutsche Sprache so dürftig nicht ist um derart kleinlaut und leichenblässlich aus der schillernden Lebendigkeit des Alltags zu berichten kann hier vernachlässigt werden. Nicht aber ein äußerst kompromittierender Umstand. Wenn ich mit der Zungenspitze im Mundwinkel grübelnd über einem Blatt Papier sitze, und mir menschelndes Gesäusel mühsamst aus den Fingern saugen muss, kann es mit meiner wahren humanitären Gesinnung nicht weit her sein. Noch viel schwerer wiegt ein anderer Einwand.

Alle die wirklich glauben so oder so ähnlich formulieren zu müssen, bekunden damit ihre Eingebundenheit in einer sozialen Zwangsjacke. In der die ethische Verpflichtung herrscht, Menschen wie der friedhofsblonden Juristin nicht vor den Kopf zu stoßen. Die man, ohne ihr damit zu nahe zu treten, getrost dem linken Gutmenschentum zuordnen darf. Wobei es sich um eine Zeitgeisthaltung handelt, die von einem innigen Verwandtschaftsverhältnis zum linken Horizont der Alt-68er geprägt ist.

Und damit zu einer Sache die einige Zeitgeister bestimmt nicht ansprechend finden werden, wenn ich sie ausspreche. Nach einem nunmehr halben Jahrhundert ist es der Alt-68er Generation im Schulterschluss mit ihrem Nachwuchs gelungen Deutschland radikal zu erneuern. Indem sie das genaue Gegenteil von dem hervorbrachten was sie einmal erträumten. Und zwar ein Spießertum, das in seiner erschreckend muffigen Stumpfsinnigkeit in der Geschichte deutscher Spießer absolut einmalig ist. Ohne jetzt schon auf dieses Spießertum

näher einzugehen sei einleitend daran erinnert, dass Spießer und ihr Spießertum gemeinhin als provozierend empfunden werden. Was zwangsläufig zur Folge hat, dass jedes Spießertum stets auch seine Widersacher auf die Bühne bringt. Die dann im Licht der Öffentlichkeit ihre Angriffe bevorzugt dort anzusetzen pflegen, wo es Spießern am meisten weh tut.

Man wird vielleicht schon ahnen worauf diese Andeutungen hinauslaufen. In Deutschland und auch anderswo wird derzeit in schrillen Tönen über die Wiederkehr schon längst überwunden geglaubter Phänomene wie Fremdenhass, Rechtsradikalismus, Rassismus, Antisemitismus usw. lamentiert. Das ist durchaus nachvollziehbar. Allerdings wird um eine wesentliche Ursache für diese Dinge ein weiter Bogen gemacht. Wie aus folgendem Beispiel hervorgehen dürfte, ist es eben nicht nur die Ankunft schlechtweggekommener Fremder, die zu mittlerweile bekannten Formen radikaler Ablehnung, sowie braunen und schwarzen Fundamentalismen geführt hat.

Angenommen, stiernackige Hosenträger marschieren irgendwo auf dem flachen Land vor einer

Flüchtlingsherberge auf. Wo sie ausländerfeindliche Parolen von sich geben, und anschließend das Horst Wessel Lied grölen. Was die Untergebrachten, wie beabsichtigt, in ihrer ohnehin schon starken Verunsicherung in Angst und Schrecken versetzt. Obwohl sie kein deutsch verstehen und auch mit deutschem Liedgut nichts anfangen können. Wohl aber die Empörten und Betroffenen in örtlichen Zeitungsredaktionen. Für die solche Vorkommnisse in ihrem langweiligen Redaktionsdasein stets ein hochwillkommener Anlass sind um sich mal wieder so richtig den Frust über Fremdenhass und Nazis von der Seele zu schreiben. Es dauert dann meistens nicht lange bis die üblichen Initiativen zu ihren üblichen Solidaritätsbekundungen aufrufen.

Was wiederum die stiernackigen Hosenträger, denen normalerweise nichts anderes einfallen würde als in ihrer übergewichtigen Bedeutungslosigkeit vor Frittenbuden herumzuhängen, zu weiteren, und möglichst öffentlichkeitswirksameren Aktionen anstachelt. Die Empörten, Entrüsteten und Solidarischen kämen andrerseits in ihrem wohligen Betroffenheitsdusel freilich nie auf den Gedanken, dass bei solchen Aktionen nicht irgendwelche Fremde, sondern sie selbst die wirklichen Adressaten der Fremdenhasser sind.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen möchte ich einen bestimmten Vorbehalt nochmals nachdrücklich hervorheben. Das unselige Ständchen vor der Flüchtlingsherberge, und alles worüber sonst noch helle Aufregung herrscht, sind Dinge bei denen zwei voneinander entgegengesetzte Verlaufsrichtungen zu beachten sind. Handelt es sich doch um Ereignisse die zusammengenommen zwar ganz bestimmt nicht nur, aber in einem hohen Ausmaß eben auch als Frontalangriffe auf die höchsten geistigen Güter des heutigen deutschen Alt-68er Spießertums verstanden werden müssen.

 

Was sind Spießer?

Ob das Wort aus dem Umstand entstand, dass im Mittelalter arme Leute nicht hoch zu Ross, sondern zu Fuß und mit nur einem Spieß bewaffnet sich gegen Angreifer wehren mussten, sei dahingestellt. Modernen lexikalischen Definitionen zu Spießer und Spießertum ist nichts brauchbares zu entnehmen. Man wird aber mit einiger Berechtigung Spießer als Menschen bezeichnen können, die in vielerlei Hinsicht regelrecht stolz auf ihre Unbelehrbarkeit zu sein scheinen. Wer über Spießer und Spießertum theoretisieren möchte wird nicht an Friedrich Nietzsche vorbeikommen. Der im zweiten Hohelied seines Zarathustra die Wesensmerkmale von Spießern beleuchtet.

Mit hehren Absichten als geistige Alternative zur Beschränktheit des gewöhnlichen Denkens in Erscheinung tretend, macht Zarathustra eine zutiefst niederschmetternde Erfahrung. Bei seiner Begegnung mit den Menschen muss er feststellen, dass sie in ihrem Dasein nichts anderes wollen als einfach nur so zu sein wie sie sind. Und, als ob das nicht schon verwerflich genug wäre, ihr größtes Glück auf Erden darin erkennen, in ihrem Denken und Fühlen genau so wie alle anderen auch zu denken und zu fühlen. Über ihren Stumpsinn entsetzt bleibt Zarathustra nichts anderes übrig als Menschen verlassen, die ohne jegliche Ambitionen dahinleben. Aber nichtsdestoweniger regelrecht süchtig danach sind sich jederzeit selbst als Höhepunkt des Menschseins zu sehen. Menschen, die ihre dümmliche Selbstzufriedenheit mit geistigen Höchstleistungen verwechseln. Nietzsche nennt sie die “verächtlichsten Geschöpfe” unter der Sonne.

Wird fortgesetzt…

 

 

 

 

 


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