Ich kann es nicht oft genug wiederholen: um Herr des Kindes zu sein, muss man Herr über sich selbst sein.   Jean-Jacques Rousseau  (1712 – 1778)

 

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Lostrommel, Nieten und Kindesführung

Das ist der 5. und letzte Beitrag zu einer Thematik, die keine Begeisterungsstürme hervorgerufen hat. Schließlich ist es geradezu unanständig die Meinung zu vertreten, dass angebliches Glück mit Kindern in Wirklichkeit ein nichtendendwollendes Unglück mit Kindern ist. So etwas öffentlich zu sagen ist nicht nur nicht schicklich, sondern sogar eine moderne Form von Ketzerei. Für die in sozialen Medien schnell der Scheiterhaufen entzündet wird. Im Bewusstsein auch diesmal wieder den Flammen übergeben zu werden, wünsche ich aufgeschlossenen Leserinnen und Lesern aber dennoch wie immer viel Spaß beim Lesen.

Denen ich zunächst einmal eine alleinerziehende Mutter mit zwei Töchtern vorstellen möchte. Die kürzlich im australischen New South Wales mit einer eigenartigen Bitte an die Behörden herantrat. Man möge ihr doch unverzüglich ihre Töchter wegnehmen, die ihr das Leben zur Qual

machen würden. So dass sie Ihrer Fürsorgepflicht nicht mehr nachkommen könnte. Berichten in australischen Medien zufolge soll es sich bei den Töchtern um kiffende, schulschwänzende und gegenüber der Mutter zu Handgreiflichkeiten neigende Mädchen handeln. Ob, oder inwieweit die Behörden die Frau aus ihrer mütterlichen Not erlösten, ist hier unerheblich.

Die genau entgegengesetzte Notlage dieser bedauernswerten Mutter bekundete ein 25 jähriger Inder. Der junge Mann hatte seine Eltern verklagt ihn gezeugt zu haben. In der Klageschrift gab er an, ohne seine Einwilligung durch elterliche Willkür in die Welt gesetzt worden zu sein. Eine Welt, die ihm aufgrund ihres katastrophalen Zustands schweres seelisches Leid zufüge. Was ihn daran hindern würde ein normales Leben zu führen. Und wofür die Verursacher seiner unfreiwillig zustandegekommenen Existenz eine angemessene Gefängnisstrafe absitzen müssten.

Die Erfolgsaussichten des klagefreudigen jungen Inders dürften gegen Null tendieren.

Seine anitinatalistische Argumentation ist zwar originell und nachvollziehbar, in juristischer Hinsicht aber gegenstandslos. So wie es auch sinnlos wäre amerikanische Eltern zu verklagen, deren Sprößlinge mit dem Sturmgewehr in Menschenmengen schießen. Was aus Kindern wird, steht nun mal gleichermaßen für alle Eltern in den Sternen. Das Ehepaar Alois und Klara Hitler konnte ja auch nicht ahnen, dass der friedlich in seinem Bettchen liegende Adolf einmal die Welt in Rauch und Flammen aufgehen lassen würde.

Man sieht, wer Kinder in die Welt setzt, produziert zwangsläufig lebende Wege ins Ungewisse. Gar nicht so selten bleibt im Nachinein nur die Gewissheit, dass aus einstmals lieben Kindern abscheuliche Monster wurden. Dass Menschen wie Stalin, Hitler oder Mao besser nicht das Licht der Welt erblickt hätten, ist dabei nur ein hilfloser Stoßseufzer. Es hilft nichts, Fortpflanzung ist nicht nur Menschenrecht, sondern stets auch ein Griff in die Lostrommel. Und wie bei Losziehungen üblich, werden Nieten mit ärgerlicher Regelmässigkeit weitaus häufiger als Hauptgewinne gezogen. Das ist ein schweres Los, mit dem sich alle Eltern dieser Welt schon seit jeher notgedrungen abfinden mussten.

Wovon Gustav Schwab 1838 unter dem verharmlosenden Titel: “Die schönsten Sagen des klassischen Alterums” abschreckende Beispiele erzählt. Diese “schönen Sagen” sind in

Wirklichkeit Schauermärchen über nicht mehr rückgängig zu machende Losziehungen. Da sind Ungeheuer, die erbarmungslos gegen ihre Eltern kämpfen. Und Monster, die aus elterlichen Verbindungen ungeheuerlichster Art hervorgegangen sind. Die alten Griechen wussten aus Erfahrung wovon sie sprachen. Erkannten sie doch in solchen Mythen ein Spiegelbild jener Unwägbarkeiten, die sich ins Bettgeschehen einschleichen. und zu monströsen Gefährdungen des Gemeinwohls heranwachsen können. So dass die alten Griechen, kreativ wie sie waren, Maßnahmen zur Abwehr derartiger Gefahren ergriffen.

Um den Auftritt frecher Kinder, wildgewordener Halbstarker, oder gar revolutionärer Umstürzler in ihrer Stadt von Anfang an zu verhindern, wurde im Athen des 5. Jahrhunderts vor Chr. die paideia, eine Methode zur “Kindesführung” ersonnen. Die der körperlichen, geistigen und charakterlichen Prägung junger Menschen dienen sollte. Das Wort bezeichnet einerseits ein durchdachtes Erziehungsideal und andrerseits das zufriedenstellende, gemeinschaftsfördernde  Resultat von Erziehung. Die Bedeutung des Worts erstreckt sich somit auf die erstrebenswerte Hinwendung des Menschen zu Vernunft und Bildung. Was wiederum mit dem allgemeinen Ziel der Pädagogik in Verbindung steht.

Moderne Pädagogen hören es daher nicht gerne, dass der paidagogos ursprünglich kein wissensvermittelnder Mensch, sondern ein Sklave für besondere Aufgaben war. Der Knaben auf dem Weg zur Schule begleitete. Es oblag ihm dafür zu sorgen, dass seine Schützlinge nicht auf Annäherungsversuche von Päderasten eingingen. Immerhin war das, was in älteren deutschen Wörterbüchern als “Knabenschänderei” benannt wird, im alten Athen die normalste Sache der Welt. Die allerdings nicht auf dem Schulweg angebahnt werden sollte. Übrigens mussten die Vorläufer moderner Pädagogen auch darauf achten, dass die Schüler ordentlich gekleidet waren und sich bei Tisch nicht flegelhaft benahmen. Womit sie heute hoffnungslos überfordert wären.

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Eine zukunftsweisende Vision aus dem Altertum für eine schöne neue Kinderwelt

Trotz aller modernen pädagogischen Errungenschaften muss sich angesichts des Zustands unserer Welt der Verdacht aufdrängen, dass Pädagogik so etwas ähnliches wie Homöopathie ist. Die ja erwiesenermaßen keine Wirkung erzielt. Als wirkungslos hat sich im Rückblick auf unsere abendländische Geschichte auch die Pädagogik erwiesen. Deren noch so noble Ambitionen nicht ausreichten, um im 20. Jahrhundert den Ausbruch der bislang barbarischsten Ereignisse der Weltgeschichte zu verhindern.

Zu behaupten, es würde heute dank pädagogischer Ambitionen eine vorher nie gekannte Hinwendung der Menschen zu Bildung und Vernunft stattfinden, muss im Hinblick auf gegenwärtige Verhältnisse wie blanker Zynismus erscheinen. Dass die Menschheit wortreich aber hilflos vor ihren selbstgemachten Problemen steht, ist bestimmt nicht nur, aber doch auch auf die vollkommene Wirkungslosigkeit von Pädagogik zurückzuführen. Es könnten sogar viele Beispiele dafür angeführt werden, dass die Menschheit, aufs Ganze gesehen, trotz aller Pädagogik und einer Fülle von Bildungsangeboten ein sehr ernstes Verblödungsproblem hat.

Angesichts eines auf der Kippe stehenden Planeten wird man deshalb nicht umhin können, unvoreingenommen nach grundlegenden Systemfehlern im menschlichen Miteinander Ausschau zu halten. Wobei sich schließlich auch der Verdacht aufdrängt, dass der wohl schwerwiegendste Fehler in einer wie selbstverständlich gehandhabten Gewohnheit lauert. Und zwar in der Gepflogenheit Kinder bei ihren Eltern aufwachsen lassen.

Und damit zur Sache. Wer die Allerweltsmeinung vertritt Kinder würden ihre Eltern “brauchen”, muss konsequenterweise auch die Frage nach dem “Gebrauchswert” von Eltern-Kind Beziehungen beantworten. Und zwar im Hinblick auf unsere Überlebenschancen. Es wäre zu fragen, ob all die Energie, die in familiären Abnutzungskämpfen tagtäglich nutzlos vergeudet wird, nicht besser zur Erhaltung unseres Planeten gebündelt werden könnte.

Ich möchte in diesem Zusammenhang, und zum Abschluss dieses Beitrags, eine Vision aus dem Altertum aufgreifen. Die angesichts unserer Lage durchaus vernünftig erscheint. Wie die Verhältnisse zwischen Eltern und ihren Kindern anders, ganz anders geregelt werden könnten, erfahren wir von Platon (424 – 349 vor Chr.) in

seinen Ausführungen über das ideale Gemeinwesen, der politeia. Im 5. Kapitel dieses Buchs wird die Familie als überflüssig abgetan, und die vollständige Auflösung familiärer Verhältnisse befürwortet.

Platon fordert die Abschaffung von Gefühlen und Loyalitäten innerhalb der Familie. Und zwar zum Wohl der einzigen Sache, der man zu bedingungsloser Loyalität vepflichtet wäre: dem Staat. Natürlich klingt das schrecklich. Dennoch kann man Platon dahingehend beipflichten, dass heutztage die einzige, zu bedingungsloser Loyalität verpflichtende Sache doch nichts anderes als der Planet sein kann, auf dem wir leben.

Platon plädiert dafür, dass Kinder im siebten Lebensjahr von ihren Eltern getrennt, und staatlichen Bildungseinrichtungen zugeführt werden. In denen sie ihre Eltern vergessen. Einschränkend sei hinzugefügt, dass diese Erziehungsmaßnahme nur für höhere Schichten vorgesehen ist, aus denen der Nachwuchs für gesellschaftliche Führungspositionen im Staat rekrutiert wird. Die erst nach einer nicht weniger als vierzigjährigen (!) Ausbildung angetreten werden. Für forsche Nachwuchspolitiker, die den Leuten zustimmungsheischend nach dem Mund reden, ist in seinem Staat kein Platz.

Da Platons Staat modernen Demokratien diametral entgegengesetzt ist, wird sein Entwurf häufig als Skizze für eine Diktatur betrachtet. Immerhin steht an der Spitze seines Staats nicht die Auffassung der Mehrheit, sondern die Weisheit. Worüber die Meinungen auseinandergehen. Man darf freilich der Meinung sein, dass zum Wohl unseres Planeten eine Diktatur der Vernunft jener globalen Diktatur der Dummheit vorzuziehen ist, in der Kinder heute aufwachsen müssen