Ich möchte die nun folgenden ekeltheoretischen Erörterungen mit der Feststellung beginnen, dass es heute nichts, wirklich gar nichts mehr gibt, was nicht als ekelhaft empfunden werden könnte. Eine Flut neuer ästhetischer Normen, um nicht zu sagen Vorschriften, hat das einstmals eher überschaubare Spektrum des Ekligen im Vergleich zum Gefälligen überproportional anschwellen lassen. Die Menge an Dingen die Ekelgefühle wecken, lässt Assoziationen an ein nicht aus der Welt zu schaffendes, und mit lauter Kotzbrocken gefülltes Ekelpaket aufkommen. Das zu erbitterten Abwehrmaßnahmen und rabiaten Rückzugskämpfen in die erhabene Reinheit der eigenen Würde Anlass gibt. Da Bilder oftmals mehr als tausend Worte sagen, sei hier an einen dafür bezeichnenden, inzwischen etwas in Vergessenheit geratenen Film erinnert.

Roman Polanski hat in einem seiner frühen Filme die Geschichte von Carole, einer schönen jungen Frau erzählt, die sich vor Männern ekelt und deren Annäherungsversuche als widerlich empfindet. Ihre Schwester Helen allerdings, mit der sie sich ein Londoner Apartment teilt, hat einen Freund, der häufig im Apartment übernachtet. Bei diesen Gelegenheiten wird Carole in ihrem Bett durch Geräusche stürmischster Zuneigung gepeinigt, die durch eine dünne Wand aus dem nebenan liegenden Schlafzimmer der Schwester dringen. Als ebenso abstoßend, wenn nicht sogar noch abscheulicher empfindet Carole den Anblick des Rasierzeugs, das der eher unbedarfte Liebhaber der Schwester ganz ungeniert im Badezimmer ausgebreitet hat.

Polanski’s Repulsion  (1965), dessen deutscher Titel treffenderweise “Ekel” lautet, illustriert die Gefühlswelt einer starken Abneigung gegen Männer, die bei oberflächlicher Betrachtung als

neurotische Auswüchse erscheinen mögen, Im Grunde genommen aber ganz normale, wenngleich künstlerisch überzeichnete Äußerungen heftigster Ablehnung sind. Wobei im Hinblick von Mensch zu Mensch aufs Ganze gesehen eine reichlich unschöne Sache bedacht sein will. Wenn zwei sich lieben, ist ihre innige Zuneigung leider immer nur die verklärte Ausnahme im alltäglichen Normalzustand einer  intensiven, und meistens bis zum Ekel gesteigerten, jedoch mittels zivilisierter Umgangsformen mehr schlecht als recht verdeckten Abscheu zwischen Mensch und Mensch. Dem Chef zuzurufen: “verpiss dich, du ekelst mich an!”, wird zwar aus naheliegenden Gründen unterlassen, der Ekel dabei jedoch nur unterdrückt. Der sich dann aber Abends in den eigenen vier Wänden, wie man weiß, umso ergiebiger über infragekommende Ekelobjekte ergießt.

Sich gegenseitig als ekelhaft zu empfinden ist eine Art von Abscheu, die natürlich auch und besonders seit jeher schon das Verhältnis zwischen Männern und Frauen vergiftet. Völkerkundler wissen bezeichnenderweise von sogenannten “primitiven” Stämmen zu berichten, bei denen Männer, um sich vor lauter Ekel nicht spontan übergeben zu müssen, stark riechende Kräuter in die Nase stecken, bevor sie Frauen begatten. Dass sie trotzdem tun, was sie eigentlich nicht tun wollen, erklärt sich aus der Notwendigkeit für Nachwuchs zu sorgen. Bleiben wir angesichts dieser Maßnahme zur Ekelabwehr eine Weile beim Ekel der zwischen Männern und Frauen waltet.

Die gerade erwähnte Beobachtung aus der ethnologischen Feldforschung lässt die Vermutung aufkommen, dass jene doch beträchtlichen Mengen an Alkohol, die hauptsächlich von Männern bei “gewissen Stunden” konsumiert werden, eine ähnliche Funktion wie eben diese Kräuter erfüllen dürften. Wobei die gnädig vernebelnde Wirkung des Alkohols durch situationsbedingt von Frauen getragener, sogenannter Reizwäsche”, zusätzlich gesteigert wird. Die scharfen Fetzen sind ja angetan, um bei Männern eine draufgängerische erotische Stimmungslage hervorzurufen. Die sich, um es annähernd und vorsichtig zu sagen, hinsichtlich bloßer weiblicher Ganz-Nackheit nicht unbedingt einstellen würde. Womit in ekeltheoretischer Hinsicht ein gerne “übersehener” Umstand ins Blickfeld geraten ist.

Man darf sich hierbei nämlich in Erinnerung rufen, dass der Mensch mit seinen unteren Sachen in ästhetischer Hinsicht wirklich nicht gut weggekommen ist. Im Gegernteil! Auch auf die Gefahr hin ästhetisches Empfinden zu verletzen, möchte ich dennoch einen wenigstens kurzen Blick auf ein skandalträchtiges Gemälde von Gustave Courbet freigeben, das mit dem nachdenklich stimmenden Titel “Ursprung der Welt” (1866) die Augen der Betrachter behelligt. Was da in einem beeindruckenden Rahmen zu sehen ist, ist eine doch eher eher weniger beeindruckende Sache.

Die sich jenseits aller kunsttheoretischen und schöngeistigen Erwägungen als nackte Wahrheit per excellence manifestiert. Nichts vermag etwas daran zu ändern, dass, wie der Kirchenvater Augustinus hervorgehoben hat, der Mensch zwischen Kot und Urin zur Welt kommt. Das sind Dinge, die im Zusammenhang mit Ekel aufhorchen lassen. Schließlich werden Urin und Kot gemeinhin als ekelerregend aufgefasst. So dass, um den Titel des Gemäldes zu präzisieren. der Ursprung der menschlichen Welt, die weiblich-fleischliche Heimat des Menschen, zugleich auch die Ursprungsgefielde des Ekels sind. Kein Wunder, dass Männer sich angesichts dieser nicht aus der Welt zu schaffenden Widerwärtigkeit veranlasst sahen, in eine ganz andere Welt, in die Reinheit des Geistes zu flüchten. Gott, Philosophie, Künste, Mathematik usw. sind Mittel, um vom ekelerregenden Schmutz der weiblichen Herkunft loszukommen. Es gibt freilich auch noch eine andere Möglichkeit die ekelhafte Heimat des Menschen auf Abstand zu halten. Indem man sich eingedenk ihrer Existenz von ihrem Anblick befreit.

Wenn  ich Frauen unter Androhung drakonischer Strafen befehle sich zu verhüllen, bekunde ich damit sie nicht sehen zu wollen. Jene in der islamischen Welt von Männern aus angeblich “religiösen” Gründen durchgesetzten Verschleierungsgebote bringen einen dort herrschenden, offen praktizierten Ekel vor Frauen zum Ausdruck. Von dem angenommen werden darf, dass er

wohl nicht nur, aber eben doch auch einer mittlerweile weit zurückreichenden, heute jedoch uneingestandenen homoerotischen Grundströmung entspringt. Ohne auf diese in früheren Beiträgen schon erörterte Thematik weiter einzugehen sei hier nur beiläufig erwähnt, dass keine logisch nachvollziehbaren Gründe erkennbar sind, weshalb heterosexuell veranlagte Männer unverhüllte Frauen als unannehmbare Zumutung auffassen sollten. Als ebenso wenig schlüssig, ja als geradezu grotesk muss die in der islamischen Welt zu beobachtende Gleichzeitigkeit von unverhohlenem Frauenhass und rabiater Homophobie anmuten. Was sich eigentlich jeder Logik. entziehen müsste, aber im Kopf junger Muslime, wie hinsichtlich von Massenvergewaltigungen zu zeigen wäre, unselige Verbindungen eingeht. Wahrscheinlich könnten nur ethnopsychiatrische Untersuchungen zutage fördern, wo genau bei Muslimen der Hund des Ekels die Zähne fletscht.

Ekel, Hass und Hetze

Wie gerufen zur Verfassung dieses Beitrags über Ekelgefühle hat kürzlich ein Mann auf Twitter ein Foto von seiner Hand veröffentlicht. Und zwar deshalb, weil jemand die geschwollenen Adern der Hand, wie er im Tonfall der Ratlosigkeit mitteilte, als “ekelhaft” bezeichnet hätte. Aber es ist

nun mal so, dass es heute nun mal nichts mehr gibt, was nicht als ekelhaft empfunden werden könnte. Alles was nicht unermüdlich propagierten ästhetischen Idealen entspricht, bewirkt Unlustgefühle. Wenden wir uns daher vom Anblick bläulicher Krampfadern ab, die der Herr Krause in kurzen Hosen, schwarzen Birkenstock Sandalen und weißen Socken seinen  ohnehin schon von Widerwärtigkeiten heimgesuchten Mitmenschen zumutet.

Aufkommende Ekelgefühle waren früher einmal ein überlebensnotwendiges Sicherheitsventil. Es verhinderte Berührungen oder den Verzehr von Dingen, die sich als krankheitserregend oder lebensgefährlich erweisen würden. Weshalb gemeinhin weder Schlangen angefasst, Knochen verwesender Leichen abgenagt, oder vor Fast-Food Restaurants ausgeworfene Mageninhalte verzehrt werden. Ekel als Sicherheitsventil versieht freilich auch noch im modernen Alltag zuverlässig seinen Dienst. Wenn etwa die Hand vor feuchtwarmen Haltestangen in öffentlichen Verkehrsmittel instinktiv zurückschreckt. Damit aber nicht genug! Überträgt sich doch dieser Ekel vor der widerlichen Haltestange automatisch auf die Gesichter umherstender Menschen. Damit aber immer noch nicht genug! Die auf sie projizierten Ekelgefühle vermischen sich nämlich mit dem Ekel vor fettleibigen Nachbarn, bleichfetten Vorgesetzten, eklig anbiedernd schwafelnden Politikern, durchdringendem Treppenhausmief usw. zu einer dickflüssigen, grässlich warmen Brühe. Die im Alltag ständig hochschwappen will und nur mühsam unterdrückt werden kann.

Nichts führt an der Einsicht vorbei, dass das ergreifende Hohelied von Mitmenschlichkeit und Wohlwollen in der heutigen gesellschaftlichen Landschaft nur noch als Lachnummer gesungen werden könnte. Die Allgegenwart von Hass und Hetze weist eindeutig darauf hin, dass man sich gegenseitig einfach nur noch gründlich anekelt.