Im Sommer 2012 gelangte in Deutschland ein Video an die Öffentlichkeit, das eine gewisse Gina-Lisa Lohfink beim Sex mit zwei Männern zeigte. Woran nichts erwähnenswert gewesen wäre, wenn die Frau im Nachhinein nicht behauptet hätte, beim Flotten Dreier gegen ihren Willen mitgetan zu haben. Sie gab an, mit Ko-Tropfen gefügig gemacht worden zu sein. So dass

nunmehr vom Tatbestand der Vergewaltigung die Rede war. Der Fall der vergewaltigten Frau rief einen Aufschrei der Empörung hervor. Die Männer kamen vor Gericht. Frauenrechtlerinnen gingen auf die Straße. Selbst die damalige Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig fand deutliche Worte der Entrüstung und bekundete ihr Mitgefühl mit dem Opfer. Bald stellte sich jedoch heraus, dass alle Solidaritätsbekundungen  mit Frau Lohfink vorschnell abgegeben wurden. An der Geschichte mit der Vergewaltigung war nichts dran! Die Frau nämlich, die in der vierten Staffel von Germany’Next Topmodel vor den Kameras stand, kurzzeitig mit einem Adeligen liiert war und sich auch schon als Sängerin versucht hatte, wollte mit der Sache lediglich ihren Bekanntheitsgrad steigern. Was ihr ja auch gelang. Es erscheint daher sinnvoll hinterfragende Blicke auf Menschen anzulegen, die sich aufmerksamkeitsheischend in ihren Opferrollen sonnen.  

Die angebliche Vergewaltigung einer deutschen Trash-Ikone lässt in diesem Sinne Gedanken an den aufsehenerregenden Fall eines (noch) unbekannten jüdischen Sängers aufkommen. Der im Herbst 2021 an der Rezeption eines Leipziger Hotels mit antisemitischem Verhalten gekränkt wurde. Gil Ofarim, so heißt der Sänger, wurde beim Check-in barsch aufgefordert seinen “Stern” wegzutun. Womit ein sogenannter Davidstern gemeint war, den er gut sichtbar am Hals trug. 

Der Mann verließ umgehend das Hotel und wandte sich In seiner Niedergeschlagenheit an die Öffentlichkeit. Woraufhin eine inzwischen bestens funktionierende Empörungsmaschinerie in kürzester Zeit auf Hochtouren lief. In der Presse und sozialen Medien wurden Mahnrufe laut. Wut Bestürzung und händeringende Fassungslosigkeit zum Ausdruck gebracht. Vor dem Hotel fanden Demonstrationen gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus statt. Mahnwachen bezogen Stellung. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland 

forderte eine Entschuldigung von der Leitung des Hotels. Allerdings hatten Mitarbeiter des Hauses längst schon ihre Solidarität mit dem jüdischen Gast bekundet. Indem sie sich an ihrer Wirkungsstätte mit der Flagge Israels postierten. Ihre antisemitsch eingestellten Kollegen von der Rezeption wurden unterdessen bis zur endgültigen Klärung des gewiss unentschuldbaren Vorfalls von ihren Verpflichtungen entbunden. Der gleichwohl die Frage aufwirft, mit welcher Begründung er überhaupt als antisemitisch angeprangert wird. Von antisemitischen Äußerungen ist nichts bekannt. Und so sternenklar wie sich die Sache mit dem Stern darstellt, ist sie nämlich keineswegs.

Werfen wir vor einer Beschäftigung mit dieser Angelegenheit zunächst einmal einen Blick auf die nebeneinander stehenden Menschen vor dem Hoteleingang. Aufmerksame Betrachter werden dabei bemerken, dass zwischen den beiden israelischen Flaggen der Hilal zu sehen ist. Die Mondsichel mit fünfzackigem Stern. Ein ursprünglich osmanisches Zeichen. Das heute aber der islamischen Welt, einem erklärtermaßen judenfeindlich eingestellten Staatenbündnis, als visuelle Bezeichnung für infragekommende Hohheitsgebiete dient. Den Hotelangestellten Zynismus zu unterstellen wäre verfehlt. In ihrer bestimmt aufrichtig gemeinten Solidarität mit Menschen jüdischen Glaubens erschien ihnen Stern einfach nur Stern. Woraus man ihnen keinen Vorwurf machen darf. Schließlich ist die weite Welt visueller Zeichen ein reichlich unübersichtliches, geradezu verwirrendes und gelegentlich auch reichlich explosives Gelände.

Wovon der jüdische Sänger nach seinem erfolglosen Check-in ein niederschmetterndes Lied singen kann. Dem in seiner persönlichen Sichtweise folgender Sachverhalt zugrunde liegt: Er, Herr Ofarim, ein Jude mit Davidstern, will in einem deutschen Hotel übernachten. In dem man ihn unmittelbar als Juden erkennt und als unerwünschte Person behandelt. Und zwar einzig und allein aufgrund seines Sterns, der dem Personal an der Rezeption sogleich als Hassobjekt ins Auge sticht. Natürlich ist es naheliegend Judenfeindlichkeit anzunehmen. Aber nur unter der Voraussetzung, dass Herr Ofarims Stern auch tatsächlich mit dem Judentum identifiziert wird.   

Was der Sänger am Hals trägt, ist aber im Grunde genommen zunächst einmal “nur” ein Stern. Sonst gar nichts! Ein visuelles Zeichen. Wobei bedacht sein will, dass so wie die Welt selbst, auch die Welt der Zeichen und ihrer Bedeutungen unablässigen Veränderungen unterworfen ist. Das Problem besteht somit darin, dass es vermessen wäre vorauszusetzen, alle Menschen dieser Welt würden Herrn Ofarims Stern genau so sehen, wie er ihn selbst sieht. Würde er als stolzer Besitzer eines Mercedes einen Mercedes-Stern am Hals tragen, gingen die Meinungen ebenfalls auseinander. Falls er damit seine emotionale Verbundenheit mit deutscher Ingenieurskunst bezeichnen wollte, könnte er nicht darauf zählen, dass sie spontan geteilt würde. Der Mercedes-Stern könnte Neid, Spott oder, sehr wahrscheinlich, antikapitalistische Gefühlsaufwallungen hervorrufen.

Wenn Herr Ofarim in “seinem” Stern “seinen” Staat und das Schicksal von Menschen “seines” Glaubens erkennt, verkennt er die Tatsache, dass die von ihm angenommene, ehemalige Grundbedeutung des Davidsterns, seine Denotation, gewissermaßen nur noch Sternenstaub ist. Als global verbreiteter, massenhaft hergestellter Modeschmuck, hat sich die vormalige 

Eindeutigkeit des Zeichens an seinem Hals in vielerlei Nebenbedeutungen, in Konnotationen aufgelöst. Das heißt, dass Herr Ofarims Stern für verschiedene Menschen verschiedene Dinge bedeutet. Für Schulmädchen etwas anderes als für Zuhälter, Schwimmlehrer, Reiseleiter, Zahnarzthelferinnen oder Auftragskiller. Dass ein besonders schön glitzerndes Exemplar des Sterns in Frau Lohfinks Modeschmuckkästchen liegt, kann bestimmt nicht ausgeschlossen werden. Die, was Herr Ofarim erzürnen müsste, das Stück als “sexy” empfinden dürfte. So wie ja auch das christliche Kreuz am Busen betont offenherzig waltender Bardamen nicht als Zeichen religiöser Sittlichkeit verstanden sein will. 

Kenner kunstheoretischer Erörterungen wissen, dass Walter Benjamin am “Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit” den Verlust seiner Ursprünglichkeit: seiner “Aura” beklagte. Sind aber erst einmal religiöse Symbole bzw. Zeichen ethnischer Zugehörigkeit den Verwertungsinteressen einer globalen Schmuckindustrie anheimgegeben, hängt auch das Schicksal des Davidsterns lose unter dem Kinn der Menschen. Das also, was Herr Ofarim als hoch und heilig erachtetet, ist für andere zwangsläufig nichts weiter als einfach nur millionenfach getragener Bling-Bling. Ob und inwieweit der Vorfall im Hotel als antisemitisch einzustufen ist, steht somit im wahrsten Sinne des Wortes im Funkeln der Sterne. 

Angenommen, der hier abgebildete Mann hätte vom Personal eines Dortmunder Lokals, in dem 

er eine Stärkung zu sich genommen hat, aufgrund seines Bling-Bling wenig schmeichelhafte Bemerkungen zu hören bekommen. Angenommen auch, es würde sich bei dem Mann um einen Rapper handeln. Der gerade seinen ersten Plattenvertrag unterschrieben hat und einer ethnischen Minderheit angehört: den Sinti oder Roma. Was folgt daraus? Dass die Schlagzeile “Diamando Hundo in Dortmunder Restaurant  als Zigeuner beschimpft” es ihm ermöglichen würde, den Schrott an Hals und Handgelenk mit einer goldenen Rolex zu kombinieren. Wobei ich hinsichtlich des jüdischen Sängers nichts unterstellen möchte.

Als bezeichnend für vorbildliche deutsche Empörungsbereitschaft sei abschließend noch der Fall einer jungen Dame erwähnt, die aufgrund ihres T-Shirts vom Verkaufspersonal einer Bäckerei als 

“Nazischlampe” beleidigt wurde. Die junge Dame leitete rechtliche Schritte ein. Sie mit Hitler in Verbindung zu bringen ist nicht nur in rechtlicher Hinsicht völlig daneben. Auf ihrem T-Shirt ist ja kein Hakenkreuz, wohl aber ein hinduistisches Swastika. zu sehen. Ein in vielen asiatischen Gegenden gebräuchliches Zeichen für Glück. Das dem Personal in der Bäckerei nicht bekannt war. Bekannt wurde die Sache jedoch in den sozialen Medien. Viele bekundeten ihre Bereitschaft vor der Bäckerei für Toleranz zu demonstrieren. Andere empfanden es als “Dummheit” ausgerechnet in Deutschland ein derartiges, mit dem Hakenkreuz leicht zu verwechselndes T-Shirt zu tragen. Juristen und Völkerkundler meldeten sich zu Wort. Rechtsradikale forderten die junge Dame auf nach Indien auszuwandern. Was sie jedoch nicht beabsichtigt. Wie übereinstimmend berichtet wird, ist sie nach dem Vorfall in der Bäckerei bei einer namhaften Modelagentur untergekommen.