“Pop that pussy…”  2 Life Crew

“…grab ’em by the pussy.” Donald Trump

Vor Neuerungen in der Musik muss man sich in acht nehmen; denn dadurch kommt alles in Gefahr…Gesetzlosigkeit dringt leicht in die Musik ein, ohne dass man es gewahr wird…Sie hat auch keine andere Wirkung…als dass sie um sich greift, und das bürgerliche Leben vergiftet…bis sie schließlich alles zerstört…     Platon

Wir sind heute regelrecht dazu verdammt, ständig und überall von Musik beschallt zu werden. Jene Musik, die uns im Alltag zu Ohren kommt, wird zwar recht häufig als Gefährdung unserer Nerven, keinesfalls aber als Daseinsgefahr empfunden. Es scheint daher keinen ersichtlichen Grund zu geben, weshalb wir Neuerungen in der Musik, wie Platon sagt, mit Vorsicht genießen, ja sogar uns vor ihnen fürchten müssten. Was also hat es mit der eben zitierten Warnung aus dem Altertum auf sich, und, vor allem, was hat Donald Trump damit zu tun?

So grotesk es auch zunächst erscheinen mag, für das weltweite Ärgernis Trump; seine spaltende, vergiftende, zerstörerische Präsidentschaft kann tatsächlich  Musik verantwortlich gemacht werden. Und zwar, was auf jeden Fall Platon nicht verwundern würde, eine noch recht neuen Musikrichtung: den Rap. Es lässt sich zeigen, dass Rap und Trumps Präsidentschaft untrennbar miteinander verbunden sind. So dass man schließlich nicht umhin kann, in Donald Trump einen als amerikanischen Präsidenten auftretenden Gangsta Rapper zu sehen. Gewiss, das ist starker Tobak! Und um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, sei all dem wenigstens eine kurze theoretische Einstimmung vorangestellt.

Auch wenn uns vor lauter Musik schon längst Hören und Sehen vergangen ist; es “macht etwas” Musik zu hören. Wir denken heute nicht mehr daran, dass Musik eine der mächtigsten Weltmächte ist. Ihr weltveränderndes Tönen tritt jedoch immer erst im nachhinein zutage. Dennoch wirkt der hier in Aussicht gestellte Zusammenhang zwischen Gangsta Rap und Donald Trump von vornherein etwas erzwungen. Vielleicht aber nicht so sehr an den Haaren herbeigezogen wenn man sich zunächst einmal daran erinnert, dass die Weltmacht Musik einen erheblichen Anteil an einem der allergrößten Maleurs der Weltgeschichte trägt.

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Führer Hitler, ein verführter Opernheld

Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik  ist der unheilsschwanger anmutende Titel einer Frühschrift von Friedrich Nietzsche. (1844-1900) Dieser Buchtitel erscheint wie ein unbewusster Vorgriff auf eine viel später, und tatsächlich aus dem Geist der Musik entsprungene Tragödie. Die 1906 im Stehparkett des Linzer Stadttheathers beginnt.

Der junge Hitler ließ dort die Wagner Oper Rienzi, der letzte der Tribunen auf sich einwirken. Sie handelt von einem spätmittelalterlichen Populisten, der aus dem Nichts kommend erfolgreich gegen Mächtige kämpft. Und dabei mit geniehaft mitreißendem Elan ein desillusioniertes Volk zu neuem Glanz emporführt: letztlich aber im brennenden Rom verzweifelt und vereinsamt scheitert.

Was im Linzer Stattheater in ihm vorging, bekannte Hitler 1939 gegenüber

Winifred Wagner mit den bedenklich anmutenden Worten: “damals begann es“. Seine politische Karriere war es nicht. Die begann erst später in verrauchten Münchner Wirtshäusern. Was im Kopf des damals sechzehnjährigen Taugenichts allerdings begann, war eine lebenslang glühende Identifikation mit einer tragischen Bühnenfigur.

Der junge Hitler betrat das Stehparkett als Adolf, und ging als Wagners Opernheld Rienzi nach Hause. Es spricht somit einiges dafür, in Hitlers rassistisch-weltanschaulichem Wahngebräu nichts weiter als nur einen zusätzlichen Brennstoff zu sehen. Der einer schon länger hell lodernden, inneren, aus dem Geist der Musik gespeisten Flamme zugeführt wurde.

Dazu passt die treffende Einschätzung von David Bowie (1947-2016), der in Hitler den ersten Rockstar erkannte, der ganz Deutschland zu seiner Bühne umgebaut

hatte. Nicht zutreffend ist jedoch Bowies Behauptung, Hitler wäre so gut wie Mick Jagger gewesen. Richtig ist vielmehr, dass Hitler als Rockstar viel besser als Mick Jagger war. Die Rienzi Ouvertüre avancierte übrigens zur inoffiziellen Nationalhymne des NS Staats. Hitler ließ sich zum Fünfzigsten Geburtstag die Originalpartitur schenken. Er soll sie sogar noch unter dem brennenden Berlin im Führerbunker in den Händen gehalten haben: Weltmacht Musik und ihre Folgen.

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Ein schwarzer Boxer, und Rap als Lebensschulung für Donald Trump

Die Nachricht von der Wahl Donald Trumps zum 45. amerikanischen Präsidenten wurde außerhalb seiner Gefolgschaft mit einer Mischung zwischen ungläubigem Staunen, und händeringendem Entsetzen zur Kenntnis genommen. Die Amerikaner hatten die Wahl zwischen einer keineswegs einwandfreien, so doch aber kompetenten Frau, und einem inkompetenten, selbstgefälligen, prahlsüchtigen Rüpel.

Der sich im Wahlkampf immer wieder fürchterlich daneben benommen, sowie jede Mennge rassistische und frauenverachtende Bemerkungen von sich gegeben hatte. Und darüber hinaus einen schreienden Mangel an charakterlichen, moralischen und intellektuellen Voraussetzungen fürs höchste Amt bekundete. Worauf er auch noch stolz zu sein schien. Dass er dennoch gewählt wurde, und nach wie vor bei seinen Anhängern Begeisterungsstürme hervorruft, ist für viele immer noch rätselhaft. Das Rätsel löst sich jedoch, wenn man Trumps seelische und künstlerische Verschmelzung mit dem Rap zur Kenntnis nimmt. Und damit zur Sache.

Donald Trump ist als weißer Privilegierter im New York der 70er mit der rohen Kraft des schwarzen Rap in seine Männlichkeit gewachsen. Es ist belegt, dass Trump damals vom Rap im wahrsten Sinne des Wortes “begeistert” war. Was aber ist Rap? Rap als Musikrichtung propagiert einen zivilisatorischen Rückschritt: vom reflektierenden in der Welt sein, zur rücksichtslosen Durchsetzungskraft des Stärkeren.

Rock und Pop sind im Vergleich zum Rap melodiös vorgetragene Lügen, Illusionen und seichte Gefühlsverlautbarungen. Rock und Pop sind moderne Verlängerungen des Walzers; dem gefühlsduseligen Kuss des Verlogenen. Rapper hingegen verachten den musikalischen Aufruf zum Paarungsverhalten. Rapper kommen mit dem Faustschlag ihrer eigenen Wahrheiten auf die Bühne.

Donald Trumps biographisch belegte, lang anhaltende Freundschaft mit Mike 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tyson, dem verkrachten Boxweltmeister (1986) im Schwergewicht, ist im Grunde genommen eine richtungsweisende Rap-Beziehung. Aber nicht weil Tyson nach seiner Zeit als Boxer, und nach mehrmaligen Gefängnisaufenthalten eine Karriere als Rapper anstrebte. Wohl aber deshalb, weil sein brutaler Kampfstil, seine niederschmetternde Schlagkraft, die ihm die respektvolle Bezeichnung Iron Mike einbrachte, aus der Rohheit des Rap entsprang.

Man darf sich das heute so vorstellen, dass Trump im einzelkämpferischen Brutalismus des Rap ein Spiegelbild der Kampftaktik seines Freundes Tyson erblickte. So dass auch Trump im Rückblick auf seine Rap-Freundschaft mit Tyson sagen könnte: “damals begann es”. Allerdings nicht die Übernahme Amerikas, sondern das Heranwachsen eines Erfolgsrezepts.

Das ihm später selbst so etwas wie einen Weltmeistertitel einbringen sollte. Kopierte doch Trump die Zerstörungskraft seines Freundes, indem er auf dem Weg ins Weiße Haus seine Gegner nicht mit besseren Argumenten besiegte, sondern im Tonfall des Rap zerstörte. Eben darin ist der Mann nach wie vor ein Großmeister. Auf dem Weg zur Präsidentschaft wurde Trump zum Rapper.

Und wie zur Bestätigung, dass Gleich und Gleich sich gern gesellt, besuchte der Rapper Kanye West seinen Rapper Kollegen (“er ist mein Bruder”) im Weißen Haus.

Gangsta Rap ist das Hohelied auf kriminelle Energie. Im Vergleich dazu ist “Sex, Drugs, and Rock ‘n’ Roll” die Trinität eines nunmehr aus der Zeit gefallenen, irgendwie schon bemitleidenswerten Senioren-Hedonismus. Die zeitgemäße Heilsverkündung der Durchsetzungskraft glorifiziert “Geldzählen, Protzen, Gegner Ausschalten“. Das ist die Daseinstechnik, die im Gangsta Rap mit gebetsartiger Obszonität verbreitet wird.

Was Gangsta Rapper von sich geben ist letztlich aber nichts anderes als jener Orgasmus, der sie während ihrer beifallsheischenden Konsumexzesse befällt.

Die dem Publikum in From monströser Geschmacksverirrungen offenbart werden: riesige, kitschige Häuser, vergoldetes Gestühl, vergoldete Armaturen, große Autos, betont vollbusige Gespielinnen usw. Geschmack ist die Art und Weise wie wir mit der Welt in Kontakt treten. Es dürfte offenkundig sein, dass Donald Trumps Geschmack mit dem der großen Gangsta Rapper und ihrer Welt absolut identisch ist.

Ich möchte zum Schluss neidlos anerkennen, dass Trump als Gangsta Rapper in künstlerischer Hinsicht überaus produktiv ist. Allein schon der “Make Amerika Great Again” spruch (MAGA) ist Rap. Vielleicht werden ja einmal anhand ausgewählter Beispiele seine Tweets als Rapsprüche gewürdigt. Die vom hemmungslosen Selbstlob: “I’m a stable genius” über Zynismen wie: “School shooting in Texas. Early reports not looking good. God bless all!” bis hin zur Androhung von nuklearem Feuer reichen. Und das alles und tagtäglich im Duktus des Rap. Das ist aber nicht mehr schrecklich oder ärgerlich, sondern viel mehr schon gespenstisch. Was aber in der Natur der Sache liegt. Denn Musik, so hat uns Thomas Mann versichert, ist dämonisches Gebiet.