Nur die Oberflächlichen kennen sich selbst. Oscar Wilde

Oh diese Griechen! Sie verstanden sich darauf zu leben: dazu tut not tapfer bei der Oberfläche, der Falte, der Haut stehen zu bleiben, den Schein anzubeten, an Formen, an Töne, and Worte, an den ganzen Olymp des Scheins zu glauben!Diese Griechen waren oberflächlich – aus Tiefe. Friedrich Nietzsche

Eine philosophische Annäherung an die Tiefen des Oberflächlichen für tauchende Bergsteiger

Eine New Yorker Bekannte, die sich nach einer kurzen Ehe hatte scheiden lassen, gab mir einmal auf einer Party hoffnungsfroh zu verstehen, daß sie wieder auf der Suche wäre, und zu diesem Zweck in Bars, wie sie sagte, “Marktforschung” betreiben würde. Als ich ihr den wohlmeinenden Rat gab dabei eine gewisse Vorsicht walten zu lassen, und nebenbei an eine ungeklärte Mordserie an jungen Frauen erinnerte, weihte sie mich mit einem überlegenen Lächeln in ihre psýchologischen Daseinstechniken ein. Ein kurzer Blick auf die Marke der Armbanduhr eines Fremden, und es wäre schon einmal einiges klar. Die Marke der Kleidung würde ebenfalls eindeutige Aufschlüsse liefern. Und spätestens bei Marke, Farbe und Innenausstattung des Autos könnte sie dann die persönlichen Eigenschaften der Objekte ihrer nächtlichen Forschungstätigkeit genau bestimmen.

Durch diese Bekannte, die übrigens keineswegs unterbelichtet ist, auch nicht so aussieht, und sogar einen Abluss von der renomierten Harvard University vorweisen kann, gewann ich Einblicke in die Tiefe einer auf den ersten Augenblick grotesk anmutenden Oberflächlichkeit. In ein Phänomen, das im Verlauf einer rasant fortschreitenden Globalisierung gewiss nicht verborgen geblieben ist, jedoch auffallend wenig erörtert wird. Es handelt sich dabei um ständig intensiver werdende Wechselbeziehungen zwischen Personen und der Persönlichkeit von Dingen.

Dabei ist zunächst einmal festzustellen, dass unsere aktuelle geschichtliche Epoche zweifellos das Zeitalter der Dinge ist. Davon können uns Besuche in einem  Warenhaus oder Gänge durch Duty Free Regionen eines großen Flughafens immer wieder eindrucksvoll überzeugen. Die allgegenwärtige Welt der Dinge ist als die Welt in der wir leben gewissermaßen unsere neue

Natur. Die uns dazu nötigt sich in ihr zurechtzufinden. Denn eben so wie die álte Natur die Lebensbedingungen unserer Vorfahren prägte, ist es heute die Welt der Dinge, die unablässig die Komplexität des modernen Daseins hervorbringt. Jedoch nicht die Dinge selbst sind es die zu denken geben.

Außer bei ganz trivialen Dingen, wie Spülmittel oder Toilettenpapier, stehen nämlich beim Erwerb und der Bewertung von Waren und Dienstleistungen ihre persönlichen Eigenschaften, das heißt, die jeweilige Marke, vor allem aber das soziale Image der Marke im Vordergrund des Interesses. Mit dem Image einer Sache ist die Gesamtheit von Charaktereigenschaften und symbolischen Bedeutung zu verstehen die eine Marke “ausstrahlt”, und im Bewußtsein ein “Bild” vom jeweiligen Produkt entstehen lässt.

Marken, egal ob für Gastronomiebetriebe, Autos, Sonnenbrillen, Zahnpasta, oder Fußballvereine präsentieren sich als Überzeugungsleistungen, bzw. Leistungsversprechen, die inmitten aller vorhandenen Dinge wie hilfreiche Wegweiser zur persönlichen Entscheidungsfindung verhelfen wollen.

Sich bewusst für diese oder jene Sache zu entscheiden hat mittlerweile zu einem echten Fort-Schritt von herkömmlichen Formen menschlicher Identität geführt. Verwebt sich doch das Image von Waren und Dienstleistungen immer mehr mit unserer Persönlichkeit. Immerhin definieren wir uns bewusst und unbewusst mit jenen Dingen, die wir als zu uns zugehörig empfinden. Andrerseits werden wir von der sozialen Umgebung, ob wir es wollen oder nicht, im Hinblick auf unsere Dinge definiert. Haben oder Sein, das ist nicht mehr die Frage im Zeitalter der Dinge. Denn erst dann wenn wir sehen, dass andere sehen und verstehen welche Dinge wir haben, können wir die Genugtuung empfinden als Person verstanden worden zu sein. Was aber ist eine Person, und was ist Persönlichkeit? Dabei ist es notwendig vom etruskischen Gott Phersu zu sprechen, der uns allen denselben Namen gab; Person.

Phersu, Person und Persönlichkeit

“Ganz offensichtlich lebt das etruskische Wort phersu im lateinischen Wort persona fort. Und persona heißt Maske. Es bedeuted aber auch das, was wir unter dem Begriff Person verstehen. Es gibt eine Erklärung dafür: Weil die Maske von einem Schauspieler getragen wird und nach der jeweiligen Rolle verschieden ist, bedeuted persona auch soviel wie Rolle. Die Rolle wiederum bestimmt den jeweiligen Charakter des Schauspielers. Somit heißt persona auch Charakter…Jeder Mensch hat einen bestimmten Charakter, und so erhielt der Begriff persona über den Bereich des Schauspielerischen hinaus Bedeutung als Begriff für einen bestimmten Charakter.” (Herbert A. Stützer, Die Etrusker und ihre Welt, Köln 1975, S. 87ff.)

So harmlos wie sich das anhört ist die Sache aber keineswegs. Was nämlich  Personsein wirklich bedeuted wird auf einer frühen Darstellung (Nachzeichnung) in der Tomba degli Auguri sichtbar. “Ein kräftig gebauter, bärtiger Maskierter…hat eine Leine nach einem Mann ausgeworfen, der nur mit einem Lenschurz bekleidet ist. Dieser hat sich bereits in der

Leine verfangen, und Wunden bedecken seinen Körper. Sie stammen von einem Hund, dessen Halsband durch eine Art Klöppel mit der Leine verbunden ist, so daß jedesmal, wenn der Maskierte an der Leine reißt, der Klöppel an den Hund schlägt, der dann aus Wut und Schmerz den halbnackten Mann beißt. Dieser könnte sich zwar wehren, denn er hält in der Hand eine Keule. Doch auch sie ist bereits in die Leine des Maskierten verwickelt. Zudem ist der Kopf des wehrlosen Opfers mit einem Sack verhüllt worden, so daß er gar nichts sehen kann.” (Herbert A. Stützer, ebd.)

Somit ist Personsein eine zutiefst schmerzhafte Angelegenheit. Die Rolle die Phersu spielt beseht darin eine Reaktion zu erzwingen; um sich zu schlagen. Durch diese Reaktion wird man aber erst recht zum Opfer. Und zwar “als blindes Ich im Kampf mit der Natur seines Trägers – aufgehetzt von den Handlungsrollen, die jede Person zu spielen gezwungen ist.” (Bazon Brock, Persönlichkeit werden, in: Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit, Köln, 1986, S. 388 ff.)  Was folgt daraus? Dass jede Person eine Einheit aus drei Teilen ist! Aus meinem Ich, meinem Körper, und den anderen, vor denen ich mein ganzes Leben lang eine Rolle spiele.

Die anderen, und das ist das schreckliche an der Sache, gehören zu uns wie unser Ich und unser Körper. Es kann daher nichts geben was wir für uns “selbst” tun, weil es ein “Selbst” , so wie wir das meinen, gar nicht gibt. Bei allem was wir denken und tun sind ja die anderen immer schon als Außenstehende einbezogen. Und indem wir ständig daran denken was sie von uns erwarten, und wie sie reagieren, werden wir in bestimmte Rollen gezwungen. Persönlichkeit ist das wie diese Rollen daseinstechnisch beherrscht werden. Starke Persönlichkeiten lassen sich durch diesen Rollenzwang nicht vom Weg abbringen, während schwache Persönlichkeiten, die letzten gewissermaßen, von “den Hunden gebissen” werden.

Persönlichkeit und An-Dingung and die Welt der Dinge

Personsein in der Welt der Dinge heißt nun mit Dingen die man besitzt im Hinblick auf andere zum Rollen spielenden Bedeutungsträger zu werden. Menschliche Kommunikation wird damit zum gegenseitigen Herantasten an ästhetische, theoretische, und moralische Aspekte die mit Dingen in Verbindung stehen. Wobei unsere Existenz in der Welt der Dinge Gedanken an einen unabänderlichen Zustand aufkommen lässt, den Heidegger hinsichtlich der metaphysischen Trostlosigkeit des menschlichen Daseins als “Hineingehaltensein ins Nichts” bezeichnete. Beim Leben in der Welt der Dinge müsste freilich vom Leben in einem “nichts außer Dingen” gesprochen werden. Tatsächlich beginnt vom Moment der Geburt ein Hineinhalten in die Praxis des Lebens, die sich dann nach und nach auch auf die Dinge und ihre Bedeutungen erstreckt.

Es handelt sich dabei um eine sowohl individuelle als auch kollektive An-Dingung an die Welt der Dinge. Die Wortschöpfung tönt zugegeben heideggerisch, sie ist es aber nicht.

Allerdings sieht ganz danach aus als ob an-dingendes Aufgehen in der Persönlichkeit von Dingen, die kollektive “Einfühlung” in die Markenaura eines FERRARI, einer ROLEX, eines  APPLE, einer HARLEY usw. eine anthropologische Entwicklungsstufe markiert. Da es heute

überall auf der Welt die gleichen Dinge zu kaufen gibt, die auch überall von denselben sozialen Bedeutungsschichten auratisch umgeben sind, liegt es in der Natur eben dieser Dinge eine globale Identität heranzubilden. Einer historisch neue Art von menschlicher Identität. Die sich nicht mehr wie früher durch bestimmte Charaktereigenschaften, irgendwelchen Innerlichkeiten oder Bildung, durch Wertungen oder Weltanschauungen vermittelt. Wohl aber eine Identität, die einzig und allein durch die Persönlichkeit der Dinge geprägt wird. Natürlich ist das vom Standpunkt höherer Erwartungen an Menschen eine Horrorvision. Aber nur so lange die wahre Tiefe des Oberflächlichen unentdeckt bleibt.

Fort-Schritt von geistigen Tiefen und gleichzeitige Hinwendung zur Tiefe des Oberflächlichen. Vom Daseinsdesign eines neuen Menschseins 

Im 15. Kapitel seines ‘Zarathustra’ findet Nietzsche deutliche Worte an die “Verächter des Leibes”. ” ‘Ich’ sagtst du und bist stolz auf dieses Wort. Aber das Größere ist, woran du nicht glauben willst,  – dein Leib und seine große Vernunft: die sagt nicht ich, aber tut ich.” Statt an die Verächter des Leibes könnte das Kapital auch an die “Verächter des Oberflächlichen” heißen. Spricht doch Nietzsche in diesem Kapitel davon, daß der Geist; die Tiefe, letztendlich nur eine Projektion des Leibes; des Oberflächlichen ist. Aber was ist oberflächlich? Oberfächlich ist zunächst einmal das, was sich auf der Oberfläche eine Sache befindet. Die Fettaugen beispielsweise, die auf der Oberfläche eine Suppe treiben, oder der Schmutz, der sich auf einer Spiegelfläche angesetzt hat. Weitaus häufiger wird das Eigenschaftswort “oberflächlich” jedoch in einer moralisch-wertenden Bedeutung benutzt. Und zwar im Hinblick auf Dinge, Sachverhalte oder Verhaltensweisen, die in wertender Hinsicht “Tiefe” vermissen lassen, und denen dann von Anfang an Eigenschaften des Belanglosen anhaften. So gesehen könnte man versucht sein als oberflächlich etwa jene Gespräche zu

bezeichnen, die frisch Verliebte beim Essen miteinander führen. Oberflächlich wäre demnach auch die zerstreute Leküre großer Romane, oder die nur flüchtige Betrachtung hervorragender

Meisterwerke der Kunst in Museen. Es gibt von der Warte intelektueller Gründlichkeit aus gesehen oberflächliche Betrachter, Leser, Zuhörer und Denker, denen alles was eine gewisse Schwierigkeit der Durchdringung abverlangt aus Gründen verschiedener Art und Bedeutung für immer unergründlich bleiben wird. Es gibt allerdings auch noch “oberflächliche Menschen”,

denen man nicht mit Kant’s “Kritik der Urteilskraft” kommen darf, und zu denen nach landläufiger Meinung bestimmt auch die vorhin erwähnte New Yorker Bekannte zählen dürfte. Menschen also, die aufgrund ihres Verhaltens immerzu den Eindruck bekräftigen jenseits aller geistig-seelischen Dimensionen zu leben. Und denen mit einem Unterton von Resignation innere Qualitäten abgesprochen werden. Da ihnen offenbar neben materiellen Dingen und hedonistischen Neigungen einzig und allein ihr äußeres Erscheinungsbild etwas bedeuted. Dass bei solchen Menschen tatsächlich etwas wesentliches fehlt gilt gemeinhin als gesichert. Allerdings nur bei einer sehr oberflächlichen Betrachtung. Bei genauerem Hinsehen ergibt sich ein ganz anderes Bild, das bei einem kurzen Ausflug in menschliche Frühzeiten hervorzutreten beginnt.

Unsere frühen Vorfahren mussten sich auf ihre unmittelbaren Wahrnehmungen verlassen können. Da war das Tier, dem, um nicht zu verhungern, in Sekundenschnelle  etwas an den Kopf geschleudert werden musste. Oder der über Leben und Tod entscheidende kurze Anblick von Feinden, die angriffslustig im Unterholz lauerten. Die Augen jederzeit offenzuhalten war für unsere frühen Vorfahren ein Überlebensmittel. Sobald aber der alltägliche Überlebenskampf durch Ackerbau und Viehzucht etwas abgemildert wurde, kam die Gelegenheit sich neuen Herausforderungen zu stellen. Dazu mussten unsere Vorfahren noch nicht einmal vom Boden ihrer Hütten aufstehen. Fanden sie doch bislang unbekannte Herausforderungen nicht etwa draußen in der Natur, sondern in sich selbst: in ihrem Inneren. Herausforderungen, die sie, worauf gar nicht genug hingewiesen werden kann, mit geschlossenen Augen annehmen konnten. Und indem sie mit geschlossenen Augen dasaßen, und in sich hinabsteigend sich in allerlei Vermutungen und Vorstellungen hineinsteigerten, gelangten sie zur Weisheit der geschlossenen Augen. Wobei unsere Vorfahren, die “Tiefen” des menschlichen Daseins entdeckend, “tief” wurden.

So verschieden die Lehren aller frühren Religionsstifter, Mystiker, und vorphilosophischen Denker auch sind, ihre grundlegenden Ansichten gleichen sich darin der sichtbaren Wirklichkeit gründlich zu misstrauen. Womit ein Strukturwandel der Realität eintrat. Wurde doch die “wahre” Realität aus der Welt des Sichtbaren, des hier und jetzt augenscheinlich Erfahrbaren, nach und nach in die erst noch zu ergründende Welt unsichtbarer Erkenntnisse verlagert. Im vorher nicht gekannten Zustand der Hinwendung, Versenkung, Anbetung, Verzückung und Ekstase wurden dann in beglückt gefundenen Tiefen der Erkenntnis Schatzkammern absoluter Wahrheiten entdeckt. Wobei gleichzeitig die ehemals konkrete Wirklichkeit zur spirituellen Nichtigkeit, zum Schein, zum Gleichnis, zum Trugbild, oder gar zur Lüge schlechthin ernannt wurde. Das Innere hingegen, das was man sich mit geschlossenen Augen geistig ein-bildet, avancierte im Verlauf dieses Strukturwandels immer mehr zur existenziellen Hauptsache des Daseins.

Als einer der merkwürdigsten Höhepunkte für diese Weltüberwindung wäre im Hinblick auf unseren Kulturkreis an die Lehre des Jesus zu erinnern. Die mit der konkreten Realität des menschlichen Lebens wie Wohnung, Kleidung, Hygiene, Nahrung, Handel und dergleichen noch nicht einmal annäherungsweise etwas zu tun hat. Und tatsächlich ist ja im Christentum, wie auch in anderen Religionen nicht wesentlich was mit offenen Augen gesehen, sondern woran

mit geschlossenen Augen geglaubt wird. Vordergründig an die menschliche Realität im Hier und Jetzt als einer Art von vergänglicher Zwischenstation mit Symbolgehalt. Vielleicht ist der Wandel zur Wahrheit hinter geschlossenen Augen am anschaulichsten mit einem ‘Herrenwort’ illustriert, das übrigens auch auf einem indischen Torbogen entdeckt wurde. “Die Welt ist eine Brücke, gehe hinüber, aber baue nicht deine Wohnung dort!”

Zur Auffassung des Lebens als Durchreise zu einem höheren Ziel passt die Überzeugung allem “Äußeren” klare Absagen erteilen zu müssen. Wenn die wahre Welt und ihre Geheimnisse “da drinnen” sind, und alles Hier und Jetzt “da draußen” nur eine vergängliche Illusion ist, dann ist es nicht nur nebensächlich, sondern auch völlig belanglos wie ich aussehe. Und je “tiefer” ich bin, je mehr ich über Dinge Bescheid weiß von denen andere noch nicht einmal ahnen, daß es sie überhaupt gibt, desto weniger brauche ich mich um meine äußere Erscheinung zu kümmern. Im Gegenteil, man soll mir meine innere Tiefe ja auch ruhig ansehen dürfen. Mehr noch, die Leute sollen meine Tiefe bewundern. Und eben das wird erreicht indem ich eine möglichst öffentlichkeitswirksame Steigerung meiner äußerlichen Vernachlässigung betreibe.

Wenn ich so wie Diogenes für alle sichtbar in einer Tonne hause, im Wald verborgen mit den Tieren lebe, ganz in mich gekehrt auf einem Nagelbrett sitze, oder auf öffentlichen Plätzen die absonderlichsten körperlichen Verrenkungen betreibe, beweise ich allen wie tief ich bin.

Bei derartigen Gepflogenheiten fällt der Blick auch auf jenes typische Erscheinungsbild, das nicht ohne Stolz von Angehörigen betont “geistiger” Berufe inszeniert wird. Woran eindeutig erkennbar ist, daß eine demonstrativ selbstgefällige Gleichgültigkeit hinsichtlich des Äußeren als Markenzeichen für innere Tiefe verstanden sein will.

Und wenn tiefe Menschen darüber hinaus sehr häufig vor Bücherregalen abgebildet sind dann doch nur deshalb um zu zeigen, dass in ihnen auch wirklich was “drin” ist. Damit verbundene Wertungen liegen auf der Hand. Verleitet das Bewußtsein über innere Reichtümer zu verfügen zur Inszenierung einer äußeren Bescheidenheit (Geisteswissenschaftler) oder gar Armut (Bettelmönch), beinhaltet die Logik eben dieser Position, dass alles was an einer Person durch ästhetische Ausstrahlungskraft “dran” ist (Popstar ) ein Zeichen von innerer Armut sein muss.

Wobei nicht vergessen werden darf, dass auch vor Gott nichts zählt was an einem “dran” ist. Schließlich müssen im Vergleich zur Herrlichkeit Gottes menschliche Äußerlichkeiten als verwerfliche Respektlosigkeit erscheinen. Woraus sich das Recht Gottes ableitet mit aller Entschiedenheit gegen abschweifendes Blendwerk der Menschen zu zürnen. Dass dabei Gott hauptsächlich Frauen ins Licht der Verwerflichkeit stellt liegt in der Natur von dem was an Frauen “dran” ist. Nun sind es aber nicht nur ihre körperlichen Reize die Gott missfallen müssen weil sie vom spezifisch männlichen Blick auf seine Allmacht ablenken. Besonders auch in der Art und Weise wie Frauen sich schöner machen als sie ohnehin schon sind wird im Namen Gottes als eine ausgesprochene Widerspenstigkeit erkannt. Die durch radikale Maßnahmen unterbunden wird. Stellvertretend für alle gestandenen Gottesmänner, die sich von weiblicher Schönheit nicht von ihrem Tiefgang abbringen lassen wollen, möchte ich in diesem Zusammenhang den jüdischen Propheten Jesaia zu Wort kommen lassen, der mit der frevelhaften Oberflächlichkeit von Frauen kurzen Prozeß macht. An jenem Tag entfernt der Herr den prächtigen Schmuck: die Fußspangen, Stirnbänder, Möndchen, die Ohrgehänge, Armkettchen und Schleier, die Kopfbinden, Schrittkettchen und Gürtel, die Halsbänder und Amulette, die Fingerringe und Nasenringe…Und dann wird es geschehen: Statt des Balsams gibt es Moder, statt der Schärpe den Strick, statt des Lockenkräusels die Glatze…(Isaias 3, 16-24)   

Wie man sieht schafft der Herr Ordnung indem er zu oberflächlicher Selbstgefälligkeit neigenden Wesen jene Dinge abnimmt, den cultus feminarum, die den geistigen Landschaften seiner Tiefe in ästhetischer Hinsicht wiedersprechen. Ob und inwieweit das misogynische Tun Gottes, von dem in den heiligen Schriften auf bald jeder Seite berichtet wird, Ausdruck einer uneingestandenen Homosexualität ist kann hier nicht weiter verfolgt werden. Grundsätzlich sind aber die Beweggründe des Herrn  symptomatisch für einen menschheitsgeschichtlichen Bewußtseinswandel. Sobald aus inneren Tiefen heraus hohe und höchste Erkenntnisse gewonnen werden, und die Tiefe selbst als eigentliche Heimstätte des Menschseins etabliert ist, entsteht der strafende Blick auf die Hochmut. Auf die verwerfliche Hybris, als ein der Tiefe diametral entgegengesetztes Verhalten. Die öffentliche Meinung ist dafür bezeichnend. Wer den Kopf zu hoch trägt, muss bekanntlich ins Bodenlose.fallen.

In den Tiefen des Oberflächlichen die große Liebe zu den Dingen finden. Aussichten zum höchsten Glück 

Aber derartigen Wertungen ungeachtet hat die heutige Welt weltweit verbreiteter Dinge zu einer Erlösung vom dunklen Ernst der Tiefe geführt. Die einfühlende Hinwendung zu den Dingen, der vermeintlich oberflächliche Kult der mit ihnen betrieben wird, knüpft an die vorphilosophischen und vorreligiösen Erkenntnisse der offenen Augen an. Und eben darin liegt die Tiefe von dem was leichtfertig als oberflächlich abgetan wird. Die weltweite Welt der Dinge bedingt einen anthropologischen Entwicklungsschritt zu einer neuen Tiefe; zur Tiefe des menschlich Oberflächlichen. Bildet doch die Tiefe dieser Oberflächlichkeit ein neues  Menschsein heran. Eine globale Identität, die ihr Glück darin findet sich selbst in der Welt der Dinge zu sehen, statt dem Unglück anheimzufallen auf der Selbstsuche zu sein.

Bezeichnend für diese Entwicklung ist ein unübersehbarer Zusammenhang zwischen der zunehmenden Flüchtigkeit klassischer Zweierbeziehungen und der altruistischen Einfühlung in die Persönlichkeit von Dingen. Es ist ja heute nicht mehr außergewöhnlich wenn Autos, Handys, Uhren, oder Parfüms tief empfundene Zuneigungen, sowie Gefühle von Freundschaft und Liebe empfangen. Wenn aber unsere emotionalen Energien sich mehr und mehr auf die Welt der Dinge beziehen, dann beziehen sich unsere Gefühle jedoch nicht auf die Dinge als solche, sondern auf jene menschlichen Gefühle und Eigenschaften, die in den Dingen zum Ausdruck kommen. So gesehen erweist sich die “Einsfühlung” mit den Dingen, die Liebe zu ihnen, als die höchste Form der Liebe.

 


Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Related Posts

Aesthetics for Everyone

Retro, Anti-Aging und das Verschwinden der Zeit

Die wahre Welt haben wir abgeschafft, welche Welt blieb übrig? die scheinbare vielleicht?..aber nein! mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft. Friedrich Nietzsche Nichts ist, was es zu sein vorgibt. Alles ist Read more…

Aesthetics for Everyone

Männerköpfe und weibliche Kopflosigkeit – Wege zu einer Philosophie des Kopfes

Zum Höchsten durch enge Pfade!   Victor Hugo Man hält das Weib für tief – warum? Weil man ihm nie auf den Grund kommt. Das Weib ist noch nicht einmal flach. Friedrich Nietzsche In vielen Mythen Read more…

Aesthetics for Everyone

The Aestheticization of Mass Killing. Terrorism and Marketing

Terrorism is a both complex and extreme behavior closely interrelated with marketing campaigns for mass killing. In the old days of postmodern Islamic terrorism Osama bin Laden was a brand like Clint Eastwood, Starbucks or Read more…