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Unglücklich in der Menschenfalle

Rattenfallen sind nützliche, jedoch äußerst heimtückische Instrumente. Sie enthalten eine Lockspeise, deren Anordnung sich den von Hunger geplagten Ratten erst dann erschließt, wenn es zur Umkehr zu spät ist. Obwohl die Aufstellung derartiger Instrumente für Menschen einen Aufschrei der Empörung hervorrufen würde, sind in philosophischer Hinsicht Gedanken an eine Menschenfalle durchaus nicht abwegig. Bei der man sich freilich im Vergleich zu gewöhnlichen Rattenfallen eine weitaus raffiniertere, unüberbietbar boshafte Einrichtung vorzustellen hat.

Insofern, weil in der angenommenen Menschenfalle das Leben selbst die Lockspeise darstellt. Die bei jeder Geburt, bei jedem Eintritt ins menschliche Leben, und damit auch für den Rest des Lebens, aufgrund des Selbsterhaltungstriebs angenommen werden muss. Falls sie nicht durch einen selbst zustandegebrachten Austritt aus dem Dasein willentlich verschmäht wird. Wodurch gemäß dieses Gedankenexperiments unser existenzieller Handlungsspielraum enorm eingeschränkt wird. Gibt es doch in der Menschenfalle nur die Möglichkeit zwischen Friss oder Stirb zu entscheiden. Wobei im Grunde genommen nur die Annahme der “Lockspeise Leben” in Frage kommt. Nach allem was seit Menschengedenken dazu gesagt wurde, scheint jedoch ihre Bekömmlichkeit Wünschenswertes übrig zu lassen.

Bekanntlich lebt nämlich der Mensch, wie es heißt, nicht nicht nur vom Brot allein. Vielmehr herrscht das allzu menschliche Bedürfnis vor, auch hin und wieder gewissermaßen einen, besser aber zwei Drinks zu sich zu nehmen. Weshalb seit jeher schon ein unablässiges Wünschen und Streben darauf ausgerichtet ist, die Lockspeise Leben mit der größtmöglichen Portion Glück schmackhafter zu machen.

Die allgemeine Lebenserfahrung besagt jedoch, dass, wie immer man es auch anfangen mag, dauerhaftes Glück sich einfach nicht einstellen will. Im Gegenteil! Von äußerst flüchtigen Aufheiterungen abgesehen, treibt das Leben für die meisten von uns in einem trüben Strom ständiger Enttäuschungen und Verstimmungen seinem unausweichlichen Ende entgegen. Gleichsam wie im Zustand einer nichtendendwollenden Glücklosigkeit. Aber warum nur?

Dass es sich bei dieser Einschätzung keineswegs um eine schwarzseherische Übertreibung handelt, dürfte im Hinblick auf Gesichter im morgenlichen

Berufsverkehr erkennbar sein. Die den Eindruck erwecken als ob sie zu Menschen gehören, die sich ihr Leben anders vorgestellt haben. Und daher schon seit langem, wenngleich vergeblich, mit der Frage ringen, weshalb ihr Dasein nicht in glücklicheren Bahnen verläuft. Dabei ist die Antwort naheliegend und brutal niederschmetternd zugleich.

Alle wollen glücklich sein, aber den meisten muss ein glückliches Leben zwangsläufig versagt bleiben. Das liegt einerseits zunächst einmal daran, dass in unseren Gesellschaften nicht unbedingt ein Bedarf an glücklichen, sondern brauchbaren Menschen herrscht. Die klaglos das tun wofür sie ausgebildet sind. Und am Ende des Monats das bekommen was sie brauchen, um über die Runden zu kommen. Das ist natürlich zu wenig. Da bleiben nur Träume vom glücklichen Leben. Aber was ist das?

Kaum eine Sache, von der Liebe vielleicht abgesehen, ist mit mehr Missverständnissen überfrachtet wie das Glück. Weshalb nach Glück Suchende  immerzu im Nebel falscher Hoffnungen unterwegs sind. Wer etwa ernsthaft glaubt aufgrund von Dingen wie eines vorteilhaften Äußeren, einer guten Beziehung, beruflichem Erfolg, finanzieller Sicherheit und Gesundheit glücklich werden zu können, braucht sich erst gar keine Illusionen mehr zu machen. Aristoteles, die wohl größte Autorität in Sachen Glück, hat Glückssuchenden mit derartigen Erwartungen eine grobe Abfuhr erteilt. Wenn das glückliche Leben in den Gütern bestünde, die der Zufall oder die Natur verleihen, so wäre es für viele von vornherein verschlossen. 

Deutlicher kann man es nicht sagen. Wenden wir uns mit diesem Satz vor Augen für einen Moment Menschen zu, die sehr, sehr viel Geld für eine Sache bekommen, für die sie am allerwenigsten etwas können. Und daher, wie man annehmen könnte, eigentlich die glücklichsten Menschen der Welt sein müssten. Menschen, denen die Natur jene traumhaft schönen Gesichter gab, ohne die Hollywood seine Träume

nicht fabrizieren könnte. Es verwundert daher nicht, wenn der Schauspieler George Clooney, verlässlichen Angaben zufolge, für sein Gesicht mittlerweile über eine halbe Milliarde Dollar erhalten hat. Zum Vergleich: der Philosoph Immanuel Kant erhielt für seine “Kritik der Urteilskraft” vom Verlag neben einem bescheidenen Honorar, Naturalien in Form von Würsten und einem Pfund Tabak. Trotzdem wäre es falsch im kleingewachsenen Kant einen Zukurzgekommenen und angesichts des schönen Clooney mit seiner schönen Frau, in Hollywood ein Biotop für strahlende Glückspilze sehen zu wollen.

Zwar ist Hollywood für schöne Menschen, die ihre Schönheit vor der Kamera oder durch Heirat zu Geld machen wollen, zweifellos das Traumziel. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die schönen Berühmtheiten mit ihrem Geld dort auch glücklich sind. Jene also, die,  wie in Anlehnung an Aristoteles zu sagen wäre, restlos alles was sie als Menschen sind, nichts anderem als Launen der Natur zu verdanken haben. Was, wie sich immer wieder zeigt, für ein auch nur halbwegs zufriedenstellendes Leben auf die Dauer viel zu wenig ist.

Es sieht nämlich ganz danach aus, als ob viele der großen Stars sich in ihren Beverly Hills Villen wie im falschen Film vorkommen. Indem sie, wie die Celebrity News unentwegt bekunden, bei ihrem Tun und Treiben im erhofften, unfassbar traumhaften Glück, von albtraumhaften Geschicken heimgesucht werden. Was den vorher erwähnten Menschen im morgenlichen Berufsverkehr freilich nur ein schwacher Trost sein kann.

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Nur wer sich selbst fest in die Hand nimmt, hat auch das Glück in Reichweite

Dennoch ist ein glückliches Leben auch unter unglücklichen Umständen sehr wohl möglich. Um das zu begründen möchte ich die folgenden Überlegungen mit dem Hinweis auf einen “körperlich Auffälligen” beginnen. Der nicht nur keine Hände, sondern auch keine Arme hatte, und dennoch auf ein glückliches Leben als Geiger zurückblicken konnte. Der armlos zur Welt gekommene Karl Unthan (1848 – 1929) entdeckte als Kind zufällig die Möglichkeit mit den Füßen auf einer Geige

zu spielen, die auf einem kleinen Tisch befestigt war. Mit dem linken Fuß führte er den Bogen, während die Zehen des rechten die Seiten bedienten. Es gelang Unthan mit unermüdlicher Beharrlichkeit sein Geigenspiel zu hoher und höchster Virtuosität zu steigern. Später führte ihn seine armlose Kunst zu Auftritten in der ganzen Welt. Im Rückblick auf sein Leben erinnert er sich an die Unterhaltung mit einem amerikanischen Millionär. “Sie sind der glücklichste Mensch, den ich kenne, sagte einer, den sie John D. nannten. Und sie mit ihrem Geld, Herr Rockefeller?, fragte ich ihn. Mit all meinem Geld kann ich mir nicht Ihre Lebensfreude kaufen.”

Karl Unthan in die Reihe der Dennochkünstler einzuordnen, würde seiner außergewöhnlichen Lebensleistung nicht gerecht werden. Sie zeigt eindrucksvoll, dass sich mittels disziplinierter “Trainingsleistungen” die notwendigen Grundlagen für ein glückliches Leben einstellen können. Die Chance so wie Karl Unthan sein Glück zu finden besteht also nur dann, wenn man sich selbst dafür erschafft. Man darf daher die Redensart wonach jeder “seines eigenen Glückes Schmied” ist, nicht missverstehen. Nicht das Glück ist das Werkstück, das der Schmiedekunst bedarf, sondern der nach Glück strebende Mensch.

Wobei richtiges Schmieden an der eigenen Person die Tüchtigkeit des ständigen Übens erfordert. Mit einem einfachen Draufloshämmern ist es nicht getan. Nicht umsonst wird vom “Glück des Tüchtigen” gesprochen. Moderner ausgedrückt könnte man auch sagen, dass das Glück erst dann kommt, wenn man sich dafür “in Form” gebracht hat. Da wir im Leben nur so weit kommen wie unsere Form es zulässt, müssten wir, um ein glückliches Leben führen zu können, alles tun um zu unserer ganz persönlichen Höchstform auflaufen. Die dafür in Frage kommenden Trainingsmethoden sind von Mensch zu Mensch sehr verschieden. So wie ja auch die Formen des Glücks so verschieden wie die Menschen sind, die sich ihre “guten Geister” antrainiert haben; die eudämonia, wie Aristoteles das Glück bezeichnet.