Lebenskunst besteht zu neunzig Prozent aus der Fähigkeit mit Menschen auszukommen, die man nicht ausstehen kann. Samuel Goldwyn

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Hass ist eine Weltmacht

Der Mensch ist ein angefressenes Tier. Dem vieles “stinkt” und das sich daher ständig Luft verschaffen muss. Indem aufgestauter Dampf abgelassen wird. Mit nicht selten tödlichen Folgen. Was hier salopp umschrieben ist illustriert die leidige Erkenntnis, dass Unmut und Wut, vor allerm aber Hass untrennbar zum menschlichen Leben gehören. Da wir uns zwar selbst lieben, aber nur in krassen Ausnahmefällen auch selbst hassen, sind es immer andere, die den Hass zu spüren bekommen. Diejenigen, an denen man etwas auszusetzen hat. Die in ihrer Innenarchitektur nicht so beschaffen sind wie man es selbst ist. Menschen, die auch hinsichtlich ihrer äußeren Erscheinung und Lebensgestaltung einen Geschmack bekunden, der für einen selbst wie die Faust aufs Auge knallt, oder, schlimmer noch, bei dem es einem hochkommt.

Wobei, die deutsche Sprache ist hier sehr illustrativ,  an Wechselbeziehungen zwischen dem Hass und dem Hässlichen zu erinnern wäre. Vereinfachend gesagt wird immer das gehasst, was als hässlich empfunden wird. Denn so wie das Schöne, liegt auch das Hässliche im Auge des Betrachters. Hass hat also stets einen bestimmten Blickwinkel zur Voraussetzung. Den Hassende auf “hässliche” Menschen anlegen. Wie beispielsweise diejenigen, die unbewohnbar gewordene Gegenden verlassen mussten, und deren bloße Existenz als unannehmbar wahrgenommen wird.

Die arme, hässliche, hoffnungslos verelendete Welt ist ja mit unserer reichen, schönen Welt kollidiert. Es ist ein Zusammenstoß im Zeitlupentempo, der sich noch einige Jahrzehnte mit  umwälzenden Folgen hinziehen wird. Hat doch eine real existierende Hölle von wirtschaftlicher Misere, religiösem Fanatismus, brutaler Machtgier, irreparablen Umweltschäden, Dummheit und Krieg  nicht etwa nur eine Flüchtlingswelle, sondern eine unaufhaltsame Völkerwanderung in die westliche Welt in Gang gesetzt. Die sich durch herkömmliche Grenzen nicht aufhalten lässt.

Auch nicht durch die Errichtung moderner Grenzzäune. Im ehemaligen Abendland, auch im vormaligen Kolonialreich Deutschland, hat die nicht endendwollende Zuwanderung aus der kaputten, größtenteils islamischen Welt unumkehrbare gesellschaftliche Verhältnisse geschaffen. Und zwar in Form einer neuartigen Grenze.

Die unüberwindbar zwischen denjenigen verläuft, die den Zuzug als Bereicherung begrüßen, oder zumindest achselzuckend hinnehmen. Auf der anderen Seite sind nicht nur in Deutschland Leute aufmarschiert, die Zugereiste aus der kaputten Welt als regelrechte Gefahr für den Fortbestand der Menschheit empfinden.

Teilweise hat die Ablehnung Zugewanderter etwas mit einem wiedererwachten Interesse an rechtslastig angehauchter,  nationaler Identität zu tun. Die sich angemahnter Solidarität mit der verelendeten Weltbevölkerung höhnisch widersetzt. Aus durchaus nachvollziehbaren Gründen. Schließlich geht’s auch im Wohlfahrtsstaat ums eigene Fressen, um Wohnung, Arbeit, und vor allem auch um das bisschen Geld, mit dem der Staat Bedürftige mehr schlecht als recht beschwichtigt.

Dass dann aber von diesem ohnehin schon dürftigen Kuchen auch noch annähernd gleich große Stückchen an hergelaufene Habenichtse mit provozierend fremdländischen Gewohnheiten verteilt werden, ist für “normale” Schlechtweggekommene ein Schlag ins Gesicht. Der nicht ohne Verbitterung hingenommen wird und teilweise auch Abwehrreaktionen übelster Art bewirkt.

Neben inzwischen bestens etablierten rechtspopulistischen Strömungen war sie bislang an besoffenen Glatzköpfen zu sehen. Die ernsthaft glauben, mit ehemals deutschem Gruß zur Verteidigung des Vaterlands aufrufen zu müssen. Zu diesem Umfeld gehört freilich auch eine radikalisierte Minderheit, die nicht mehr davor zurückschreckt ihren Feindbildern mit dem Finger am Abzug aufzulauern.

Bei all dem wird freilich leicht der Blick aufs Ganze vergessen. Wer mit der Knarre in der Hand aufgestauten Hass ablässt, hier lassen weiße amerikanische Polizisten grüßen, ist ja “nur” ein besonders auffälliges Phänomen innerhalb einer modernen Hassgesellschaft. Ausländerhasser mit Nazianstrich, Rassisten und islamistische Faschisten sind in einer größeren Perspektive nichts weiter als eine eher

unbedeutende Minderheit, die sich nur durch Gewaltbereitschaft und rgelrechter Mordlust von ganz normalen, unauffälligen Leuten unterscheidet. Die ebenfalls, und auch bis ganz obenhin, von unaufhörlich lodernden Hassgefühlen erfüllt sind. Und eben diese Gefühlswelt ist die wahre Gefahr für unsere Gesellschaften.

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Annäherungen an die glühende Gefühlswelt der Hassgesellschaft

Man kommt dieser Gefühlswelt näher wenn man bedenkt, dass es im Leben erwachsener

Menschen außer Geld und sinnlichen Genüssen eigentlich nichts gibt, was vorbehaltlos und erfreut annehmbar wäre. Die allgemeine Lebenserfahrung besteht traurigerweise aber nun mal darin, dass es ständig viel zu wenig von dem gibt was man gerne hätte. Und gleichzeitig viel zu viel von dem was einem einfach nicht passt, und entschieden gegen den Strich geht. Wobei die schwere Last an Dingen, die einem gewissermaßen unaufhörlich stinken, nach und nach einen dumpfen Missmut hervorrufen. Der als kollektive Grundstimmung des Daseins

unübersehbar die Gesichter prägt. Ein Missmut schließlich, der zusätzlich noch durch das schmerzhafte Fehlen all jener Dinge im Leben verstärkt wird, die andere frohen Herzens genießen, einem selbst aber aufgrund scheinbar schreiender Ungerechtigkeiten vorenthalten werden.

Diese kurzen Andeutungen dürften vollauf genügen um nachvollziehen zu können, dass die schwärzlich verhangenen Himmel aus Enttäuschung, Neid, Missgunst, Unzufriedenheit, Verständnislosigkeit und Einsamkeit ein hochexplosives Gemisch bilden. Das zwar nicht immer und sofort zur Explosion führt, wohl aber als niemals nachlassender Antriebsschub zur Kultivierung von Hassgefühlen wirkt. Weshalb man sich nicht wundern darf, dass heute jeder jeden hasst.

Linke hassen Rechtsextreme. Rechtsextreme hassen Linke, Muslime, Juden und Gutmenschen. Gutmenschen hassen Schlechtmenschen. Geschäftsinhaber hassen Straßenmusiker. Schwarzfahrer hassen Kontrolleure. Autofahrer und Fußgänger hassen Radfahrer. Schüler hassen Lehrer. Feministinnen hassen Männer. Männer hassen ihre Frauen. Vegetarier hassen Fleischesser. Nichtraucher hassen Raucher. Touristen hassen andere Touristen usw. Um nicht von islamistischen Faschisten zu reden, die bei ihren Terroranschlägen lieber sterben als weiterhin vom Hass aufs Hässliche der westlichen Welt zermürbt zu werden.

Es sieht nicht gut aus. Was früher einmal als Streitkultur bezeichnet wurde, hat sich im Internet und im Schutz der Anonymität mittlerweile zu einer regelrechte Hasskultur etabliert. In der Beleidigungen übelster Art und auch Morddrohungen die Norm sind. Dass in der modernen Hassgesellschaft Toleranz und Nächstenliebe als verstaubte Sachen aus der Welt der Leute von Vorgestern belächelt werden, ist keiner besonderen Erwähnung mehr wert. Auch nicht, dass es überall und bei jeder Gelegenheit ganz schnell eine auf die Fresse gibt.

Wer heutztage sein Seelenheil nicht im Angriff sucht, steht automatisch mit einem Fuß auf den gesellschaftlichen Abstiegsplätzen. Schon beim Wachwerden regiert daher der kriegerische Vorsatz es ihm, ihr, denen, oder allen zusammen mit gut plazierten Treffern mal wieder so richtig zu zeigen. Gleich nach dem Frühstück wird deshalb im Treppenhaus dem Nachbarn gezeigt wo der Hammer hängt. Dem

Vordermann auf der linken Fahrspur wird es mit der Lichthupe und bei nächstbester Gelegenheit mit dem Finger gezeigt. Um von jenen gehässigen Anschissen zu schweigen, mit den Führungskräfte untergebene Mitarbeiter durch den Dreck ziehen. Das Repertoire der Bösartigkeit und des Hasses erweist sich dabei im Verlauf eines einzigen Tages als schier unerschöpflich.

Fatalerweise liegt es in der Natur der Sache, dass die Kriegsschauplätze des Alltags bei allen Beteiligten das Bedürfnis nach Erhöhung individueller Kampfkraft hervorrufen. Niemand will sich gerne unterkriegen lassen. Und wenn andere in ihren Verhaltensweisen aufrüsten, einen zuparken, beschimpfen, oder mit dem Anwalt drohen, muss man wissen wie man seine Widersacher ausschaltet. Aufgrund gewaltverhindernder Gesetze bleibt das in einstweilen noch zivilisierten Gesellschaften einigermaßen beherrschbar.

Dort aber wo es Menschen frei steht sich bis auf die Zähne zu bewaffnen, hat der

Wunsch nach Erhöhung individueller Kampfkraft längst schon zu kriegsähnlichen Zuständen geführt. Die sich offenbar nicht beenden lassen, deren erschreckende Realität immer wieder Entsetzen hervorruft, andrerseits aber mit achselzuckender Gleichgültigkeit hingenommen wird. Die zweifellos radikalsten Zeichensetzer der Hassgesellschaft sind jene verstörten und eher unauffälligen amerikanischen Einzelkämpfer. Moderne, apokalyptische Reiter des Terrors. Die irgendwann nicht mehr anders können, als es mit dem Sturmgewehr allen anderen

ein für alle mal so richtig zu zeigen. Männer wie Stephen Paddock beispielsweise, von dem niemand etwas wusste, bis er in Las Vegas von einer Hotelsuite aus mit nicht weniger als dreiundzwanzig Sturmgewehren so lange in eine Menge schoss bis sich nichts mehr rührte.

Männer mit dem Finger am Abzug oder dem Messer in der Hand sind Symbolfiguren des Hasses in einer Gesellschaft, in der sich schon längst jeder mit jedem im Kriegszustand befindet. In der diejenigen auf der Strecke bleiben, die sich nur mit dem Ellenbogen durchsetzen wollen. Dabei aber vergessen, dass nur noch die Anzahl der Treffer zählt, die einer dem anderen imstande ist zuzufügen.