Wir haben das Glück erfunden – sagen die letzten Menschen und blinzeln.  Friedrich Nietzsche

Spießer-Weggefährtenschaft zum Endsieg der Dummheit

Alt-68er und ihr Nachwuchs sind stolze Menschen. Nichts kränkt sie mehr als mit Spießern in Verbindung gebracht zu werden. Und doch würde Nietzsche in ihnen diejenigen erkennen, die er am Schluss der Vorrede seines Zarathustra als “verächtlichste Geschöpfe” unter der Sonne, und als letzte Menschen bezeichnet. Wer Spießer interessant findet, und das sind sie

zweifellos, kann sich von Nietzsche ihre verschrobene Innenarchitektur zeigen lassen. Spießer sind für Nietzsche Menschen, die stolz darauf sind nichts anderes erreichen zu wollen, als einfach nur so wie alle anderen zu sein. Die ihr höchstes Glück in einer dümmlichen Selbstzufriedenheit finden, und ihre Dummheit mit geistiger Höchstleistung verwechseln. Nietzsches letzte Menschen sind darüber hinaus sogar stolz auf ihre Unbelehrbarkeit. Ihre Augen brauchen sie daher nicht zum Sehen, vielmehr aber zu einer Geste mit vermeintlich bedeutungstiefer Signalwirkung. Indem sie bei allem was sie in ihrer beschränkten Sichtweise von sich geben, immerzu zustimmungsheischend blinzeln.

Treffender wird man Spießer nicht beschreiben können. Natürlich darf nicht erwartet werden, dass moderne deutsche Alt-68er Spießer und ihr Nachwuchs diese Charakterisierung auf sich beziehen könnten. Zumal Nietzsche zu Denkern gehört, die ihrem geistigen Erwartungshorizont seit jeher entgegengesetzt sind. Zu behaupten, dass sie ein Spießertum hervorgebracht hätten, das in seiner erschreckenden Stumpfsinnigkeit in der Geschichte deutscher Spießereien einmalig ist, wird sie zwar ein wenig aus der Ruhe, aber nicht auf die Palme bringen. Dazu fehlt es inzwischen ja auch an körperlicher Gelenkigkeit.

Zustimmungsheischend blinzelnd würden sie jedoch geltend machen gar keine Spießer sein zu können. Und zwar deshalb nicht, weil es erwiesenermaßen doch sie gewesen wären, die vor einem halben Jahrhundert heldenhaft das Spießertum der Adenauer-Generation  abgeschafft, und Deutschland geistig erneuert hätten.

Aber nur weil die Leute damals HB rauchten, ihre Autos auf Hochglanz polierten, Eierlikör tranken, und Spitzendeckchen mit Plastikblumen auf den Tischen hatten, waren sie keine Spießer. Und Adenauer selbst war ganz bestimmt keiner. Zwar gab es jede Menge unverbesserlicher alter Nazis, die trotz ihrer Vergangenheit in den 50er und 60er Jahren erstaunliche Karrieren machten. Auch sonst war oft zu hören, dass es dieses oder jenes “unterm Hitler” nicht gegeben hätte. Eine beschauliche Spießerei war die alte Bundesrepublik jedoch nicht. Dafür war der Alltag in Deutschland, und nicht nur in Deutschland viel zu anstrengend.

Dennoch wurden die 60er Jahre zu einer Epoche anhaltender zivilgesellschaftlicher Proteste. Die in Amerika ihren Anfang nahmen, und später auf Frankreich, Italien, Deutschland und die Tschechoslowakei übergriffen. Die “Studentenbewegung”, wie sie auch genannt wurde, protestierte mit ihren Aufmärschen nicht nur gegen den Vietnamkrieg. Sie forderte eine

radikale Demokratisierung westlicher Gesellschaften, und die Befreiung aller Menschen vom Joch kapitalistischer Ausbeutung. Näher auf diese Forderungen einzugehen ist hier nicht notwendig. Statt dessen sind aber die leidenschaftlichen, fanatischen, ja beinahe schon religiös anmutenden Heilserwartungen hervorzuheben, die mit allem verknüpft waren was irgendwie marxistisch, besser aber so weit links wie möglich einzustufen war. Ich möchte nun zeigen, dass der damalige starre Blick nach links im Verlauf der Zeit zum zustimmungsheischenden Blinzeln eines neuen deutschen Spießertums, und dazugehörenden Heldentaten der Dummheit geführt hat. Wobei zunächst einmal zu klären wäre worin eigentlich der Attraktionswert einer linken Gesinnung bestand, und immer noch besteht.

Als Faschismus zum Antifaschismus wurde – Folgen eines genialen linguistischen Täuschungsmanövers

Die Studentenbewegung, um bei diesem Begriff zu bleiben, hatte sich dem Antifaschismus verschrieben. Aber was ist Faschismus? Faschismus ist wenn in einer Zivilgesellschaft mittels militärischer Organisationsformen, und kriegerischer Rücksichtslosigkeit, die vollständige Vernichtung, bzw. Unterwerfung eines Gegners vorangetrieben wird. Wer geneigt ist dieser Definition zuzustimmen wird erkennen müssen, dass nicht Mussolini oder Hitler, sondern Lenin der erste Faschist war. Der ja in seinen berüchtigten “Dekreten über den roten Terror” von 1918 aus seinem Vernichtungswillen keinen Hehl machte. Sein massenmörderischer Faschismus wurde unter Stalin zu einem regelrechten Völkermord-Faschismus gesteigert. Bei dessen Säuberungen neuesten Erkenntnissen zufolge über 100 Millionen Menschen grausamst zu Tode kamen. Aber so wie man Stalin für seine Schreckensherrschaft der Mordlust nicht genug verachten kann, muss man ihn für eines der erfolgreichsten linguistischen Täuschungsmanöver aller Zeiten bewundern.

Geschickt nutzte Stalin den “vaterländischen Krieg”, dem ihn Hitlers Angriff aufnötigte, zur Gelegenheit um der ganzen Welt seinen genozidalen Faschismus als Antifaschismus anzupreisen. Das war wirklich genial. Damit war eine bis heute gültige Frontlinie zwischen Gut und Böse gezogen. Jegliche Kritik an Kommunismus oder Sozialismus konnte von nun an triumphierend als Faschismus verschrien werden. Man brauchte nur noch den angefeuchteten Finger in die Luft halten, um zu prüfen ob der Wind von links oder rechts wehte, und schon konnte einwandfrei zwischen Faschismus und Antifaschismus unterschieden werden. Dieser Logik zufolge war es nur konsequent, dass auch die parlamentarische Demokratie als Fortsetzung des Faschismus mit anderen Mitteln kritisiert und bekämpft wurde. Umgekehrt konnte aufgrund Stalins linguistischer Falschmünzerei Protest und

und kämpferischer Widerstand gegen “herrschende Verhältnisse” als Antifaschismus legitimiert werden. Heute wird selbst jene zerstörerische Wut, die sich gelegentlich an allem austobt was funktioniert, als lupenreiner Antifaschismus definiert.

Womit aber noch nicht alles gesagt ist. Kann doch aus Stalins Täuschungsmanöver das ethische Fundament für ein geschichtliches Sendungsbewusstsein zu den erhabensten Zielen der Menschheit hergeleitet werden. Im Blick linker Weggefährtenschaft ist Rechts Verrat an den wahren Zielen der Menschheit, und gleichbedeutend mit schlecht, dumm, ungerecht, rückständig, egoistisch, inhuman usw. Links ist dagegen der Weg zum Jenseits aller ausbeuterischer Fesseln, und wird mit gut, intelligent, gerecht, fortschrittlich, humanitär usw. gleichgesetzt. Da links-gute Weggefährtenschaft den Stolz auf moralische Unbelehrbarkeit zur Voraussetzung hat, verbleibt auch der Glaube an die “gute” Sache unerschütterlich. Ist die Leugnung des Holocaust schon seit langem, und völlig zu Recht strafbar, hat die Linke vor Stalins und Maos Völkerschlächtereien immer noch enorme Berührungsängste. Selbst ein Intelektueller wie Sarte wollte davon nichts wissen. Unter aufgeklärten Linken ist es immer noch üblich, die infragekommenden Verbrechen achselzuckend als blosse Ausrutscher auf dem Weg zum großen Menschheitsziel zu bedauern.

Heldentaten der Dummheit

Im März 1968 war der revolutionär aufgeputschte deutsche “Studentenführer” Rudi Dutschke an der Prager Karlsuniversität zu einer Vorlesung eingeladen. Es war die Zeit des Prager Frühlings, als Reformbemühungen der kommunistischen Partei den Menschen zu mehr Freiheit und Wohlstand in einem “Sozialismus mit menschlichem Anlitz” verhelfen wollten. Allerdings wollten die Menschen nach zwanzig Jahren Kommunismus von den Errungenschaften des Sozialismus nichts mehr wissen. Allein schon das Wort Sozialismus löste Widerwillen aus. Und nun redete ihnen ein Wohlstandsjüngling aus einem Land, das vor nicht allzu langer Zeit in Prag einmarschiert war, von den Segnungen des wahren, stalinistischen, Sozialismus. Die Rede selbst war grauenhaft. Dutschke war offenbar nicht nur mit dem herrschenden “System”, sondern auch mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß. Immerhin versuchte er seine Zuhörer

avon zu überzeugen, “…dass das kapitalistische System von Demokratie keine Alternative zur stalinistischen Demokratieform sein kann.”

Ob Dutschke nach seiner Rede zustimmungsheischend blinzelte ist nicht überliefert. Als dann im August 1968 Panzer des sowjetischen “Brudervolks” das Prager Straßenbild dominierten, hielt sich die Empörung der revolutionären Linken auffallend in Grenzen. Die allerdings schon damals als eine Weggefährtenschaft noch junger Spießer unterwegs zum Triumph deutscher Dummheiten war. Wovon im nächsten Beitrag die Rede sein wird.

 

 

 

 

 

 


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