Bemerkungen zu einer kollektiven Sehnsucht am Beispiel eines prominenten Denkers

Es gibt unzählige Lokale die namentlich mit “Kellern”, “Scheunen”, “Klausen” und “Stuben” in Verbindung stehen. Man sieht derart rustikal bezeichnete Lokale nicht nur in ländlichen Gegenden, sondern auch in labyrinthartigen Betonlandschaften großer Einkaufszentren, Bahnhöfe und Flughäfen. An Orten also, an denen noch nicht einmal enfernteste Gedanken an Dinge wie Jagd, Fischerei, Viehzucht, oder Ackeberbau aufkommen wollen. Dennoch scheinen diese Lokale allein schon von ihren Namen her bestrebt zu sein, sich wie anheimelnde Überbleibsel aus einer längst vergangenen, naturbelassenen Beschaulichkeit jenseits aller Hektik zu empfehlen.

Wer geht in solche Lokale? Vom Stresss Geplagte vielleicht, die das zwingende Bedürfnis empfinden den modernen Alltag mit seiner erbarmungslos kaltschnäutzigen Betriebsamkeit hinter sich zu lassen? Um in den Stuben entspannt dasitzender Bauern, Jäger, Mönche, oder Fischer endlich auch wieder mal einfach nur Mensch und nichts anderes zu sein? Derart naive Beweggründe anzunehmen ist eher unwahrscheinlich. Dennoch wird jeder aufmerksame Betrachter die Erkenntnis bestätigen, dass in jenen Stuben das bodenständig gute Alte als Alternative zum durchrationalisierten Hier und Jetzt angeboten wird.

Sind doch Hufeisen, Kutscherlampen, Wagenräder, Posthörner. Pferdehalfter, Kupferkessel, Heugabeln, Flinten und Fischernetze nur deshalb gefällig an den Wänden angebracht, um als kulturelle Reviermarkierungen empfunden zu werden. Als symbolische Hinweiszeichen für die Existenz einer nach wie vor bestehenden, durch und durch herzensguten Welt. In die man, wie es im berühmten Lied vom “Weißen Rössel am Wolfgangsee” heißt, nur eintreten braucht um unmittelbar aller Sorgen enthoben zu sein.

Und gerade so als ob die ergreifend besungene Romantik der herrlichen Wiesen- Wald- und Postkutschenwelt nie zu existieren aufgehört hätte, sitzen die Gäste gelöst und guter Dinge in einem wohltuend gelblich gefärbten Licht vor ihren Getränken. Die ihnen in den richtig guten alten Stuben von landmodisch betont offenherzigen Mägden an die grob gehobelten Tische gebracht werden. Auf denen meistens auch pergamentartige Speisekarten ausliegen. Die den Eingekehrten nach altbewährter Art zubereitete, und daher das Wasser im Mund zusammenlaufende Ochsenschwanzsuppen, Schlachtplatten, Jägerschnitzel, Fleischsalate und dergleichen mehr empfehlen.

Überaus passend wird die ohnehin schon ungezwungene Atmosphäre mit volkstümlich beschwingten Melodien aus der Jukebox bereichert. Das einzige was als Stilmittel nicht richtig dazugehört, ist das nervende Geräusch der Spielautomaten. Aber wo unverfälschte Ursprünglichkeit so nahe ist, da kann natürlich auch das große Glück nicht fern sein. Tag für Tag, Abend für Abend, nimmt die künstliche Rustikalität in solchen Lokalen ganze Heere von Suchenden auf. Die in diesen Heimatasylen, wenigstens für einige Stunden, gnädige Entlastung vor erbarmungsloser Verfolgung durch widrige Lebensumstände zu finden hoffen. Und wie zur Bestätigung am einzig richtigen Ort der Welt angekommen zu sein, blinzeln die an den Wänden hängenden Bildnisse trinkender Bauern und Mönche den zufrieden Dasitzenden verschmitzt zu.

Da spielt es auch keine Rolle, ob die rußgeschwärzten Balken über der Theke, oder die Butzenscheiben in den Fenstern aus Plastik sind. Und überhaupt, alles was die feine, blöde Welt da draußen lächerlich und abgeschmackt findet, hier drinnen geht man mit einem gesunden Durst und der Unbeschwertheit des frohen Herzens darüber hinweg.

Ja, es gibt sie zweifellos, die Sehnsucht nach der heilen, vor allem aber seelenheilenden Welt der guten alten Bauernstube. Die in ihren etwas moderneren Varianten auch in den Katalogen der Einrichtungshäuser die Seeln der Käufer ansprechen. Wobei die Einsicht nahe liegt, dass das Bedürfnis in einer betont rustikalen Sesshaftigkeit aufzugehen, den Verlust von innerer Bodenständigkeit zur Voraussetzung haben muss. Der wahre Wert einer Sache wird einem ja immer erst dann schmerzlich bewusst, wenn man sie nicht mehr hat. Martin Heidegger, ein Denker der sich in den Stuben der Bauern und Waldarbeiter im Schwarzwald wohlfühlte, hat dieses Prinzip bestätigt. Und zwar, wie gleich hinzuzufügen wäre, mit einer unfreiwillig komisch anmutenden Offenheit.

Heideggers Affinität zum Heimatlichen, zum alemannisch schwäbischen Raum ist hinlänglich bekannt.

Der Denker der auf seine soziale  Umgebung keineswegs wie ein Gelehrter oder Intelektueller wirkte, sondern gern wie ein Förster gekleidet in Erscheinung trat, war von 1903 an drei Jahre lang Zögling des Erzbischöflichen Gymnasialkonvikts in Konstanz, dem Konradihaus. Fünfundzwanzig Jahre später blickt Heidegger in einem Brief an den Rektor dieser Einrichtung auf seine Konstanzer Zeit zurück. “Ich spüre immer deutlicher,” wird darin vollmundig bekannt, “wie stark alle meine Versuche mit dem heimatlichen Boden verwachsen sind.” (1) Der damals schon weltberühmte Verfasser von Sein und Zeit grüßt den Rektor abschließend als Ihr “ehemaliger Zögling Martin Heidegger.”  Worüber der Schulman zutiefst gerührt gewesen sein dürfte. Gewundert hat er sich möglicherweise aber doch.

Wie nämlich die seinsphilosophischen Erörterungen des ehemaligen Zöglings mit dem heimatlichen Boden verwachsen sind, muss dem Rektor bei der Lektüre von Sein und Zeit unverständlich geblieben sein. Dieser Text hat es ja im wahrsten Sinne des Wortes in sich. Etwa wenn gesagt wird: “Das Dasein ist nicht insofern selbst der Grund seines Seins, als dieser aus eigenem Entwurf erst entspringt, wohl aber ist es als Selbstsein das Sein des Grundes. Dieser ist immer nur Grund eines Seienden, dessen Sein das Grundsein zu übernehmen hat.”    (2) Vielleicht ist es unfair solche Ausführungen unkommentiert und aus ihrem Zusammenhang gerissen zu zitieren. Dennoch wird zweifellos klar, dass noch nicht einmal der allertiefste Grund des Bodensees so unergündlich wie derartige Sätze sein kann. Was immer man dazu sagen kann, eines ist von Anfang an gewiss: die Sprache Heideggers ist ganz offenbar nicht die Sprache alemannisch schwäbischer Bodenständigkeit.

Die geäußerte Verbindung mit dem heimatlichen Boden wirkt daher anbiedernd und erzwungen. Denn was genau soll ein erkenntnistheoretisch so entrückter, und sprachlich beinahe unüberbietbar kühn verschrobener Text mit dem heimatlichen Boden zu tun haben? Mit bodenständigen Menschen wie dem Schulmann, Fachwerkhäusern und Kirchtürmen, Feldwegen, Wäldern, Wiesen und Gewässern? Weshalb konnte der berühmte Denker aus Meßkirch die Kirche nicht einfach im Dorf lassen?

Der von ihm geschätzte Friedrich Nietzsche war in dieser Hinsicht aus ganz anderem Holz geschnitzt. Dem unerschrockenen Umwerter aller Werte, der nach seiner Basler Professur, von einer unaufhörlichen Unruhe gerieben, immerzu an der französischen Riviera, in Norditalien oder in der Schweiz umherreiste, war selbst jeder flüchtige Gedanke an Heimat unerträglich. Nietzsche, einer der wenigen großen Meister der deutschen Sprache, hat in seinen Schriften Deutschland und die Deutschen immer wieder verhöhnt und leidenschaftlich verflucht. Dabei sind auch einige namentlich genannte “Kühe aus dem Schwabenland” alles andere als gut weggekommen. Im Vergleich zu Heideggers einstweilen noch rätselhaft anmutender Heimatverbundenheit wirkt Nietzsches Gezeter über Deutschland und die Deutschen bodenständig ehrlich. Und wenn Betrold Brecht im Verlauf eines Gesprächs mit Walter Benjamin seine Heimatstadt Augsburg unumwunden als “Scheißstadt” abtut, bedarf es keiner zusätzlichen Versicherung um zu verstehen, dass hier die personifizierte Bodenständigkeit ihre Lippen bewegte.

Selbst wenn man berücksichtigt, dass Heimatverbundenheit damals politisch und weltanschaulich in Mode war bleibt ungeklärt, wie, an welchen äußeren Zeichen also, die so schwärmerisch betonte Verwachsenheit von heimatlichem Boden und Werk dem Denker immer deutlicher wird. Die Sache wird nicht einfacher wenn man sich daran erinnert, dass Heidegger ein Dasein innerhalb der Philosophie  als vollkommen verschieden zum gewöhnlichen Dasein betrachtete. (3) Über diese grundsätzliche Unvereinbarkeit, ähnlich wie zwischen zwei nicht miteinander kompatiblen Computersystemen, haben Denker aller Völker und Zeiten geseufzt. Schon Platon wusste, dass diejenigen Spott ertragen müssen, die für gewöhnliche Ohren fremd anmutend reden. Und auch Heidegger sagt selbst, dass Philosophie jenes Denken ist von dem die Dienstmägde notgedrungen lachen. (4)

Wenn das so ist, weshalb hebt dann der Denker seine Verbundenheit mit dem Bäuerlichen hervor, und warum wird, wie gleich gezeigt wird, die unmittelbare Nähe zu den Bauern selbst gesucht? Welche Gründe sind es, die den weltberühmten Philosophen zu den Bauern in die Stube eintreten lassen?

Die philosophische Arbeit, sagt Heidegger einschmeichelnd, gehöre eben mitten hinein in die Arbeit der Bauern. Wenn etwa der Jungbauer den schweren Hörnerschlitten den Hang hinauf schleppen würde, um ihn später, hochbeladen mit Buchenholz und dazu in gefährlicher Fahrt zum Hof zurückzulenken, der Hirt sein Vieh den Hügel hinauf treibe, oder der Bauer die Schindeln fürs Dach herrichte, dann “ist meine Arbeit von derselben Art.”  (5) Natürlich ist das Unsinn! Zwar hat auch Nietzsche gelegentlich gezeigt “wie man mit dem Hammer philosophiert.” Leuten die den Hammer wirklich halten ging er aber eher aus dem Weg. Dennoch, vielleicht hätte es die Bauern interessiert was Philosophie mit Holzhacken oder Viehtreiben zu tun hat. Umgekehrt wäre es womöglich für den Philosophen aufschlussreich gewesen zu wissen, welche Gedanken und Bilder dem Bauern beim Herrichten der Schindeln durch den Kopf gehen.

So viel steht fest, ein Austausch könnte nur stattfinden wenn es wirklich Arbeiten einer wenigstens annähernd selben Art wären. Sonst müsste übers Wetter gesprochen werden. Wie aber verliefen Heideggers Gespräche mit den Schwarzwälder Bauern? Um es gleich zu sagen, überaus bezeichnend für die Kluft zwischen zwei unüberbrückbaren Welten. Heidegger schildert das Gesprächsklima in der Bauernstube folgendermaßen. “Wenn ich zur Zeit der Arbeitspause abends mit den Bauern auf der Ofenbank sitze oder am Tisch im Herrgottswinkel, dann reden wir meist gar nicht. Wir rauchen schweigend unsere Pfeifen. Zwischendurch fällt vielleicht ein Wort, dass die Holzarbeit jetzt im Wald zu Ende heht, dass in der vorigen Nacht der Marder in den Hühnerstall einbrach, oder dass morgen wahrscheinlich die eine Kuh kalben wird.” (6)

Diese Verlegenheitsfloskeln weisen eindeutig darauf hin, dass mit der Kommunikation unter vermeintlich Gleichartigen etwas nicht in Ordnung sein kann. Und tatsächlich spricht die Mundfaulheit der Bauern im Pfeifenrauch ganze Bände über den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Heidegger glaubt in seiner vermeintlichen Bodenständigkeit von sich selbst unter seinesgleichen zu sein. Für die Bauern in der Stube ist er aber so etwas wie das fünfte Rad am Heuwagen. Das kann auch nicht anders sein, denn gegenüber dem Denker auf der Ofenbank empfinden die Bauern verständlicherweise eine gewisse Minderwertigkeit. Außerdem will sich für sie auch nicht erschließen was der Mann bei ihnen eigentlich sucht.

Es ist klar, die mitunter wirklich vordergründigen Dinge ihrer bäuerlichen Welt: Schnapsbrennen, Frauen, Geld und Politik, können erst dann mit gewohnter alemannischer Derbheit angeschnitten werden, wenn die Berühmtheit sich verabschiedet und ihre Wege in die Nacht hinein gegangen ist.

Heidegger aber bleibt dabei, dass seine innere Zugehörigkeit zum Schwarzwald und seinen Menschen auf einer schon jahrhundertelangen, und durch nichts zu ersetzenden Bodenständigkeit gewachsen wäre.

Das Blut ist da, aber es spricht nicht!” So hat Franz Kafka einmal zutiefst resigniert das Schweigen der Mutter zu seiner Literatur kommentiert. Was aber hätte die gute Mutter mit den Texten ihres Sohnes anfangen können? So wenig wie die Bauern auf der Ofenbank mit der Seinsphilosophie. Heideggers hervorgehobene Bodenständigkeiten sind daher nichts anderes als Verlautbarungen einer verlorenen Beziehung zum Bodenständigen. Mehr noch, es sind Äußerungen einer enormen Angst vor dem Verlust des Bodens (dem Grundsein des Seins) unter den Füßen, die nur durch eine symbolische Bodenständigkeit kontrollierbar bleibt.

Der Aufenthalt in der Bauernstube wird damit zum ersehnten Fluchtpunkt. Zu einem Ort in der Fremde, der die erschreckend unerklärliche Fremdheit des eigenen Daseins für einige Augenblicke lang vergessen lässt. Das ist es was Heidegger bei den Todtnauberger Bauern in der Stube suchte.

Kein anderes Unternehmertum kann die tiefsten Bedürfnisse der Kunden besser nachvollziehen als Wirte in touristisch frequentierten ländlichen Gebieten. Weil der Trend der Zeit ohnehin zum Erlebnis geht, zum dabei und mittendrin sein, ist es nur natürlich wenn die Bauern aus der Damaligkeit wieder lebendig werden. Mit ihrem psychologischen Einfühlungsvermögen haben zeitbewusste Wirte begonnen, ohnehin schon betont bodenständige Stuben mit einem passenden Inventar auszustatten.

Und zwar mit älteren und so richtig ländlich wirkenden Männern. Denen es bei freien Getränken und einer angemessenen Aufwandsentschädigung obliegt leutselig an einem zentral plazierten Tisch zu sitzen, zustimmungsheischend Sprüche zu klopfen, und dabei in ihrer Rolle als gewissermaßen “letzte Menschen” den Fremden verschmitzt zuzublinzeln.

1 Ott, H., Martin Heidegger – Unterwegs zu einer Biographie Frankfurt/M 1988, S. 55

2 Heidegger, M., Sein und Zeit Klostermann Gesamtausgabe Bd. II, Frankfurt/M 1977, S. 378

3 Heidegger, M., Vom Wesen der Wahrheit, Klostermann Gesamtausgabe Bd. 34, Frankfurt/M 1988, S. 77

4 Heidegger, M., Die Frage nach dem Ding, Klostermann Gesamtausgabe Bd. 43, Frankfurt/M 1984, S. 3

5 Heidegger, M., Schöpferische Landscaft. Warum bleiben wir in der Provinz? Denkerfahrungen, Frankfurt/M 1983, S. 10

6 Heidegger, M., ebd.

 

 

 

 


1 Comment

Claudette Novida · May 21, 2018 at 2:20 pm

Very interesting subject , regards for putting up.

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