In der Katastrophe nimmt sich das Unheil nur selten die Zeit, um für unser Gesicht die rechte Maske zu liefern.      Jean Giradoux

In einer Welt aus lauter Doppelgängerinnen und Doppelgängern wird man nicht leben wollen. Beim Bäcker, beim Friseur und auf der Post: wohin man auch schaut, überall Menschen mit dem gleichen Gesicht. Alle mit der gleichen Haut- und Haarfarbe, gleiche Körpergröße und Körperhaltung, gleiche Kleidung usw. Das ist eine der schrecklichsten Horrorvisionen die man sich vorstellen kann. Vielleicht sogar die Mutter aller Albträume. Man möchte daher gerne glauben, dass unsere

gesellschaftliche Realität nichts mit dieser albtraumhaften Welt zu tun hat. Jedoch zeigt sich die tatsächlich existierende Welt oftmals als noch schrecklicher als die fantastischsten Ausgeburten der Fantasie. Bei genauerem Hinsehen stellt sich denn auch heraus, dass die eben skizzierte Vision keineswegs weit von der Realität entfernt ist. Teilweise wird sie in ihrer Horribilität von unserer real existierenden Alltagswelt sogar noch übertroffen.

Wir alle sind davon überzeugt aufgrund individueller Veranlagungen von anderen verschieden zu sein. Aus dieser Erkenntnis schöpfen wir unser Selbstbewusstsein. Das immer dann empfindlich beeinträchtigt wird, wenn wir mit jemand “verwechselt” werden. Was wegen unserer angenommenen Einzigartigkeit eigentlich gar nicht möglich sein sollte. Jedoch sind die Unterschiede zwischen Mensch und Mensch nicht so groß wie man vermutet. Im Gegenteil; wir sind uns viel ähnlicher als wir

glauben. Ohne dass uns das besonders aufgefallen wäre, haben wir uns nämlich längst schon zum Verwechseln ähnlich aneinander angeglichen.

Nicht nur im Hinblick auf unser äußeres Erscheinungsbild. Auch unsere vermeintlich individuelle Innenwelt ist von miteinander identischen Geistes- und Gefühlsbildern geprägt. Aus unschwer nachvollziehbaren Gründen. Schulen und Universitäten vermitteln überall denselben “Stoff”; dieselben Werte und dieselben ethischen Grundsätze. In der Öffentlichkeit legen wir weitgehend dieselben Umgangsformen an den Tag. Wir hören die gleiche Musik, sehen die gleichen Fernsehprogramme und kaufen die gleichen Bücher. Die Einrichtung in unseren Häusern und Wohnungen unterscheidet sich nur geringfügig von derjenigen in anderen Häusern und anderen Wohnungen. In denen überall die gleichen Speisen und Getränke auf den Tischen stehen. 

Wir sitzen in den gleichen Autos und tragen zu Hause und an Arbeitsplätzen die gleichen Konflikte aus. Um nicht von der ermüdenden Gleichheit unserer Kleidung zu reden. Wobei ein ärgerliches, geradezu teuflisch wirkendes Eingleichungsprinzip am Werk zu sein scheint. Je mehr wir darum bemüht sind uns modisch voneinander zu unterscheiden, desto ähnlicher werden wir. So wie auch unsere eigenen Meinungen

in einer allgemeinen Meinungsähnlichkeit eingebettet sind. Wo großspurig ein hartes Aufeinanderprallen unterschiedlicher Meinungen angekündigt wird, finden in Wirklichkeit federleichte Meinungs-Kissenschlachten mit ermüdend immergleichen Meinungs-Sprechblasen statt.

Zusammenfassend ist offenkundig, dass moderne Gesellschaften von viralen Kopiervorgängen geprägt sind. Wobei in jedem “Original” die gleiche Originalität steckt. So dass bei dauerhaft eingeschalteter “Print” Funktion von jeder Kopie ständig zusätzliche Kopien angefertigt werden. Zwar ahnen wir es, wollen es aber meistens nicht wahrhaben; wir sind genormt. Wozu nun die Verpflichtung zum Tragen einer Maske hinzukommt, die zusätzlich zu ohnehin schon bestehenden

Immergleichheiten aus allen Gesichtern das gleiche Gesicht macht. Und zwar das kollektive, Nase und Mund verdeckende, dafür aber mit betont offener Duldsamkeit unterstrichene: “es bleibt einem ja nichts anderes übrig” Gesicht.

Dieses Gesicht ist die Charaktermaske für eine Situation, die uns allein schon aus praktischen Gründen unangenehm ist. Der Nasen-Maulkorb stört! Weitaus störender wird aber etwas anderes empfunden. Trägerinnen und Träger einer millionenfach getragenen Maske müssen als Menschen ohne klar erkennbare Gesichtszüge auftreten: Als Maskierte in einer gleichartig maskierten Masse. Was mit nur schwer annehmbaren persönlichen Konsequenzen verbunden ist. Ist nämlich erst einmal das eigene Gesicht nur noch knapp zur Hälfte da, bleibt vom vormals ganzen Menschen ein verunsichertes Fragment mit zwei Augen übrig. Was aber in sozialer Hinsicht vertretbar ist. Als vorschriftsmäßig Maskierter unter Maskierten stelle ich nämlich meine mir aufgenötigte, nachvollziehbaren Umständen geschuldete Gesellschaftsfähigkeit unter Beweis.

Schließlich gebe ich mich als Maskenträger als verantwortungsvolles Mitglied der Gemeinschaft zu erkennen. Das seine gesichtsbezogene Eitelkeit zugunsten des Gemeinwohls geopfert hat. Als maskierter Mensch bin ich deshalb in moralischer Hinsicht ein guter Mensch. Ob man ganze Nationen über eine längere Zeit hinweg zur Teilnahme an einem freudlosen Maskenball verdonnern kann, steht allerdings in den Sternen. Maskenpflicht ist daher der Beginn eines noch nicht dagewesenen ethischen und sozialpsychologschen Experiments.

Wenn Gesellschaften in Gefahr sind, sind Gesichtslose gesellschaftsfähig

Durch Maskenpflicht erhält das Dasein als Person unter anderen Personen eine neuartige Dimension. Die den komplizierten Zustand des Personseins zusätzlich erschwert. Was aber sind Personen? Der etruskische Gott Phersu ist heute wenig bekannt. Dabei hat uns dieser Gott aus dem ersten vorchristlichen Jahrtausend die Bezeichnung für das gegeben was wir sind: Personen. Liegt doch dieser Name dem lateinischen Wort persona zugrunde. Das jedoch interessanterweise auch Maske bedeutet. Masken wurden ursprünglich von Schauspielern getragen, die mit einer bestimmten Maske jeweilige Rollen darstellten. So dass persona (Person) auch die Verkörperung einer Rolle beinhaltet.

Es wäre jedoch voreilig die Auffassung zu teilen, wir alle würden auf den Bühnen des Lebens Theater spielen. Unbestreitbar ist allerdings zutreffend, dass wir als Personen jeweils bestimmte Rollen verkörpern. Schließlich gibt es im individuellen menschlichen Dasein nichts, was wir nicht im Hinblick auf andere tun. Das beginnt schon wenn wir zu Hause in den Spiegel schauen. Man denkt nicht daran, aber wenn wir vor dem Spiegel stehen, sehen wir uns mit den Augen anderer. Nehmen wir doch selbstkritisch prüfend vorweg was andere sehen werden, wenn sie uns sehen. 

Sich den Blicken anderer bewusst zu sein ist nicht leicht. Andere sind im eigenen Bewusstsein immer anwesend. Selbst wenn sie gar nicht da sind spielen sie für mich immer die “Hauptrolle”. Andrerseits verkörpere ich für sie jeweilige Rollen. Egal ob ich als Gebrauchtwagenhändler, Bestattungsunternehmer, Nervenarzt, Schlagersänger, Hochstapler oder Gefängnisgeistlicher tätig bin, immer muss ich mir vorstellen wie andere meine Rollen wahrnehmen. Ihre Sichtweisen und Reaktionen muss ich von Anfang an in meine Aktivitäten einplanen. Wobei ich mir keine Schwächen erlauben darf. Vor allem aber darf ich vor anderen nicht mein 

Gesicht verlieren. Wer als Person seine Rolle nicht mehr weiterspielen kann, hat die Maske seines Lebens verloren. Maskenpflicht gegenwärtiger Art und Bedeutung erscheint vor diesem Hintergrund als Aufbruch in eine andere, möglicherweise menschlichere Gesellschaft. In der aufopferungsvoller Gesichtsverlust dem Fortbestand der Gemeinschaft dient.  

Die “formierte Gesellschaft” war in der alten Bundesrepublik eine Vision, die vom damaligen Bundeskanzler Ludwig Erhard verbreitet wurde. Man nannte sie auch die “nach-pluralistische Gesellschaft“, in der alle Einzelinteressen dem Gemeinwohl untergeordnet sein sollten. Gesellschaftsfähigkeit war damit als Bereitschaft definiert, sich der Form einer kollektiven Individualität anzupassen. Maskenpflicht verhilft dieser heute in Vergessenheit geratenen Vision zur Neuauflage unter unerwünschten Umständen. Indem formierte Gesichtslosigkeit zum Ausdruck  verantwortungsvoller Gesellschaftsfähigkeit avanciert.

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