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Weshalb auf dem steinigen Weg zur “Traumfigur” der Kunsthund bellt

Nichts ist schlimmer als wollen, aber nicht können. Das gilt nicht nur dann, wenn Mann nicht kann. Etwas wollen, es  aber nicht können, gehört in vielerlei Hinsicht zu den menschlichen Grunderfahrungen. Wobei unter anderem abnehmen wollen, aber nicht abnehmen können, als besonders niederschmetternd erlebt wird. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Übergewichtigen und Fettleibigen unentwegt eingeredet wird, sie könnten mittels dieser oder jener Maßnahmen mühelos schlank werden. Aber so einfach scheint das ganz und gar nicht, sondern richtig  schwierig zu sein. Was offenbar an mangelndem Können liegt. Von vielen die von ihrem Gewicht nicht runterkommen ist ja tatsächlich zu hören, dass sie es einfach nicht können. Wobei sich die Frage aufdrängt, ob gewolltes, aber nicht zustandegebrachtes Abnehmen möglicherweise mit vergeblichen Kunstbemühungen in Verbindung gebracht werden kann. Wird doch oftmals von der “Kunst des Abnehmens” gesprochen, und Kunst soll bekanntlich von Können kommen.  

Dass ihre Hervorbringer wirklich etwas konnten, bezeugen die großen Meisterwerke der Kunst. Dennoch ist es voreilig und falsch, Kunst aus Können herzuleiten. Abgesehen davon, dass viele Kunstschaffenden gar nichts anders könnten als künstlerisch tätig zu sein, muss künstlerischem Können der Wille zum Können vorausgehen. Ohne Wollen kein Können! Andrerseits ist der bloße Wille zum “Kunstwollen” nicht imstande künstlerisch Überzeugendes zu schaffen. Der Weg zum fertigen Werk ist langwierig, überaus mühsam und mit ständigen Hindernissen versperrt. Wem Ausdauer und kreative Geduld fehlen, braucht gar nicht erst anzufangen.

Das heißt: Kunstwerke die es verdienen so genannt zu werden, sind Manifestationen “gekonnt” überwundener Schwierigkeiten. Weshalb diejenigen bewundert werden, die damit fertig geworden sind. Eine ähnliche Bewunderung wird vormals Fettleibigen zuteil, denen es trotz etlicher Rückschläge endlich gelang die Gestalt von Stabhochspringern anzunehmen. Man sieht, Kunstschaffen und Abnehmen sind nicht so weit voneinander entfernt wie gemeinhin gedacht wird. 

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Hungerkünstler – Virtuosen einer wirklich brotlosen Kunst

Es wäre ein abscheulicher, ja geradezu verbrecherischer Zynismus den Hungernden dieser Welt

aus Franz Kafkas Erzählung Ein Hungerkünstler vorzulesen. Die vom Hungern als Mittel zum Broterwerb handelt. Bekanntlich ließen sich Ende des 19. und Anfang des 20 Jahrhunderts Artisten in mit Stroh ausgelegten Käfigen einsperren, in denen sie hungerten. Aufpasser wachten Tag und Nacht darüber, dass sie nichts zu sich nahmen. Zu den Hungerdarbietungen strömte stets eine große Menge an Schaulustigen, deren Anteilnahme am Hunger der Hungernden von Hungertag zur Hungertag zunahm. Was den Hungernden zugute kam, die durch Eintrittsgelder zu den Käfigen hohe Einkünfte erzielten. Direkt vor den Käfigen standen die begehrtesten und teuersten Plätze bereit, die gleich für mehrere Tage hintereinander gebucht werden konnten. In der Regel wurde für etwa vierzig Tage gehungert. Nicht aufgrund biblischer Gleichnisse, sondern weil das Interesse des Publikums am Hungern nach dieser Zeitspanne erfahrungsgemäß abnahm. Ohnehin war in den 20er Jahren die Zeit der Hungerkünstler vorbei. Allerdings hungerte noch 1950 ein gewisser “Heros” für 53 Tage in einem Käfig im Frankfurter Zoo.

Im Gegensatz zu anderen Künsten hat Hungerkunst paradoxerweise den Willen zum nicht wollen zur Voraussetzung. Der eiserne Wille nicht essen zu wollen; diesen Willen bis aufs Äußerste zu beherrschen, dient ursprünglich einer asketischen Disziplinierung des Geistes. Wobei jedoch, als Nebeneffekt, der Körper der Asketen einer Vergewaltigung ausgeliefert ist. In deren Verlauf das meiste was an ihm dran ist aufgrund zunehmender Abmagerung nach und nach verschwindet. Wodurch die Hungernden in zutiefst erschreckende Elendshäuflein verwandelt werden. Was freilich in der Hungerkunst den von Anfang an angestrebten Show-Effekt darstellt. Die klassischen Hungerkünstler trugen dünne schwarze Trikots, die den Blick auf ihre Hungergerippe freigaben. Mit öffentlichem Hungern lässt sich heute nichts mehr verdienen.

Dennoch glauben durch zielgerichtetes Hungern beneidenswert mager Gewordene, allein wegen ihrer Magerkeit die Teilnahme am Leben mit Schönen und Erfolgreichen verdient zu haben.

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Weniger ist Mehr! Am Beispiel von Twiggy, dem dürren Zweiglein, das alle Busenwunder in den Schatten stellte.

Körpergeschichtlich gesehen waren die 50er und frühen 60er des vorigen Jahrhunderts Hoch-Zeiten der Busenwunder: Als Wunderbusen mit üppigen bis geradezu riesigen Oberweiten in Tittenmagazinen und Tittenfilmen Männerherzen schneller schlagen ließen. Von Russ Meyer

(1922-2004), dem Erfinder der Tittenfilme (Die Satansweiber von Tittfield), stammt das bemerkenswerte Bekenntnis, dass aus ihm nichts Gescheites werden konnte, weil er zeitlebens immer nur an gewaltigen Busen, und an sonst gar nichts interessiert gewesen wäre. Weshalb große Busen damals so groß in Mode waren ist übrigens nach wie vor ungeklärt. Zur Lösung  dieses Rätsels hätte vielleicht eine Befragung jener Männer beigetragen können, die in den Ecken verrauchter Bahnhofsbuchhandlungen stehend in Tittenmagazine vertieft waren. Und dabei den Eindruck erweckten, als ob ihnen beim Anblick der Traum-Oberweiten im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser im Mund zusammenlief. Was nicht verwundern sollte. Immerhin ist nicht auszuschließen, dass der Blick aufs gleichsam wie “zum Fressen gern” präsentierte Fleisch die damals noch eher dürftigen Lebensumstände vergessen ließ.

Die sich wirtschaftlicher Hinsicht nicht aufhellten, jedoch durch den Auftritt von Lesley Hornby, genannt Twiggy, mit einer eigentümlichen Ernüchterung einhergingen. Musste man doch 

entweder eine Brille aufsetzen oder mindestens zweimal hinsehen um zu bemerken, dass es sie überhaupt gab. Sie war dünn und flach wie ein Brett. Womit Twiggy, also “Zweiglein”, das genaue Gegenteil von oben bestens bestückten Frauen wie Gina Lollobrigida, Sophia Loren, Tura Santana oder Anita Ekberg verkörperte. Und eben deshalb avancierte die junge Dame, die immer wie ein erstauntes Kätzchen dreinschaute, zum ersten internationalen Supermodel. Im Rückblick erscheint Twiggy als hohlwangig voranschreitende Symbolgestalt einer damals noch weitgehend unbekannten, heute jedoch tonangebenden Verzichtskultur. Die sich dem “Weniger ist Mehr” unterworfen hat.

Einem ursprünglich aus der Designtheorie stammendem Leitsatz, der sich auf ein Mehr an  funktionsbezogener Formgebung durch Verzicht auf Ausschmückungen bezieht. Und ähnlich wie dieses ästhetische Streben nach verzichtsbedingter Sachlichkeit soll durch weniger sitzen, weniger kaufen, weniger fernsehen, weniger arbeiten, weniger Autofahren usw., ein Mehr an Daseinsqualität erreicht werden. Vor allem aber herrscht die ernsthaft vertretene Meinung vor, dass, Twiggy lässt grüßen, so wenig wie möglich an Gewicht auf der Wage zu einem Mehr an Attraktivität und Glücksgefühlen führt. Schon zu Twiggys Zeiten wollten 

Mädchen so schlank wie ihr Vorbild zu werden. Heute herrscht ein geschlechtsübergreifender Wettbewerb zur Fleischentfernung von den Knochen.  

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Schlankheitswahn – Die Angst vor der Hässlichkeit

Dass viele an sehr ernsthaften Essstörungen leiden bedarf keiner weiteren Ausführung. Sie reichen von krampfhafter Abschaltung des Triebs zur Nahrungsaufnahme, der Magersucht, bis zum absichtlich herbeigeführtem Erbrechen. Wenn nach überfallsartigen Heißhungeranfällen wieder einmal Mohrenköpfe und Schokoriegel zusammen mit Fleischkäse und Unmengen von Frankfurter Würstchen verschlungen wurden. Die Gründe weshalb es so weit kommt sind bekannt. Der Mensch ist ein zutiefst verunsichertes Tier. Das nur dadurch ein Mindestmaß an Selbstsicherheit erlangt wenn es erkennt, dass seine äußere Erscheinung als nicht unangenehm akzeptiert wird. Der Mensch darf alles sein, nur nicht hässlich. Deshalb befreit ihn eine riesige Mode- und Kosmetikindustrie von der Angst es zu sein, indem sie Mittel zur Verschönerung zur Verfügung stellt. 

Der große, ja sogar mörderische Haken an der Sache besteht aber darin, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist schön genug zu werden. Wie man es auch anstellt um so gut wie möglich auszusehen, es gibt immer andere die einfach besser aussehen. Die auch zu allem Verdruss

obendrein noch viel besser als man selbst in jenen Zwangsjacken stecken, mit denen die Bekleidungsindustrie mit genormten “Größen” die Ausmaße des Körpers vorschreibt. Wer in diese Zwangsjacken nicht reinpasst, hat etwas falsch gemacht. Falsch gegessen! Also muss so wenig gegessen werden, bis nach dem “Weniger ist Mehr” Prinzip auch die kleinste Größe immer noch zu groß ist.  

Mit Dysmorphophobie wird die gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers bezeichnet. Man könnte das Wort mit Angst vor der angenommenen Hässlichkeit des eigenen Aussehens übersetzen. Bezeichnenderweise fühlen sich Betroffene hässlich oder sogar entstellt. Diese körperdysmorphe Störung ensteht freilich nicht von selbst. Sie gehört zu den Risiken und Nebenwirkungen die mit der Propaganda zum Mittun im Schlankheitswahn einhergehen. Wer nicht mitmacht läuft Gefahr sich als hässlich zu empfinden, und dabei Hassgefühle gegen sich selbst zu entwickeln.