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Querdenken als denkfaule Querulanz

Großes, ja sogar Weltbewegendes war für den 3. Oktober im Seuchenjahr 2020 am Bodensee angekündigt: die Aufstellung einer 127 Kilometer langen, rund um den See einander die Hände reichenden Menschenkette. So eine lange Menschenkette gab es noch nie. Das wäre Weltrekord gewesen. Allerdings blieb die Mehrzahl der 250 000 Kettenglieder, mit deren Mitwirkung die Veranstalter fest gerechnet hatten, trotz schönstem Herbstwetter zu Hause. So dass an vielen Stellen in der Kette kilometerlange Lücken klafften. Die jedoch von einigen da und dort am Ufer aneinander gereiht stehenden Menschen frohen Herzens im Geiste geschlossen wurden. Denjenigen aber die dem Aufruf folgten, wurden zum Zeichen der Anerkennung ihrer Mitwirkung rote Pappherzen überreicht. Zum guten Schluss des Tages sprachen im Konstanzer Stadtgarten Männer über die Corona-Lüge. Ein Redner rief seinen Zuhörern mit bebender Stimme zu, dass schon viel mehr Menschen an Masken, als am Virus gestorben wären. Um diesem Tod keine Chance zu geben, ließen sich einige Leute mit ihren Pappherzen, jedoch ohne Masken, in einer Konstanzer Wirtschaft nieder. Die Rechnung des Wirts kam in Form eines Lokalverbots sofort an

den Tisch. Querdenkende geben vor, anders zu denken. Das ist eigentlich völlig unbedenklich. Dem “gesunden Menschenverstand” werden ja auch in Philosophie, Künsten und Wissenschaften Absagen erteilt und Dinge nicht so gesehen, wie sie normalerweise gesehen werden.

Man kann die Erfolgsgeschichte des modernen Menschen seiner Fähigkeit zuschreiben, aus immer neuen Betrachtungsweisen Schlüsse zu ziehen, die seine Stellung in der Welt verbesserten. Dieses Verfahren erscheint uns heute als selbstverständlich. Worüber leicht vergessen wird, dass die alte Menschheit mit patriarchalischer Strenge zu bedingungslosem Gehorsam gegenüber überlieferten Denk- und Verhaltensweisen verpflichtet war. Die Freiheit zum Beschreiten neuer Wege hat sich der moderne Mensch über viele Widerstände hinweg erst mühsam erkämpfen müssen. Weshalb heute nichts so sehr bekämpft wird, wie tatsächliche oder vermeintliche Maßnahmen zur Einschränkung vorhandener Rechte und Freiheiten.

Es entspricht dem Selbstverständnis der Querdenken-Bewegung derartigen, von oben herab beschlossenen Schritten, freiheits- und wahrheitsliebende Gesichtspunkte entgegen zu stellen. Daher könnte bei wohlwollender Betrachtung die Querdenker-Demonstration am Bodensee zur Annahme verleiten, dass sie anberaumt wurde um einer außergewöhnlichen Denkrichtung öffentlichkeitswirksam Ausdruck zu verleihen. Immerhin will Querdenken als nützliche Alternative zu herkömmlichen Auffassungen verstanden sein. Die Sache hat jedoch einen fürchterlichen Haken.

Obwohl nämlich von Denken die Rede ist, kann bei bei dieser Art des Querdenkens von Denken wirklich nicht die Rede sein. Der erklärte Anspruch einer bestimmten Art des Denkens Vorschub zu leisten, ist in diesem Zusammenhang ein moderner Etikettenschwindel. Womit ursprünglich Angaben auf Verpackungen bezeichnet werden, die den wahren Inhalt einer Sache verschweigen, oder arglistig darüber hinwegtäuschen. Von Etikettenschwindel spricht man heute, wenn ausgerechnet das fehlt, was der Name einer Sache verspricht: wie beispielsweise das Christliche in ausdrücklich christlich orientierten politischen Parteien. Und was beim Querdenken fehlt, ist das in Aussicht gestellte Denken.

Tatsächlich ist hier infragekommendes Querdenken gar keine Denkrichtung, sondern nichts weiter als Ausdruck von denkfauler Querulanz. Die sich zustimmungsheischend in Querulanten-Aufmärschen äußert. Als Querulanten bezeichnete man früher Kläger, die trotz geringer oder überhaupt keinen Erfolgsaussichten bis zum geht nicht mehr die Gerichte bemühten. Hier sind mit Querulanten von sich selbst überzeugte geistige Faulenzer gemeint, die mit verbissener Entschlossenheit offenkundigen Unsinn als Heilmittel gegen pandemische Zustände in Stellung bringen. Überaus faszinierend daran ist freilich die Tatsache, dass Menschen im Querulantentum Auswege aus einer bedrückenden Realität suchen und erstaunlicherweise auch finden.

 

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Jesus, der erste und erfolgreichste Querdenker aller Zeiten 

Wer über Querdenken theoretisieren möchte, wird an Jesus nicht vorbeikommen. Den man mit einigen Vorbehalten als erfolgreichsten Querdenker aller Zeiten bezeichnen darf. Ein Denker war Jesus allerdings nicht. Wohl aber ein vaterlos heranwachsender, aufgewühlter Jüngling, der die unabänderliche Realität des irdischen Daseins verneinte. Um sie wortgewaltig mit der Illusion eines Himmelreichs zu überblenden. Womit im Nachhinein gesehen ein Kulturwandel eingeleitet war. Wurde im klassischen Altertum der Sinn des Lebens im Streben nach Vernunft erkannt, drängte sich mit dem Auftritt des großen Sohns der kindische Glaube an einen “himmlischen Vater” als “Erlösung” aus dem Leben in den Vordergrund. Was Jesus für seine Entourage im

Angebot hatte, war die herzerwärmende Attraktivität einer ungeheuerlichen Absurdität. Der mit kühler Vernunft nicht zu begegnen war. Überflüssig zu sagen, dass sein Gefolge nicht gerade aus einer Ansammlung von Hochbegabten bestand. Es waren vielmehr zufällig angesprochene Eckensteher und Entwurzelte. Die mit sich selbst nichts besseres anzufangen wussten, als durch anbefohlene Abkehr von ihrem bisherigen Dasein die in Aussicht gestellte Zugangsberechtigung zu einer ganz anderen Realität zu erstreben.

Die Analogie zur Querdenken-Bewegung ist unübersehbar. So wie die Verehrer des großen Sohns der Einladung zum sofortigen Happy-End verkorkster Lebensläufe folgten, vereinen sich Verschwörungsgläubige, Impfgegner, Esoteriker jeder Art, radikale Staatsskeptiker, Judenhasser, Linke, Reichsbürger, Vegetarier und Rechtsextreme unter der Schirmherrschaft des Querdenkens zu einer Widerstandsbewegung gegen die Realität. Das ist erkenntnistheoretischer Sicht eigentlich völlig normal. Es gibt eben nun mal keine für alle gleichermaßen verbindliche Realität.

Man tut gut daran zu bedenken, dass das, was zur Bestimmung für Wahrheit gilt, auch im Hinblick auf Realität seine Gültigkeit hat. Realität ist nicht etwas, was “da draußen” existiert. Realität ist so wie Wahrheit immer das, was zur Realität ernannt wird. Wer an ihre Ernenner glaubt, glaubt auch ihren Wahrheiten. Selbst wenn es die größten Lügen sein sollten. Das jüngste Beispiel für dieses Prinzip ist Trumps Lüge vom Wahlbetrug. Deren Wahrheit darin besteht, dass hoffnungsfroh für Trump abgegebene Stimmen mittels betrügerischer Machenschaften seinem Herausforderer zugerechnet wurden. Das ist die Realität, und damit basta! Schlimmstens Betrogenen bleibt daher nichts anderes übrig, als in dieser ihnen uferzwungenen Realität auf Befreiung zu hoffen.

Vielleicht mag der Vergleich als abenteuerlich empfunden werden; aber so wie Jesus die “Schriftgelehrten” als Wahrheitsverdreher und Leugner der Realität hasste, geißelte Trump die Medien (Fake News) als Feinde des Volkes. Das Wort vom “Volk” wird dabei als Synonym für Unterdrückte und böswillig hinters Licht Geführte benutzt. Und damit zum Punkt: So wie Trump und sein Anhang sehen Querdenker die Realität als eine von Medien, Wissenschaften und politischen Eliten geschaffene. Gegenüber der sie sich in eine Opferrolle gedrängt fühlen. Und in der sie als vermeintliche Opfer dunkler Machenschaften von tiefstem Misstrauen erfüllt einen Generalverdacht gegen Personen und Dinge hegen, die sie mit der Konstruktion einer derart verschwörerischen Realität in Verbindung bringen.

 

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Heroisch im Wahn-Überbietungswettbewerb

Zum 48. Geburtstag von Adolf Hitler erschien ein Briefmarken-Gedenkblock mit der Aufschrift:

“Wer ein Volk retten will, kann nur heroisch denken!” Hitler wusste, dass heldenhaftes Denken als Voraussetzung zur Rettung vor dem Untergang mit heldenhafter Aufklärung der zu Rettenden im Einklang stehen muss. Und als Aufklärer trat er ja in Erscheinung. Ausgangslage jeder Massen-Aufklärung ist freilich zunächst einmal die bedrückende Einsicht ganz genau zu wissen, was andere nicht wissen können, oder nicht wissen dürfen. Das ist eine schwere und einsam machende Last. Die nur dadurch erträglich wird, indem man andere aufgrund eines heroisch-mitmenschlichen Pflichtgefühls an diesem Wissen teilhaben lässt. Sind dann aber erst einmal genügend Wissende vereint, entsteht eine heroisch denkende Leidensgemeinschaft. Als die man die Querdenken-Bewegung verstehen kann. Sie ist aber noch mehr als das. Wer trotz gegenteiliger Beweise glaubt im Recht zu sein, sich dabei in die verbohrte Überzeugung hineinsteigert von einer feindseligen Umgebung umzingelt zu sein, lebt im Wahn. Der sich in Corona-Zeiten als Corona-Querulantenwahn äußert.

Notwendige Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie als Schritte zur Abschaffung der

Demokratie, und überall satanische Kräfte bei der Errichtung einer neuen Weltordnung am Werk zu sehen, gehört zu den Verlautbarungen dieses Wahns. Der längst schon Formen eines Wahn-Überbietungswettbewerbs angenommen hat, und geistig Obdachlosen die Freiheit einer neuen Heimat jenseits der Realität bietet.