Und wie du wieder aussiehst – Löcher in der Hose – Und ständig dieser Lärm – Was sollen die Nachbarn sagen? Die Ärzte

Mode bleibt Mode, bis sie den Leuten zum Halse raushängt. Karl Lagerfeld

Es scheint tatsächlich so etwas wie eine Ironie der Geschichte zu geben. Die allerdings nicht immer gleich eindeutig als solche zu erkennen ist. Weshalb die Einführung eines Ironiezeichens sinnvoll wäre. Das so wie ein Ausrufezeichen gesetzt werden könnte. Beispielsweise neben schon etwas ältere Erörterungen über menschliches Dasein, die im nachhinein vom Lauf der Zeit eine ironische Färbung erhalten haben. Das trifft auf einige Ausführungen des Philosophen Theodor Adorno (1903 – 1969) zu, die vielen Lesern als “Reflexionen aus dem beschädigten Leben” bekannt sind. In denen grämlich-moralisierend hervorgehoben wird, dass in einer unmenschlich gewordenen Gesellschaft, die den Menschen zu einem “reduzierten und degradierten Wesen” macht, (MM, S.13) ein gutes und richtiges Leben nicht möglich wäre.

Wie am Titel dieses Beitrags ersichtlich sein dürfte, hat sich hier die Ironie der Geschichte als Mode verkleidet, und hinter Adornos Gesellschaftskritik ihr Ironiezeichen gesetzt. Will doch eine heutige Mode den Eindruck erwecken, als ob sie in gesellschaftskritischer Absicht an Kleidung Spuren eines brutal harten, unmenschlich gewordenen Lebens offenbart. Jedoch trügt der Schein. Immerhin bestätigt das ironische Augenzwinkern dieser Moderichtung allseits bekannte Verhältnisse. Die es uns problemlos ermöglichen in reduzierter und degradierter, absichtlich stark beschädigter

Kleidung ein nicht unbedingt richtig gutes, so doch aber relativ unbeschädigtes Leben zu führen. Das würde auch Adorno höchst erstaunlich finden.

Was aber hat dazu geführt, dass ironischerweise ausgerechnet irreparabel beschädigte, ans klassische Lumpenproletariat erinnernde Kleidung zum letzten Modeschrei avancierte? Weshalb kaufen Leute bei H&M und ZARA Sachen, die Assiziationen an gerade entlassene Zuchthaussträflinge und verwahrloste Kesselflickerinnen aufkommen lassen? Was hat dazu geführt, dass eine tätowierte, und in löchriger Jeans gekleidete Arzthelferin ins Sprechzimmer bittet? Wobei zunächst einmal zu fragen wäre wie Modewandel überhaupt entsteht.

I. Auch in der Mode kam früher einmal alles Gute ganz von oben

Wer sich darüber im Hinblick auf neuere Mode Gedanken macht, und dabei Kleidung des vorigen Jahrhunderts betrachtet, wird sofort die modische Vorbildfunktion der damaligen oberen Zehntausend bemerken. Hollywood Diven, gekrönte Häupter nebst zahlreichem Gefolge, sowie verschwenderische Millionärssöhnchen waren für den Rest der Welt stilbildend. Auch wer nicht so

beneidenswert schön und unverschämt reich wie Gunter Sachs (1932 – 2011) die Gnadensonne des Herrn in Gesellschaft anbetungswürdiger Gespielinnen genießen konnte, bekam wenigstens gezeigt wie ein echter Playboy sein Hemd zu tragen hat. Eine entsprechende Modetheorie läuft denn auch darauf hinaus, dass Neuerungen in der Mode, so wie etwa das Einstecktuch, oder bestimmte Modelle von Sonnenbrillen, ihren Ursprung ganz oben in der High Society haben. Und nach und nach bis ganz hinab zum Mann auf der Straße “durchsickern”.

Mode zwischen den 30er und frühen 70er Jahren bestätigt diese sogenannte Trickle Down Theorie. Wobei mit einem Unterton von Wehmut anzumerken wäre, dass es damals eine nunmehr leider ausgestorbene Art von Oberschicht gab, die ihre modische Vorreiterrolle mit Bravur darzustellen vermochte. Besaß sie doch, was rückblickend neidlos anzuerkennen ist, genug Stil und Geschmack um ästhetisch bereichernd auf gewöhnlich Sterbliche einzuwirken. Die

ihre Sicherheit darin fanden so vorteilhaft wie möglich gekleidet zu sein. Und es darüber hinaus auch verstanden eine Haltung an den Tag zu legen, die diesem Anspruch angemessen war.

Wobei allerdings nicht übersehen werden darf, dass von oben kommende Mode stets auch eine Ästhetik des Widerstands war. Eine moderne Rüstung aus modisch geschnittenem Stoff. Die es ihren Trägerinnen und Trägern gestattete, Unannehmlichkeiten des Lebens im Gefühl gut gekleidet zu sein, selbstbewusst die Stirn bieten zu können. Bezeichnenderweise bemerkte schon Ralph Waldo Emerson (1803 – 1882): Das Gefühl gut gekleidet zu sein, verschafft eine Sicherheit, wie sie keine Religion geben kann”. So wie einstmals glänzende Rüstungen hoch zu Ross sitzender Ritter dem gemeinen Volk respektvolle Blicke abnötigten, wurde gute Kleidung in der Absicht angelegt, eine ähnlich erhöhte Wertschätzung zu erlangen.

Die vertikale Verlaufsrichtung dieses Beeindruckungsmanagements ist sogar noch auf erschütternden Fotos von Verhafteten zu

sehen, die im faschistischen Deutschland den Händen ihrer Mörder ausgeliefert waren. Und die es sich selbst auf ihrem Weg in den Tod nicht nehmen ließen, uniformierten Sadisten den ursprünglich von oben kommenden Anzug als Stilmittel männlicher Eleganz und Würde entgegenzusetzen. Wofür sie im nachhinein ganz gewiss nicht nur deswegen, aber eben doch auch, größten Respekt verdienen.

II.  Dem Himmel auf Erden, auch modisch ganz unten so nah

Ihr da oben – wir da unten, ist der Titel eines 1973 erschienenen “Enthüllungsbuchs”. In dem der für damalige Verhältnisse vergeuderische Lebensstil einer illustren Gesellschaft Adliger und Industrieller jenen Schichten gegenübergestellt wird, die in ihren prekären Umständen nichts zu lachen haben. Die Hervorhebung des Unterschieds zwischen “denen da oben und uns da unten” war charakteristisch für eine Zeit, in der das Wort Volk als Synonym für ausgebeutete Klasse benutzt wurde.

Immerhin gehörte es damals zum Repertoire gesellschaftskritisch aufgebrachter Geister die

Arbeiterklasse, bzw. die romantische Vorstellung die man sich von ihr machte, mit missionarischem Eifer als Schrittmacher zu den erhabensten Zielen der Menschheit zu glorifizieren. Womit ein modischer Umkehrschub von unten nach oben einsetzte. Bei

diesem Trickle-Up avancierte die Baskenmütze in Kombination mit betont schlichter, unansehlicher, ja bewusst vernachlässigter Kleidung zum Ausdruck von Klassenbewusstsein; zum uniformierten Solidaritätsbekenntnis mit Schlechtweggekommenen und Unterdrückten.

Das freilich schon in den 30er Jahren von Bertold Brecht (1898 – 1956) ausgesprochen wurde. Der stets größten Wert darauf legte einen modischen Schulterschluss mit vermeintlichen Adressaten seiner “Lehrstücke” zu bekunden. Indem er sein von Treppenhausmief und Kneipendunst umwehtes Weltverbesserungspathos mit

einer graublauen Arbeiterkluft unterstrich. Die als sein Markenzeichen allerdings maßgeschneidert war. So wie ja auch die Fetzen der Sex Pistols aus den teuersten Boutiquen Londons stammten. Brecht ist einer Gruppe Kulturschaffender zuzuordnen, die sich zeitweilig erfolgreich zum moralischen und modischen Vorbild für den Rest der Menschheit emporstilisierten. Wobei Autoren wie Thomas Mann aufgrund ihrer guten Kleidung schlecht wegkamen. Der sich vorhalten lassen musste mit seiner Literatur die Bügelfalte zum Kunstprinzip ernannt zu haben.

III. Wer sich gehen lässt ist in – Vernachlässigung als revolutionärer Lebensstil

In allen Gesellschaften verlief schon immer eine Grenze zwischen Menschen die sich so gut wie alles leisten konnten, und solchen die nichts, oder kaum etwas hatten. Und weil das auch heute so ist glaubt man gerne, dass sich dagegen ein Gerechtigkeitsempfinden auflehnt. Das in einer modischen Attitüde des Nichthabens erscheint. So dass Risse, Löcher, abgeriebene, aufgeschlitzte und wie auch immer beschädigte Kleidung; ein mit Tätowierungen untermalter Destroyed Look, als modisches Demutsbekenntnis gegenüber Nichthabenden und unten Angesiedelten interpretiert wird.

Tatsächlich wurden Tätowierte früher mit einem Unterton von Berührungsscheu Menschen zugeordnet, die als nicht gesellschaftsfähig galten. Wie etwa verschlagen dreinblickende Männer, die auf ihrer schiefen Bahn zwischen Gefängnis und Fremdenlegion keinen Einstieg ins bürgerliche Dasein fanden. Kartenabreißer an Zirkuszelten, Stripperinnen und Zuhälter waren ebenfalls tätowiert. Und nicht zuletzt auch Seeleute. Die an fernen Küsten in schlecht belüfteten Lokalen die große Liebe gefunden hatten, und sich die Namen der Damen zusammen mit einem Anker auf ihre Unterarme tätowieren ließen. Uwe Seeler soll einer der ersten Kicker

gewesen sein, die ihrer kämpferischen Arbeit am Ball mit einem Tattoo einen hautmodischen Anstrich verliehen. Heute käme die Ausfindigmachung eines Fußballers ohne Tätowierung einer wissenschaftlichen Sensation gleich.

Wer nun allerdings beschädigte Kleidung und Proleten Look auf der Haut als einen wohl bald wieder vorübergehenden Modetrend abtut, gibt sich niedlichen Illusionen hin. Die Wahrheit ist eher ernüchternd. Was wir gegenwärtig erleben ist die triumphale Ankunft des Siegeszugs eines revolutionären Lumpenproletariats. Die Lumpen selbst sind dabei nebensächlich. Sie täuschen ohnehin nur darüber hinweg, dass in ehemaligen westlichen Gesellschaften ein neuartiges, vorher nicht gekanntes Kulturfundament errichtet wird. Was stattfindet ist eine echte Revolution. Schließlich geht es ja nicht etwa nur um Modewandel, um eine modische Umwertung von Werten, sondern um die revolutionäre Abschaffung ehemaliger Werte.

Früher wurde irreparabel beschädigte Kleidung entsorgt. Heute werden in beschädigter Kleidung Dinge wie Manieren, Tischsitten, Lesen, Denken, Stil, Geschmack; ja überhaupt grundsätzlich alles was einmal als Bildung bezeichnet wurde, nach und nach als Abfall entsorgt. Massenveranstaltungen, Geschwindigkeit, Populismus, Spaß und jede Menge Krach sind die neuen Highlights. Revolutionäres Treiben in beschädigter Kleidung findet dort statt wo sich die Ärsche reiben: Public Viewing, Fastfood, Fastfashion, Speeddating, und Rockfestivals. Während der Französischen Revolution wurde eine rote, Gleichheit symbolisierende   Jacobinermütze getragen. Die heute, wenn auch in verschiedenen Farben, in Gestalt der Baseball-Kappe ihre modisch eingleichende Wiederauferstehung auf den Köpfen von Kickern, Rapper und Staatspräsidenten feiert.

 

 

 

 

 

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