Gravitätisches Auftreten ist ein Geheimnis des Körpers, erfunden, um die Mängel des Geistes zu verbergen.   La Rochefoucauld

Leser der Berliner Morgenpost erfuhren am 11. April 2018, dass die Polizei ihrer Stadt in unmittelbarer Nähe des Finanzministeriums einen goldenen Lamborghini Aventador  aus dem

Verkehr gezogen hatte. Jedoch nicht aufgrund irgendwelcher technischer Mängel, sondern weil mit dem äußeren Erscheinungsbild des Fahrzeugs etwas nicht in Ordnung war. Was die Polizei zum Einschreiten bewog, lag am Glanz des goldenen Wagens. Der goldener als erlaubt glänzte. Der beanstandete Glanz ging von einer grell-goldenen Spezialeffektfolie aus, mit der das 600 000 Euro teure Fahrzeug überzogen war. Sie soll andere Verkehrsteilnehmer zu sehr geblendet haben. Was den Tatbestand einer Gefährdung der Verkehrssicherheit darstellte.

Dass öffentlich zur Schau gestellter Goldglanz mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden sein kann, musste auch der für den FC Bayern tätige Fußballer Ribery erfahren. Der sich in einem Lokal für gehobene Ansprüche ein mit echtem Blattgold eingepinseltes Steak servieren ließ. Und den glänzenden Leckerbissen sogleich ins Netz stellte. Der aber den Leuten trotz seiner wahrhaft märchenhaften Ausmaße nicht das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Im Gegenteil, das Stück

war ihnen ein ärgerlicher Dorn im Auge. Unmut entzündete sich nicht nur im Hinblick auf den gesalzenen Preis von 1200 Dollar für das saftige Goldstück. Missfallen erregte darüber hinaus das böse Mundwerk des Kickers. Dem nicht nach Demut zumute war, und seine moralisierenden Kritiker mit außergewöhnlich gehässigen, und unter die Gürtellinie zielenden Worten bewarf. Bei denen sich auch sonst eher schwerhörige Gegenspieler auf dem Platz zu unsportlichen Fußbewegungen hinreißen lasssen würden.

Man könnte versucht sein den Aufstand um das goldene Steak mit dem beschwichtigenden Allerweltsspruch abtun, dass jemand der wie ein Baron speist, am Ende eben auch wie ein Baron zahlt. Aber abgesehen davon, dass die infragekommende Tischszene keine Gedanken an distinguiert speisende, graumelierte Aristokraten aufkommen lässt, ist die Sache nicht so einfach. Weshalb sie überhaupt so hohe Wellen schlug, stellt sich denn auch erst bei genauerem Hinsehen heraus.

Normalerweise dient zubereitetes Fleisch vom toten Tier Menschen als Lebensmittel. Nicht aber in diesem  Fall. Der Kicker hatte das Fleischstück ja nicht bestellt, um nach gewiss noch so anstrengenden Trainingseinheiten seinen Hunger zu stillen. Was auf den Tisch kam war ein zum  Stilmittel umfunktioniertes Steak. Dessen Verzehr von nur nebensächlicher Bedeutung war. Als Hauptsache ist vielmehr ein theatralisches Getue mit dem Stück erkennbar. Das in der kumpelhaften Umarmung des Wirts zum Abschluss kommt. Der mit seiner dunklen Sonnenbrille und schwarzen Handschuhen allerdings gar nicht wie ein ums leibliche Wohl seiner Gäste bemühter Gastronom, sondern eher wie ein kaltblütiger Auftragskiller wirkt.

Sozialer Schichtwandel. Das neue Unten ist jetzt oben angekommen 

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930 – 2002) hat in seinem Hauptwerk Die feinen Unterschiede  darauf hingewiesen, dass die Oberschicht nicht nur in finanzieller, sondern auch ästhetischer Hinsicht von unten Angesiedelten abgegrenzt ist. Indem sie Lebenseinstellungen, Verhaltensweisen und Erscheinungsbilder pflegt, an denen Mitglieder der Oberschicht sich gegenseitig erkennen. Wozu auch die Fähigkeit gehört gegen Regeln zu verstoßen, ohne dabei verstoßen zu werden. Eine Firmenerbin kann beispielsweise durchaus in löchriger Jeans zur Vorstandssitzung erscheinen. Nicht aber die Chefin der Rechtsabteilung. Man sieht hier Umrisse einer Grenze zwischen Menschen, die sich ästhetische Verstöße problemlos leisten können, und solchen, die sie im eigenen Interesse unterlassen müssen.

Nun ist in westlichen Gesellschaften allerdings ein Wandel eingetreten, der stilistische Regelverstöße nicht mehr zum Privileg der traditionellen Oberschicht macht. Die sich ja ohnehin weitgehend aus dem Rampenlicht der Öffentlichkeit zurückgezogen, und nach außen hin abgeschottet hat. Es sind daher nicht mehr Eskapaden von Angehörigen des Adels und der Hochfinanz, die von

sich reden machen und begafft werden. Das besorgen heute die Exzesse von Leuten, die als

strahlende Emporkömmlinge einer neuen Unterschicht die revolutionäre Abschaffung ehemaliger Werte vorantreiben. Wir leben ja heute, wie schon im vorigen Beitrag angedeutet, tatsächlich in revolutionären Verhältnissen. In denen Dinge wie Manieren,Tischsitten, Lesen, Denken, Stil, Geschmack und grundsätzlich alles was einmal mit Bildung bezeichnet wurde, als Kultur-Abfall entsorgt wird.

Man kann sogar von einer Aristokratie der neuen Unterschicht sprechen, die mit ihrem Gehabe zustimmungsheischend geballte Finanzkraft, bei gleichzeitigem Intelligenzschwund, als einzig sinnvollen Lebensinhalt verkündet. Und die mit viel Geld aus zumeist dubiosen Quellen um sich wirft. Bevor solche Gepflogenheiten erörtert werden können, ist freilich zunächst einmal zu klären wie diese historisch neuartige Unterschicht entstand.

Wer von Chancengleichheit spricht, denkt an nichts schlimmes. Tatsächlich ist als erfreulich anzusehen, dass der Tochter einer Krankenschwester die gleichen Möglichkeiten offenstehen wie dem Sohn eines Herzchirurgen. Nur, und das ist bislang vollkommen

unberücksichtigt geblieben, hat Chancengleichheit in der westlichen Welt nicht die Anzahl strahlender Gewinner, sondern diejenige von traurigen Verlierern erhöht. Wenn alle die gleichen Chancen haben bedeutet das noch lange nicht, dass auch alle dort ankommen können wo sie gerne hin möchten. Für alle kann im gelobten Land besser und bestens bezahlter Berufe nun mal kein Platz sein. Das ist schon rein rechnerisch nicht möglich. Die Mehrheit anfänglich Hoffnungsfroher ist daher früher oder später mit der wenig erbaulichen Aussicht konfrontiert, am unteren Ende der Einkommen mehr schlecht als recht über die Runden kommen zu müssen.

Protz: der optische Unterschichtenlärm

Im großen Heer dieser modernen Mühseligen und Beladenen wollen allerdings nicht alle “so dumm sein”, und sich mit karger Kost zufriedengeben. Was viele nach oben kommen Wollende, aber chancenlos unten Festsitzende, zu regelrechten “Dennochkünstlern” macht. Die in der niederschmetternden Aussicht immerzu kleine Brötchen backen zu müssen, vom heiligen Entschluss beseelt sind ganz groß rauszukommen. Und die nach dem Motto: werde reich oder stirb beim Versuch es zu werden, auf Teufel komm raus zum kühnen Sprung aufs große Geld ansetzen. Und wenn dann die Hände tatsächlich einmal auf richtig viel Geld gelegt werden können, kommen die Hände beim Geldausgeben nicht mehr zur Ruhe. Wobei den Augen lautstark was geboten wird.

Lärm ist ein Unterschichtenphänomen. Wer mit wummernden Bässen seiner voll aufgedrehten Auto Disco Anwohner und Passanten nervt, hat zu Hause keinen Picasso an der Wand hängen. Oft aber glänzend gegeelte Haare, und dazu was glitzerndes am Hals und an den Ohren. Wie Lärm gehört auch Bling-Bling zur neuen Unterschicht. Das Wort bezeichnet

ursprünglich auffällige Glitzereffekte von falschem Schmuck. Es wird heute jedoch auch zunehmend bei übertriebener Zurschaustellung von plötzlichem Reichtum benutzt. Bling-Bling ist damit ein zeitgemäßes Wort für Protz. Protz wiederum, ist im Grunde genommen nichts anderes als optischer Lärm.

Der immer wieder von Rüpeln verursacht wird, die von ganz unten kamen, und im High Speed Siegestaumel ihr irgendwie zusammengerafftes Geld gewissermaßen mit dem Gabelspapler unter die Leute bringen. Für Dinge, die allen Prinzen der neuen Unterschicht besonders am Herzen liegen: Amüsierdamen, teure Uhren, schnelle Autos, prachtvolle Villen und ausschweifende Luxusreisen. Was Assoziationen an Hooligans weckt. Das sind rücksichtslose junge Männer aus der  Unterschicht, die Krach machend zeigen, dass mit ihnen gerechnet werden muss. Sie haben zwar nichts atemberaubend Hochwertiges am Handgelenk, oder in der Garage, stehen jedoch in einem engen geistigen Verwandtschaftsverhältnis zu Protz-Hooligans. Deren Lärm, wie gesagt, lautstark in die Augen geht.

Vorbild Gangsta Rapper

Die Verbindung zwischen Lärm, Protz und Unterschicht ist in Gestalt des Gangsta Rappers vereint. Gangsta Rapper glorifizieren nicht nur Aktivitäten des kriminelle Daseins wie Drogenhandel, Bandenkrieg, Zuhälterei und Mord. Sie stimmen mit ihrem Sprechgesang zugleich auch ein Hohelied auf damit einhergehende Segnungen an. Die sich dem Gangsta

Rapper in Form der ganz großen Kohle, und allem was dafür an luxuriösen Dingen erhältlich ist offenbaren. Gangsta Rapper protzen mit Sachen, die dem üblichen Unterschichten Geschmack entsprechen; kitschige Villen, vergoldete Armaturen, Waffen, große Autos und vollbusige Frauen.

Ich möchte hier mit einer teils erheiternden, und teils zutiefst erschreckenden Beobachtung schließen, die im nächsten Beitrag besprochen werden soll. Der Geschmack, und nicht nur Geschmack des

amerikanischen Präsidenten ist mit dem eines Gangsta Rappers absolut identisch. Weshalb der Mann in der amerikanischen Oberschicht unten durch ist. Hat er sich doch mit seinem Geschmack und Habitus schon längst, und auch überaus erfolgreich, als lärmende Galionsfigur aller Protz-Hooligans etabliert.

 

 

 

 


1 Comment

Ty Strohbehn · January 31, 2019 at 9:29 am

Schöner Beitrag. Das kann wirklich helfen.

Comments are closed.

Related Posts

Aesthetics for Everyone

Vom Unglück Kinder zu haben – I. Bettgeschehen als Kopiervorgang

Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer.   Sokrates Kinder vermehren die Sorgen des Lebens, aber lindern den Gedanken an den Tod.     Francis Bacon Read more…

Aesthetics for Everyone

Markenanbetung – Ein neuer Glaube für eine neue Welt

Ein Berliner Richter, der zwei Männer wegen Mordes verurteilte, die nachts über mit 170 Sachen durch die Stadt rasten, und dabei einen tödlichen Unfall verursachten, bescheinigte ihnen während der Urteilsverkündung, ihre teuren, hochmotorisierten Fahrzeuge regelrecht Read more…

Aesthetics for Everyone

Eroticism, Death and Fashion’s Obsession With Black.

Black is modest and arrogant at the same time…But above all black says this: I don’t bother you – don’t bother me               Yohji Yamamoto You can wear black at Read more…