An meim Hauserl steht a Bankerl, da sitz i gern und trink mein Wein. Und mein Blick geht oft hinüber in den Nachbargarten nei. Denn die Aussicht ist so schön, wenn sie auf der Leiter steht. Und beim Kirschenpflücken mir den Kopf verdreht.   (Wildecker Herzbuben)

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Was ist Kitsch?

Ein nun schon etwas länger zurückliegender Fernseh-Auftritt der Wildecker Herzbuben ist mir in lebhafter Erinnerung geblieben. Da war was los im Musikantenstadl! Die Herzbuben, das muss 

man ihnen lassen, stürmten unaufhaltsam wie singende Naturgewalten tief hinein in die Herzen des Publikums. Das wurde immer dann deutlich sichtbar, wenn die Kamera abwechselnd von den fetten Buben auf die Gesichter der Menschen im Saal ging. Die teilweise von regelrechten Ergriffenheitskrämpfen gepackt, ihrer tobenden Begeisterung keinerlei Zurückhaltung auferlegten. Das zu sehen, war zwar überaus erheiternd, wirkte andrerseits jedoch wie eine Überrumpelung durch albtraumhafte Zudringlichkeiten. Erweckten doch die Leute den Eindruck, als ob eine aufgeputschte Geschmacks-Soldateska zum Gesang der Herzbuben den Endsieg unverfälschter Herzlichkeit bei gleichzeitiger Abschaffung des Verstands zum Greifen nahe vor Augen hatte. Aber was hat das mit Kitsch zu tun?

Als Kitsch werden gemeinhin Hervorbringungen bezeichnet, die von selbsternannt höheren Warten ästhetischer Urteilsfähigkeit aus betrachtet als belanglos niedliche, naiv-rührselige, lächerliche bis provozierend oberflächliche Gefühlsäußerungen in unannehmbar verhunzten

Formen abgetan werden. Als Hilflosigkeiten eines künstlerischen Wollens aber nicht Könnens. Allerdings handelt es sich bei derartigen Dingen um eine zwar auffällige, letztlich aber vollkommen bedeutungslose Unterabteilung des Kitschs. Die hier nicht weiter besprochen werden soll. Kitsch ist nämlich viel mehr als nur der Hauptfeind eines selbsternannten guten Geschmacks. Kitsch ist das ästhetische Riesenreich der Menschheit. Aber selbst damit ist das wahre Ausmaß des Kitschs nur unzureichend beschrieben. Kitsch ist eine gesellschaftliche und kulturelle Weltmacht. Und zwar die mächtigste und dämonischste aller Weltmächte. Selbst die beklemmendsten Dystopien sind im Vergleich dazu unschuldige Harmlosigkeiten: Kitsch ist die Schreckensherrschaft des Herzens über den Verstand.

Eine Exegese des untenstehenden Spruchs ist geeignet das ideologische Fundament dieser

Diktatur in den Blick zu bekommen. Es fällt leicht diesen Spruch als ausgemachten Blödsinn zu belächeln. Selbstverständlich ist der Arsch nicht das Sprachrohr des Herzens. Aber so dumm das zu behaupten ist der Spruch keineswegs. Im Gegenteil, er ist ausgesprochen geistreich. Wird doch der Ausstoß von übler Luft, deren akustische Begleitumstände der Spruch verniedlicht, als Manifestation eines “gesunden” Herzens gepriesen. Wobei, mehr noch, die “Gesundheit” des Herzens als gleichbedeutend mit dem “guten” Herzen aufzufassen ist. So dass der unsinnig anmutende Spruch nichts geringeres als die moralische Existenzberechtigung des Kitschs verkündet. Denn als ästhetisches Gefurze kann gegen Kitsch nichts einzuwenden sein, weil er ja als reine “Herzensangelegenheit” in die Welt gelassen wird. 

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Die diktatorische Verschlagenheit des Kitschs reicht tiefer. Sie hat im Verlauf der Zeit eine raffinierte, schier uneinnehmbare Verteidigungsstrategie erschaffen. Die nach folgendem Prinzip funktioniert: So wie ein Furz in jeder auch nur halbwegs besseren Gesellschaft kommentarlos überhört wird, ist es auch äußerst unschicklich Kritik zu

äußern, wenn andere mit Dingen wie dem Hirsch überm Sofa erklärtermaßen nur ihr “Herz” zum Ausdruck bringen. Was zwangsläufig eine ins Dümmliche und zugleich Lächerliche  reichende Naivität beinhaltet. Das heißt, Kitsch ist das, worüber man am liebsten lachen möchte, es aber aus Rücksicht auf empfindsame Herzen einfachst geschalteter Menschen unterlässt.    

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Kitsch, romantische Liebe, und Gottes Liebe zu den Menschen 

Ohne Umwege über den Verstand spricht Kitsch mit sofortiger Wirkung unsere Gefühle an.  Kitsch wirkt damit so ähnlich wie der Anblick von Süßigkeiten. Die ja sofortige Glücksgefühle versprechen. Allerdings ist Glück durch Süßigkeiten nicht nur von kurzer Dauer, sondern auch mit fatalen Nebenwirkungen verbunden. Unter anderem macht Zucker depressiv. Was nur durch eine neuerliche Zufuhr zuckerhaltiger Dinge in erträglichen Grenzen gehalten werden kann. Es ist daher naheliegend anzunehmen, dass eine vom Süßen regelrecht abhängige Gesellschaft auch in anderer Hinsicht Süßlichem zugeneigt ist. Tatsächlich ist Kitsch das unerschöpfliche Angebot zur geistigen und ästhetisch-moralischen Versüßung menschlicher Irrungen und Wirrungen. Und damit die schlimmste Droge, die man sich vorstellen kann. 

Liebe ist ein Zustand, in dem Liebende die Dinge nicht so sehen wie sie tatsächlich sind. Liebende schwelgen im Genuss einer illusorischen, verklärenden, lebensversüßenden Kraft. Die sie auf wundersame Weise auch niederschmetternde Umstände wie Armut und Krankheit ertragen lässt. Sie haben ja sich. Und wenn sie in ihrem Ungemach sich liebend aneinander festhalten, glauben sie dem Tag nicht fern zu sein, an dem alle Schwierigkeiten überwunden sind. Im Gegensatz zu Tieren, die Brunstschreie von sich geben, sehnt der Mensch sich nach Liebe, spricht von Liebe, singt von Liebe und ergötzt sich an schönen Bildern von der Liebe. So schlimm es auf der Welt auch zugeht; die Bilder von Hunger, Elend, Krieg und Naturkatastrophen verblassen gegenüber der umwerfenden Wucht eines visuellen Tsunamis, der unentwegt die 

Schönheit der Liebe illustriert. So schön die Liebe zweifellos auch ist; ihre bereichernde, lebensversüßende Kraft muss in kitsch-theoretischer Betrachtung allerdings einem ernüchterndem Befund weichen. Als ultimative Sprache des Herzens ist Liebe die Urform des Kitschs. 

Die sich im Glauben an Gott ihre religiöse Domäne geschaffen hat. Das Christentum ist die Religion, in der aus vollem Herzen geliebt wird. Wobei an erster Stelle die Liebe Gottes zu den Menschen steht. In der Gewissheit dieser Liebe ist dem Menschen nichts zu schwer. Geduldig werden auf dem Weg von und zu Gott die schwersten Lasten des Lebens getragen. Dinge wie die Offenbarung Gottes, das Reich Gottes, die Menschwerdung Gottes, das Heil der Seele, das Himmelreich, die Vergebung der Sünden, die Erlösung durch Glauben, das ewige Leben und nicht zuletzt auch die “Reinheit des Herzens” sind süßliche Konstrukte im ewigen Triumphzug der 

Herzens-Weltmacht Kitsch. Die sich im Religiösen mit dem Hinweis auf höhere Mächte jegliche Einmischung in ihre Kitsch-Angelegenheiten entschieden verbittet.  

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Politischer Kitsch und der zustimmungsheischende Heiligenschein moralisch empörter Scheinheiliger

Die Lehre der Kirche ist heute von leeren Kirchen abgelöst worden. Die Weltmacht Kitsch ist dadurch allerdings nicht in Verlegenheit gekommen. Ist doch die Abwendung vom religösen Kitsch mit einer massenhaften Hinwendung zu anderen Formen des Kitschs einhergegangen. In der Tat kann man heute in Herzensergießungen des politischen Kitschs auch ohne Gottes Beistand ein zutiefst zufriedenstellendes Seelenheil finden. Wie ist das möglich? Politische Bewegungen, um damit zu beginnen, sind niemals der Vernunft verpflichtet, sondern stets auf Gefühlen, Vorstellungen, Ideen und zündenden Parolen errichtet. Die sich dann ähnlich wie religiöser Kitsch zu politischem Kitsch zusammenfügen.

Es scheint einiges dafür zu sprechen, dass Deutsche für diese Formen des Kitschs besonders empfänglich sind. Immerhin ist die Rührseligkeit des “Heiligen Abends” mit Tannenbaum, und allem drum und dran, eine deutsche Hervorbringung. Deutsch ist auch die Erschaffung des modernen politischen Kitschs mit seiner Blut und Boden-Romantik, Eroberung von Lebensraum,

Heldenverehrung, Führerkult, Reinheit der Rasse usw. Alles in Allem eine unselige Kitsch-Orgie mit entsetzlichem Ausgang.     

Bei ihrer historich gefestigten Neigung zum Kitsch ist es nicht erstaunlich, wenn auch im heutigen Deutschland das Hohelied des politischen Kitschs ertönt. Die Welt ist böse und schlecht. Gewiss! Böse und schlechte Menschen treiben in dieser Welt, mit der es ohnehin den Bach runtergeht, ihr zynisches, menschenverachtendes Unwesen. Grund genug das Böse und Schlechte auf der Welt aus tiefstem Herzen abzulehnen. Eine bessere Welt ist möglich. Sie kommt aber nicht von selbst. Man muss dafür etwas tun. Tatsächlich wird ununterbrochen viel, ja sehr viel dafür getan. Mahnwachen, Lichterketten, Schweigemärsche, Solidaritäts- und Betroffenheitsbekundungen. Denen sich sogar sonst so hartgesottene Kicker anschließen. Indem sie in sittlicher Verbundenheit im Stadion in die Knie gehen. Moralische Empörung als Dauerveranstaltung, und am besten nicht ohne Tränen ohnmächtiger Wut. Wenn aber erst einmal die Tränen getrocknet sind, darf auch der heilige Zorn ein gewichtiges Wörtchen mitreden..

Der Schulterschluss von Linksliberalismus, Feminismus, politischer Korrektheit, Antifaschismus, Antirassismus und Klima-Aktivismus ist heute nicht mehr nur tonangebender Meinungshimmel. Moralische Empörung als Dauerveranstaltung hat sich längst schon von einer tränenerstickten Attitüden- und Gesinnungsgemeinschaft zu einer politischen Kitsch-Diktatur mit rabiater Scheinheiligkeit entwickelt. Der alles ein Dorn im Auge ist, was ihrer kalkulierten Herzensgüte

widerspricht. Menschen, die mit betont offenem Augenaufschlag bekennen sich für andere mit ihrem Herzen zu definieren, sind Botschafter der süßlichen Verlogenheit des Kitschs. Definieren sie sich mit ihren Herzensergießungen doch nicht als Menschen für Menschen, wohl aber als Frontkämpfer für die Schreckensherrschaft des Herzens über den Verstand.

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