Ich habe Scheiße in den Augen, ich habe Scheiße im Herzen, Gott läuft aus. Georges Bataille (1897 – 1962)

Gestern sagte mir einer ich wäre der Schönheit verfallen. Da hab ich ihn zusammengeschlagen. Freund entsetzt: aber das war doch keine Beleidigung! Weiß ich auch, aber woher soll man wissen was Schönheit ist?

Im Gegensatz zu gängigen Unterscheidungen zwischen Glanz und Elend, oder Licht und Schatten, die hauptsächlich auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Gefälle zielen, bringt die Gegenüberstellung von Schönheit und Scheiße entgegegesetzte Standpunkte ästhetischer Art und Bedeutung zum Ausdruck. Die oft derart weit voneinander entfernt sind, dass für die einen das was sie als schön empfinden, von anderen als Scheiße abgetan wird. Was eine krasse Unversöhnlichkeit von Geschmacksurteilen beinhaltet. Die sich nicht selten im Hinblick auf  Hervorbringungen entzündet, die als Kunst bezeichnet werden.

Der Ausruf: “Und dieser Scheiß soll Kunst sein!” richtet sich gegen das Ansinnen eine Sache als Kunst zu würdigen. Eben weil die infragekommende Sache in ästhetischer Hinsicht nicht dem entspricht, was dem gekränkten Geschmack als Kunst vorschwebt. Die aristokratisch erhabene Belehrung aus dem Mittelalter: cacatum non est pictum, geschissen ist nicht gemalt, erinnert übrigens daran, dass Künstler schon damals sich gegen die Unterstellung verwahren mussten mit ihren Bildern eingerahmte Scheiße zu zeigen.

Dass Kunst zum Niederknien schön, und dennoch aus nachvollziehbaren Gründen tatsächlich einfach nur als Scheiße bezeichnet werden kann, ist jedoch ein Umstand der zwar hiermit nebenbei erwähnt, aber nicht weiter verfolgt wird. Hier soll im weiteren Verlauf, als Weiterführung der Diskussion im vorigen Beitrag, der Ursprung unserer Geschmacksurteile im Vordergrund stehen.

Über Geschmack wird viel gesprochen, aber was bedeutet das eigentlich, einen eigenen Geschmack zu haben? Was ist damit gemeint? Beim jeweils eigenen Geschmack handelt es sich zunächst einmal um die Hervorhebung persönlicher Selektionsentscheidungen. Was  Dinge wie etwa die Art und Weise der Nahrungszubereitung, Kleidung, Wohnungseinrichtung, Wahl des Urlaubsorts oder des Lebenspartners beinhalten kann. Der eigene Geschmack ist somit gewissermaßen das zufriedenstellende Ende der Qual der Wahl; und vor allem ein öffentliches Bekenntnis zu dem was einem gefällt. Und von dem man gerne annimmt, dass es bei anderen eine entsprechende Anerkennung bewirkt.

Wobei allerdings von Anfang an auch Wert darauf gelegt wird, durch Manifestationen des eigenen Geschmacks sich vom Geschmack anderer so vorteilhaft wie möglich abzuheben. Was nicht immer gelingt, und statt erwünschter Anerkennung Spott und Häme hervorruft.

Grundsätzlich ist Geschmack in einem alltäglichen, und stets zum Scheitern verurteilten Konkurrenzkampf der “Geschmäcker” einbezogen. In dem der eigene Geschmack die Funktion einer ästhetischen Verlängerung des Ellenbogens übernimmt. Bezeichnenderweise wird in der Werbung ständig davon gesprochen ja keine Komromisse einzugehen, wenn es um Dinge geht die, wie etwa bei Autos, der ausdrücklichen Betonung des eigenen Geschmacks dienen sollen. Kompromisslosigkeit in Geschmacksfragen ist dem Ziel verschrieben den eigenen Geschmack als ein ästhetisches Ausrufezeichen, ja als eine persönliche Ästhethik des Widerstands gegen den Geschmack anderer zu inszenieren. Bei aller Kritik an diesem “oberflächlichen” Verhalten wird oft übersehen, dass damit moderne Gesellschaft erst möglich wird.

Wie in meinen Beiträgen über ‘Mode und Terrorismus’ erörtert, sind menschliche Gesellschaften auf Dauer nur dann funktions- und überlebensfähig, wenn Individuen die Möglichkeit gegeben ist in ästhetischer Hinsicht und situationsbedingt anders als andere in

Erscheinung zu treten. Die ewige Unterscheidung zwischen Freiheit und Diktatur lässt sich im Grunde genommen auf ein entweder schöner als andere sein dürfen, oder gleich sein müssen reduzieren. Alle Gesellschaften die auf dem Fundament einer von oben herab diktierten Gleichmachung errichtet sind, wie Faschismus, Kommunismus und Islam, enthalten einen gemeinsamen Nenner. Und zwar die Unterdrückung von Manifestationen des eigenen Geschmacks; die Abschaffung von ästhetischer Differenzierung bei gleichzeitiger Uniformierung der Individuen im Namen gemeinsamer Ziele. Mit naheliegenden Folgen. Muss doch das diktatorisch erzwungene: “gleich sein müssen – statt schöner als andere sein zu dürfen” durch einen propagandahaft geschürten Hass auf “hässliche” Feinde kompensiert werden.

 

Im Vergleich zum geschmacksfeindlichen Fundament totalitärer Gesellschaften erscheint der anthropologische Grund für den so oft verteufelten Kapitalismus wie eine himmlische Erlösung. Kommt doch das kapitalistische System einer nicht wegzudenkenden Eitelkeit im Aufbau der menschlichen Natur wie gerufen. Indem Waren und Dienstleistungen  angeboten werden, die dem schön sein wollen – statt gleich sein  müssen Vorschub leisten. Schließlich können ja nur solche Dinge erfolgreich auf den Markt gebracht werden, die aufgrund ihrer ansprechenden ästhetischen Dimensionen die Begehrlichkeit der Käufer wecken. Der Erfolg des Kapitalismus ist letztlich darauf zurückzuführen, dass als schön empfundene käufliche Dinge in Wechselbeziehungen zur angestrebten Verschönerung der Konsumenten treten.

Dass die Sowjetunion mit ihrer modefeindlichen Einheitskluft nicht etwa durch Raketen, sondern einer subversiven Invasion von Lippenstiften und hohen Absätzen zu Fall kam, zeugt

trotz aller unmenschlichen Auswüchse vom allzu menschlichen Grundcharakter des Kapitalismus. Auch wenn es in linken und feministischen Ohren schrecklich wehtut; ohne ästhetische Überbietungswettkämpfe gegen andere ist Menschsein nicht möglich.

Als Beispiel für die hier angedeuteten Sachverhalte sei mir ein vergleichender Hinweis auf Bikini und Burkini gestattet. Ein Bikini bedeckt gerade mal das, was, nicht erotische Situationen vorausgesetzt, hinsichtlich weiblicher Nacktheit eine gewisse Ernüchterung aufkommen lässt. Fastnacktheit ist immer ansprechender als Ganznacktheit. Sind erst einmal alle Hüllen gefallen ist ja nicht zuletzt auch in modeschöpferischer Hinsicht dem Auge nichts mehr geboten das zur gedanklichen Enthüllung einlädt. So gesehen ist der Bikini eine geniale Verschönerung und Kostbarmachung von Frauen. Dass dieses

Kleidungsstück nicht in Mekka erfunden wurde liegt auf der Hand. Immerhin ist dem totalitären Grundprinzip des Islam alles ein verhasster Dorn im Auge, was individuelle ästhetische Dimensionen beinhaltet. Die islamistisch stilkämpferische Verhässlichung von Frauen, die den Zwang zum Burkini miteinschließt, liegt somit in der Natur der Sache. Die, auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, nichts mit Religion zu tun hat. Der Islam ist keine Religion, sondern eine archaische Form von Faschismus. Freilich sollte man dabei nicht vergessen, dass Faschismus immer auch eine Manifestation von kollektivem Geschmack ist. Und im Zusammenhang mit diesbezüglichen Geschmacksurteilen wäre  hinzuzufügen, dass radikalen Islamisten Frauen das sind, was dem Nazi die Juden waren.

Jedoch sind es auch in freien Gesellschaften immer “die anderen”, die einen zweifelhaften, oder “schlechten” Geschmack haben, und in allen nur denkbaren Stilfragen Geschmack vermissen lassen. Es sind auch immer

andere, deren Geschmacksverirrungen als unannehmbar empfunden werden. Was häufig unschön formulierte Abwehrreaktionen hervorruft. (“Was ihr neuer Freund auf der Party anhatte passte wie die Faust aufs Auge!”)  Dass der eigene Geschmack gelegentlich auch mit der Faust verteidigt wird, muss nicht eigens erwähnt werden.

Über die Tendenz zur Beharrung auf den eigenen Geschmack bei gleichzeitiger Ablehnung anderer Geschmacksrichtungen könnte problemlos hinweggegangen werden. Nicht aber wenn man bedenkt, dass der störende Geschmack der der anderen oftmals mit unannehmbarem Gestank gleichgesetzt wird. Wenn beispielsweise gesagt wird: “also Heinrichs neue Wohnung ist ja schön und gut, aber das Bild überm Sofa hat mir wahnsinnig gestunken.” Man denkt sich nichts dabei, aber die sprachliche Verbindung von abweichendem Geschmack und Gestank ist darauf zurückzuführen, dass bis ins 17. Jahrhundert Geschmack und Geruch als synonym verwendet wurden. Grimmelshausen (1622 – 1676) berichtet von “viel todter cörper, davon viel böszer geschmäck erwucksen.” Nikolaus von Basel erzählt: “als sie nun die (gefrorenen mit Kot gefüllten) donnen zu dem feür brachten, da gwunnen sie ihren natürlichen geschmack.”

Den Geruch, bzw. den Gestank der Defäkation im Zusammenhang mit “Geschmack” zu erörtern, wirkt heute reichlich befremdend. Überhaupt wird es gemeinhin als “geschacklos” empfunden wenn jemand über Scheiße zu reden beginnt. Das ist auch der Grund weshalb die Ästhetik dazu schweigt. Nun hält aber ausgerechnet der Gestank der Scheiße einen merkwürdigen Sachverhalt bereit, der für die Ästhetik von vordergründigem Interesse sein müsste. Ein Sachverhalt, den alle kennen, über den aber niemand spricht. Es ist nun mal so, dass man nur den Geruch “Geschmack” der eigenen Defäkation ertragen, ja sogar, (lange Sitzung), ein ausgeprägtes Wohlwollen daran empfinden kann. Während allein schon der Gedanke über einem anderen Geschäft brüten zu müssen absolut unannehmbar ist.

Unser individueller Richter in ästhetischen Angelegenheiten, der eigene Geschmack, entsteht damit ursprünglich aus einem Unbehagen am Gestank der Scheiße der anderen. Und wie zur Bestätigung dass diese Vermutung nicht einfach nur aus der Luft gegriffen ist könnten unzählige Dinge genannt werden die einem enorm “stinken”. Obwohl sie, wie beispielsweise ein verschossener Elfmeter, oder ein “beschissenes” Unterhaltungsprogramm im Fernsehen, völlig geruchlos sind. Übrigens genoss die Oberschicht früherer Zeiten das Privileg, ihre im übertragenen Sinne zu verstehenden Geschäfte in einer gewissen Privatheit zu verrichten. Also ohne dabei dem Geruch, bzw. “Geschmack” niederer Schichten ausgesetzt zu sein. Die sich im Gestank mehr oder weniger öffentlichen Bedürfniseinrichtungen bemühen mussten. Daher die Redensart: “Geld stinkt nicht.”

Falls man mit allen in Betracht kommenden Vorbehalten der Vermutung zustimmt, dass wir unseren eigenen, und notwendigerweise “guten” Geschmack, aus einer Ablehnung des  notwendigerweise “schlechten” Geschmacks (Geruch) der Scheiße anderer entwickelt haben, stellt sich die Frage seit wann es den eigenen Geschmack gibt. Es sieht danach aus, als ob von außerhalb der Aristokratie kommende Individualisten mit eigenem Geschmack in geistigen und ästhetischen Dingen historische Newcomer sind, die in unserem engeren Kulturkreis erst im frühen 18.Jahrhundert

in Erscheinung treten. In einer Zeit also, in der seit dem Altertum bestehenden Epochen der Kacköffentlichkeit für gewöhnlich Sterbliche zu Ende gehen. Indem nach und nach mehr oder weniger öffentliche Aborte und Latrinen durch mehr oder weniger private Kammern ersetzt wurden.

Falls Geld nun aber doch stinken sollte, falls das angeberische Getue des Nachbarn seinem ohnehin schon “schlechten” Geschmack die Krone aufsetzt, steht der Rückzug in die Festung des eigenen, “guten”, Geschmacks an. Ein Rückzug, der mitunter in Formen krassester Ablehnung vonstatten geht. Wenn etwa gesagt wird: “lass mich doch mit deinem Scheiß in Ruhe”, oder “don’t give me that shit!” bzw. “I can’t stand your shit anymore!” Wie man sieht kommt darin stets, egal in welcher Sprache, die Ablehnung der Scheiße der anderen zum Ausdruck.

Man gelangt bei all dem zur eher eigentümlichen Erkenntnis, dass in der Hierarchie des Unannehmbaren, im wörtlichen wie auch übertragenen Sinn, die Scheiße den allerersten Rang einnimmt. Das ist deshalb so erstaunlich weil doch anzunehmen wäre, es müsste der Tod sein. Nun leben wir allerdings in einer Welt in der so getan wird als ob es den Tod nicht gibt, und in der gleichzeitig die Klage umgeht, dass es im Leben nichts gibt was nicht irgendwie Scheiße wäre. Wobei immerzu die Anrüchigkeit des eigenen Geschmacks grüßen lässt.

 

 

 


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