Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer.   Sokrates

Kinder vermehren die Sorgen des Lebens, aber lindern den Gedanken an den Tod.     Francis Bacon

Man könnte glauben, dass sich in den Titel dieses Beitrags der Fehlerteufel eingeschlichen, und dabei ein kleines, aber wichtiges Wörtchen entwendet hat. So dass boshafterweise das genaue Gegenteil von dem zum Ausdruck kommt, wovon man spontan annimmt, es wäre im weiteren Verlauf davon die Rede. Nämlich vom nicht selten auftretenden Unglück keine Kinder zu haben, bzw. keine bekommen zu können.

Tatsächlich wird unerfüllter Kinderwunsch oftmals als zutiefst schmerzhafter Schicksalsschlag erlebt. Der für die Betroffenen mit bodenloser Verzweiflung und tragödienhaften Zuständen einhergeht. Auf den gewiss noch so beklagenswerten Jammer der Kinderlosigkeit soll hier aber nicht eingegangen werden. Dieses Weh lässt nämlich ein größeres, und in gleich mehrerer Hinsicht sehr viel bedeutsameres Unglück in Vergessenheit geraten: nämlich Kinder zu haben. 

Diese Feststellung ist geeignet leidenschaftlichen Widerspruch, und wohl auch Empörung hervorzurufen. Einmal ganz davon abgesehen, dass sie als äußerst unschicklich empfunden werden dürfte. Immerhin ist die Ankunft von Nachwuchs

gemeinhin mit Freude und Glücksgefühlen verbunden. Weshalb es sich verbietet, freudestrahlenden Eltern ihr gerade geborenes Kind als einstweilen noch friedlich schlafendes Elementchen im Aufbau eines Unglücks aufzuzeigen.

Philosophen ist es allerdings gleichgültig ob sie sich mit ihren Ausführungen unbeliebt machen. Dinge so zu sehen wie sie normalerweise nicht gesehen werden, bringt eben zwangsläufig auch soziale Risiken und Nebenwirkungen mit sich. Die sich nicht zuletzt auch dadurch einstellen, weil Philosophen, wie übrigens auch Kinder, mit irritierender Beharrlichkeit das Wort “warum” benutzen. Um damit in alle möglichen und unmöglichen Dinge scheinbar überflüssige Löcher zu bohren.

Womit nunmehr die kindisch anmutende Frage im Raum steht, warum eigentlich Kinder da sind, bzw. warum wir überhaupt Kinder haben, und haben wollen. “Als ob das eine Frage wäre!” antwortet darauf ungläubig kopfschüttelnd der gesunde Menschenverstand. Um im Tonfall unabänderlicher Überzeugung hinzuzufügen, dass dies doch nun mal der ganz natürliche Gang der Welt wäre. Was in einer eingeschränkten Sichtweise auch so sein mag. Bei näherer Betrachtung ist das Kinder in die Welt setzen, wie sich gleich herausstellt, jedoch eine geradezu verhängnisvolle Sache. Womit aber ganz bestimmt keine Verbindung zu jener tragischen Weisheit angestrebt sein soll, derzufolge es das beste für uns wäre, nie geboren worden zu sein.

Vorwegnehmend sei darauf hingewiesen, dass die Auffassung, wonach Kinderglück nichts anderes als ein nichtendendwollendes Unglück mit Kindern ist, erst im

zweiten, noch folgenden Teil des Beitrags erörtert wird. Vorläufig aber soll, als philosophisches Vorspiel gewissermaßen, zunächst einmal gezeigt werden, dass allein schon dem Wort Fortpflanzung eine unheilvolle Gedankenlosigkeit zugrundeliegt.

Vom Verhängnis der Menschheit sich immer nur “fortgepflanzt” – aber nicht “hinaufgepflanzt” zu haben

Kinder haben (noch) einander zugetane Menschen zur Voraussetzung. Lassen wir zu infragekommenden Ereignissen in den Betten dieser Welt einen prominenten Philosophen zu Wort kommen. Im ersten Teil von Also sprach Zarathustra (1883),

fragt Nietzsche nach moralischen und intellektuellen Beweggründen, von denen er glaubt, dass sie bedacht sein wollen bevor es in Schlafzimmern zur Sache geht.

Ich habe eine Frage für dich allein, mein Bruder…Du bist jung und wünschest dir Kind und Ehe. Aber ich frage dich: bist du ein Mensch, der ein Kind sich wünschen darf?  Bist du…der Gebieter der Sinne, der Herr deiner Tugenden? Also frage ich dich. Oder redet aus deinem Wunsch das Tier und die Notdurft? Oder Vereinsamung? Oder Unfriede mit dir?

Der prophetisch geschwollene Ton im Zarathustra, dem Pop-Event der Philosophie, sollte einen nicht davon abhalten die Angelegenheit um die es geht, auf die leichte Schulter zu nehmen. Gerade für heutige Leser vertritt Nietzsche freilich eine eher Ablehnung hervorrufende Position. Und zwar die, dass dort wo notwendige moralische und intellektuelle Voraussetzungen fehlen, ein Kinderwunsch sich gar nicht erst einstellen dürfte. Der gesunde Menschenverstand sieht sich denn auch veranlasst darauf hinzuweisen, dass alle Menschen, egal welch Geistes Kinder sie sind, ein selbstverständliches Recht darauf haben, Kinder in die Welt zu setzen.

Tatsächlich können in unserem Kulturkreis Paare schon seit längerem problemlos darüber bestimmen, ob sie Kinder wollen oder nicht. Tiefgreifende Erwägungen im Sinne Nietzsches werden dabei wohl kaum zur Sprache kommen. Wenn man einmal davon absieht, dass “es” sehr oft halt einfach nur so “passiert”, liegt die Vermutung nahe, dass Sachen wie Ernährung, Kleidung, Beruf, Auto, Wohnort usw. viel mehr Bedeutung zugemessen wird, als Fragen zum Fortgang menschlichen Lebens.

Nietzsche als Wegweiser in Schlafzimmer-Angelegenheiten zu empfehlen liegt mir fern. Dennoch, die tieferen Gründe für den gewiss unheilvollen Gang der Welt werden nicht mit Büchern in der Hand, sondern im Hinblick aufs Bettgeschehen der Menschheit ersichtlich. Immerhin liegt es auf der Hand, dass eine Gattung, die zwar wortreich, aber hilflos vor ihren riesigen, selbstgemachten Problemen steht, schon im Bett etwas falsch machen muss.

Denn so viele erstaunliche Dinge die Menschheit im Verlauf ihrer Geschichte auch hervorgebracht hat, wirklich erstaunlich ist doch aber die Tatsache, dass sie bislang nichts aus sich selbst gemacht hat. Modernste technische und wissenschaftliche Errungenschaften täuschen darüber hinweg, dass menschliches Tun und Treiben in seiner Gesamtheit immer noch auf dem Niveau der Urmenschen angesiedelt ist. Die Menschheit hat es schlichtweg versäumt sich zu erschaffen. Schlimmer noch, sie ist drauf und dran sich auf ihrer Überlebenskugel selbst abzuschaffen.

Was uns zu jener Gedankenlosigkeit zurückführt, die dem Wort Fortpflanzung innewohnt. Fortpflanzung beinhaltet eine horizontale immerzu “fort”, also “immer weiter so wie jetzt” Verlaufsrichtung. Das erstrebenswerte Gegenteil davon wäre Nietzsche zufolge eine Hinaufpflanzung.

Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf!…einen Schaffenden sollst du schaffen…Ehe, so heisse ich den Willen zu zweien, das Eine zu schaffen, das mehr ist als die, die es schufen…

Dass dieses Schaffen in heldenhaften Ehen an “Züchtung” und den problematischen Begriff “Übermensch” denken lässt, darf vernachläsigt werden. Nietzsches eigentliches Anliegen besteht hauptsächlich darin, auf den Unterschied zwischen Fortpflanzung und Hinaufpflanzung hinzuweisen. Und zwar als Missbilligung, ja sogar als Fundamentalopposition gegen eine ständige Wiederholung von dem was ist: gegen die Wiederkehr der Eltern in ihren Kindern. 

Das Schlafzimmer als Kopierladen

Dass Hunde oftmals eine frappierende Ähnlichkeit mit ihren Besitzern aufweisen ist hinlänglich bekannt. Was wohl darauf zurückzuführen ist, dass eigenes Aussehen

auf die Wahl des Hundes abfärbt. Auch bei Paaren die seit Jahrzehnten verheiratet sind, und dabei die gleichen Sorgen und Freuden teilten, scheint sich eine Angleichung der Gesichtszüge einzustellen. Bei Kindern schließlich, bedarf es keiner größeren Aufmerksamkeit um immer wieder festzustellen, dass der Apfel nicht weit vom Baum fällt. Wobei uns (wie der Vater, so der Sohn) die dazu gehörenden biologischen Erklärungen nicht zu interessieren brauchen.

Wesentlich im Zusammenhang ist nur, dass der Apfel neben dem Baum meistens liegenbleibt. Und nach und nach selbst zu einem Baum heranreift, der sich von seinem Stammbaum auch unter der Rinde nur geringfügig unterscheidet. Was wiederum genau den Punkt trifft, den Nietzsche in seiner Fortpflanzungskritik als abträglich, ja unheilbringend verwirft.

Vielleicht tritt die menschheitsgeschichtliche Tragweite der Ähnlichkeit zwischen Kindern und Eltern deutlicher hervor, wenn man Bettgeschehen mit dem

gleichsetzt, was im Kopierladen besorgt wird. Im Kopierladen wird etwas verdoppelt, bzw. vervielfältigt, was ursprünglich nur als Einzelanfertigung da war. Der Kopiervorgang selbst, von Dokumenten beispielsweise, wird zwecks einer Vereinfachung von Vorgängen organisatorischer Art und Bedeutung in Gang gesetzt. Werden aber diese Vorgänge erst einmal abgeschlossen, sind infragekommende Dokumente, Originale wie Kopien überflüssig.

Nach wie vor haben viele Eltern Anlass die Hoffung zu äußern, dass ihren Kinder einmal ein besseres Leben vergönnt sein würde als ihnen selbst. Wobei freilich vergessen wird, dass Kinder, selbst wenn sie ein besseres Leben haben, dennoch so etwas ähnliches bleiben müssen wie ihre Eltern. So gesehen besteht das Unglück mit den Kindern darin, dass durch einen bloßen Kopiervorgang eigentlich nichts anderes als immerzu überflüssige Gemeinsamkeiten und gemeinsame Überfüssigkeiten geschaffen werden.

 

 

 

 

 

 

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