So jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter…und dazu sein Leben, der kann nicht mein Jünger sein.            Lukas 14,26

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Die Rechnung ohne den Wirt und eine schreckliche Quadratur des Kreises

“Egal wie schwer der Tag auch war, wenn ich mein Kind ansehe, platze ich fast vor Glück! Kinder sind Geschenke des Himmels, die wie kleine Sonnen wärmendes Licht, und Glück in unser Leben bringen.” Es ist äußerst riskant süßlich verkitschtem Gefasel solcher Art nicht vorbehaltlos zuzustimmen. Sieht man sich doch unter strafenden Blicken sofort dem Vorwurf ausgesetzt, kinderfeindliche, ja sogar lebensverachtende Ansichten zu vertreten. Wobei mit einem Anflug von Ironie zugegeben werden muss, dass Kinder in längst vergangenen Zeiten völlig zu recht als “Geschenke des Himmels” galten. Allerdings nur deshalb, weil vom Mittelalter bis hin zur frühen Neuzeit, einer Zeitspanne mit hohen Sterblichkeitsraten, in jeder Kindergeburt das Hinzukommen einer neuen Arbeitskraft erblickt wurde.

Heute wird die Geburt eines Kindes oftmals als krönender Höhepunkt sorfältig betriebener Zukunftsplanungen empfunden. Ist doch unter aufgeklärten Menschen die Einsicht tonangebend, dass Dinge wie eine abgeschlossene Ausbildung, sichere berufliche Position, angemessene finanzielle Möglichkeiten, stabile Partnerschaft usw. einer Erfüllung des Kinderwunschs vorauszugehen haben. Dennoch stellt sich

in den allermeisten Fällen trotz noch so vernünftiger Planungen sehr bald heraus, dass mit einem Kind die Rechnung ohne den Wirt ins Haus gekommen ist.

Mit dieser Redensart wird jene plötzlich einsetzende Ernüchterung umschrieben, die immer dann eintritt, wenn trotz vermeintlich reiflicher Überlegungen bei einer Entscheidung wirklich Wesentliches nicht berücksichtigt, oder schlichtweg übersehen wurde. Was im hier zur Betracht stehenden Zusammenhang daran zu erkennen ist, dass die sehnlichst erwarteten “kleinen Sonnen” nicht immerzu herzerwärmende Eigenschaften an den Tag legen. Sich statt dessen aber häufig als kleine Quälgeister offenbaren. Deren schier unermüdliche Schreikraft, um nur das zu

erwähnen, jeder noch so wohlwollenden elterlichen Geduld Prüfungen härtester Art auferlegt. Um nicht von kraft- und nervenzehrenden Zuwendungen zu reden, die überrumpelten Eltern zu jeder Tages- und Nachtzeit gnadenlos abverlangt werden. Womit, wie gleich hinzugefügt werden muss, ohnehin schon angeschlagene Mütter und Väter oftmals schlicht und einfach restlos überfordert sind.

Auch in sonst eher verträumten Naturen reift daher früher oder später die Erkenntnis heran, dass herbeigesehntes Glück mit Kindern in Wirklichkeit ein nichtendendwollendes Unglück mit Kindern ist. Frauen scheinen von dieser Erkenntnis, die gemeinhin verharmlosend als “Baby-Blues” oder “Heultage” abgetan wird, oftmals gleich nach der Geburt beschlichen zu werden. Es gibt übrigens Studien die belegen, dass Eltern mit neugeborenen Kindern unglücklicher sind, als Menschen deren Ehepartner gestorben ist.

Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass junge Eltern übermüdet und erschöpft, dazu nicht selten knapp bei Kasse sind und ihre eigene Situation als ungerecht und rätselhaft wahrnehmen. Rätselhaft deshalb, weil viele sich insgeheim nicht ohne Verbitterung fragen, wie sie in die prekäre Lage überhaupt hineingeraten sind. Dazu wäre zu sagen, dass der Bett-Weg vom Liebespaar zum Elternpaar zwar durchaus mit betörenden Rosen umsäumt ist. Woraufhin in den Schlafzimmern allerdings ein gewaltiges, und aufgrund seiner Beschaffenheit unlösbares Problem auftritt.

Es besteht darin, dass eine beglückende, dauerhafte Gleichzeitigkeit von Paar und Elternpaar ein Ding absoluter Unmöglichkeit ist. Eine echte Quadratur des Kreises. Vorwegnehmend ist zu bemerken, dass der Mensch ein unentwegt nach Glück strebendes Wesen ist. So dass Trennung häufig als einzig gangbarer Weg erscheint, um schmerzlich vermisste Glücksgefühle woanders zu finden. Gerade junge, und

gewiss nicht immer nur junge Väter, geben bekanntlich nur zu gerne der Verlockung nach, auf der Suche nach Glück noch mal “von vorne” anzufangen. Dass sie dabei letztlich immer wieder in genau die gleichen, konfliktreichen Situationen geraten, ist so etwas wie ein Zynismus der Liebe.

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Unser Kind! Der Keil, der uns unaufhaltsam auseinandertreibt

Bevor ein Kind da ist, ist die Liebe da! Sie ist, von technischen Möglichkeiten der Menscherzeugung abgesehen, jener schon in allen Völkern und Zeiten besungene Himmel auf Erden, ohne den kein Kind das Licht der Welt erblicken könnte. Die romantische Liebe ist so gesehen im Grunde genommen nichts weiter als ein

verzauberndes Bindeglied, oder besser gesagt eine Erfüllungsgehilfin in Sachen Menschenfortbestand. Ist ihre Aufgabe aber erst einmal erfüllt, das belehrt die allgemeine Erfahrung, ist sie auch schon wieder auf dem Rückzug. Nicht ohne dabei anmutig flackernde Kerzen neben den Betten gelöscht und statt dessen das unbarmherzig grelle, Tag und Nacht brennende Licht der Realität mit Kindern angeschaltet zu haben. In der nach und nach die beklemmenden Konturen einer ganz anderen, vorher nicht gekannten Welt hervortreten.

Dass in ihr, um damit zu beginnen, nicht mehr so wie in Zeiten der Verliebtheit zu sexuellen Höheflügen abgeboben werden kann, liegt in der Natur der Sache. Mütter sind Tag und Nacht in unaufhörlicher Besorgnis um ihre zuwendungsbedürftigen Geschöpfchen. Das Interesse an körperlicher Attraktivität und animalischer Manneskraft ihrer Partner muss dabei notgedrungen auf der Strecke bleiben. Was

betroffen auf dem Boden der Tatsachen sitzende Männer nicht begreifen können ist, dass die Identität ihrer vormals bewundernd zu ihnen aufblickenden Gespielinnen, sich nunmehr hauptsächlich auf ein Dasein als Mutter reduziert. Und dass auch umgekehrt nicht mehr Männlichkeit, sondern Väterlichkeit erwartet wird.

Falls notwendig gewordene Unterwerfungen unter finanzielle Einschränkungen zu Empfindlichkeiten und Missmut führen sollten, sind Schlafzimmer ohnehin nur noch zum Schlafen da. Von nächtelangen, gegenseitigen Schuldzuweisungen zu

schweigen, die in diesen Zimmern aufgrund eines sich wegen dem Kind nichts mehr leisten können” herausgebrüllt werden. Es wäre hier auch noch daran zu erinnern, dass für junge, auf eigenen Füßen stehende Menschen schon mit dem Eintritt ins Berufsleben gleichzeitig auch ein Eintritt in lebenslange, nicht einfach zu verkraftende Mieten- und Schuldendienste stattfindet. Dass sie jungen Elternpaaren gelegentlich über den Kopf wachsen ist bekannt.

Nehmen wir hier einschränkend aber nur zur Kenntnis, dass Vater und Mutter mit Dingen wie Windelwechsel, Breizubereitung, Schreikrämpfen und wenig erfreulichen Kontoauszügen mit ihrem Kind allein zu Hause sind. In hellhörigen Häusern gewinnt freilich der früher eher flüchtige Kontakt mit Nachbarn an Intensität. Mit Menschen, die eindringlichst den Verlust “ihrer Ruhe” beklagen. Gleichzeitig nimmt der Kontakt mit Freunden und Bekannten allmählich ab, um dann vollends aufzuhören. Somit

kommt zu einer ohnehin schon gedämpften Gefühlslage, auch noch die vorher nicht gekannte Erfahrung sozialer Abschottung hinzu.

Was wiederum in der Natur der Sache liegt. Immerhin gibt es doch weiß Gott angenehmere Möglichkeiten der Freizeitgestaltung als stundenlang bei Leuten auf dem Sofa zu sitzen, die abwechselnd und vergebens darum bemüht sind ein schreiendes Kind zu beruhigen. Und mit erzwungenem Lächeln auch von nichts anderem, als nur noch vom nunmehrigen Mittelpunkt ihres Lebens sprechen können. Was Besucher mit einem ebenso erzwungenen Lächeln entweder aus Höflichkeit, oder sozialer Verpflichtung, mit Herzrasen, Schwindelgefühlen, Durstattacken usw. über sich ergehen lassen.

Aus und vorbei sind gemeinsame Unternehmungen mit Freunden und Bekannten. Bis in frühe Morgenstunden hineindauernde Geselligkeiten sind jetzt Vergangenheit. Wochenendausflüge nach Rom, Paris oder sonst wohin werden auch in Zukunft nicht mehr möglich sein. Allein schon der Gedanke, mit einem schreienden Kind auf dem Arm einen Flieger zu betreten lässt kein Reisefieber aufkommen. Und an Urlaub ist sowieso nicht mehr zu denken. Unter günstigen Umständen kommt vielleicht höchstens noch ein Aufenthalt bei den Großeltern in Betracht. Der von seiner psychologischen und sozialen Struktur her freilich nicht geeignet ist glimpflich abzulaufen.

Man sieht, alles in allem Dinge eines Alltags, der in seiner Gesamtheit durchaus

Vorstellungen an eine in mehrerer Hinsicht ineinander verschachtelte  Gefängniswelt weckt. Die auch mit zunehmendem Alter der Kinder bestehen bleibt. Die Pforten zu einer Welt ohne Gitter, in der man sich um seine Kinder keine Sorgen machen müsste, bleiben für immer verschlossen. Lebenslänglich gilt selbst dann, wenn Kinder einmal “außer Haus” sind, und die Wege ihrer Eltern einschlagen. Wie schon im vorigen Beitrag gesagt, fällt der Apfel dabei nie weit vom Stamm. Aus dem Apfel neben dem Stamm werden Bäume, die sich unter ihrer Rinde nicht vom “Stammbaum” unterscheiden. “Glaubt mir doch”, hebt Jesus leidenschaftlich hervor, “dass ich im Vater bin, und der Vater in mir ist”. (Johannes 14, 10-11) Was wir mit

mit einem Unterton von altkluger Gelehrtheit “Gesellschaft” nennen, ist nur ein Kopierladen. Und Bettgeschehen ist der Vorgang, der, zurückhaltend gesagt, unaufhörlich zutiefst verunsicherte Kopien von zutiefst verunsicherten Originalen produziert.

Natürlich könnte man mir entrüstet zurufen maßlos zu übertreiben. Dass kleine Kinder zu haben tatsächlich mit beträchtlichen Mühen verbunden wäre, das zufriedene Lächeln eines Kindes jedoch über alle Schwierigkeiten und Nöte hinwegschweben lässt. Einwände solcher Art legen jedoch den Verdacht nahe, dass im Kinderwunsch der kindische Wunsch nach dankbarer Anerkennung waltet. Die nicht ohne nachvollziehbare Gründe häufig ausbleibt. Einmal ganz davon abgesehen, dass es keine Kinder gibt die nicht Anlass hätten über ihre Eltern zu weinen. Worüber im Hinblick auf den Zustand dieser Welt im dritten und vorläufig letzten Teil dieses Beitrags gesprochen werden soll.