“Wenn jemand einen widerspenstigen und ungehorsamen Sohn hat, der der Stimme seines Vaters und seiner Mutter nicht gehorcht, und auch wenn sie ihn züchtigen, ihnen nicht gehorchen will…so sollen ihn steinigen alle Leute seiner Stadt…”(5. Mose 21, 18-21)

“Welches Kind hätte nicht Grund über seine Eltern zu weinen?” Friedrich Nietzsche

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Kinder-Eltern Beziehungen als ewige Katastrophenlandschaft

Die meisten von uns sind in familiären Verhältnissen aufgewachsen. Wobei es sich im Gegensatz zu Freundschaften und Liebesbeziehungen, die mit wenigen Worten beendet werden können, um unkündbare menschliche Verbundenheiten handelt. Bleibt man doch, wie auch immer man sich im Verlauf der Zeit auseinander gelebt haben mag, das Kind seiner Eltern. Die ebenfalls für immer das bleiben was sie von Anfang an sind: Vater und Mutter.

Das Miteinander von Kindern und ihren Eltern bleibt allerdings für immer auch eine Sphäre, in der, um es annäherungsweise zu sagen, keine Garantie für gegenseitige Liebe und Wertschätzung geben kann. Schließlich ist in familiären Verhältnissen auf kleinstem Raum ein schier unbegrenztes Konfliktpotential angelegt. Das die Beteiligten häufig in ein Tal der Tränen stürzen lässt. Wofür allein schon launische Verstimmungen, gegenteilige Meinungen, Enttäuschungen, Abneigungen, Schwächen oder Missverständnissen ausschlaggebend sein können. Um nicht das weite Feld menschlicher Irrungen und Wirrungen zu erwähnen, und von familiären Auseinandersetzungen schlimmer und schlimmster Art ganz zu schweigen.

Es dürfte kaum schwerfallen sich darauf zu einigen, dass Familien gewiss nicht

das sind, was sie auf Werbefotos für Bausparkassen, Versicherungen oder Käsehersteller zu sein scheinen. Die Realität ist eine ganz andere. Wovon die  abendländische Literatur ein beredsames Zeugnis ablegt. Weit und tiefblickend, wie sie waren, haben schon die alten Griechen mit beklemmender Eindringlichkeit die

Abgründe jener Ungeheuerlichkeiten aufgezeigt, die in familiären Verhältnissen ihren unseligen Nährboden finden. So wird der Säugling Ödipus mit dem Einverständnis der Mutter vom Vater in einem unzugänglichen Gebirge ausgesetzt. Das damit nicht endende Schicksal des verratenen Kindes führt bekanntlich zur Paarung mit der Mutter, und zur Ermordung des Vaters.

Einem anderen, weitaus prominenteren Kind mit Problemeltern, begegnet man in der Legende des Jesus von Nazareth. Einem wenig liebenswürdigen, renitenten, vaterlos heranwachsenden Jungen. Der sich nach und nach aus seiner real existierenden Vaterlosigkeit mit wahnhafter Besessenheit in eine imaginäre, “weltüberwindende”  Sohn-Vater Beziehung hineinsteigert. Die er fortan wortgewaltig als Himmelreich auf Erden zu verkünden versteht. Wobei er, wie gleich zu hören ist, seinen Erzeuger und seine Mutter mitsamt allem irdisch-leiblich Familiären hasserfüllt der Latrine übergibt.

So jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sein Leben, der kann nicht mein Jünger sein. (Lukas 14,26)

Man hat diesem berühmten “Sohn” viel in den Mund gelegt. Es sind aber die wenigen Aussagen solcher Art, die unter dem aufpolierten Glanz einen gewöhnlichen Menschen, in Gestalt eines wütend weinenden Kindes hervortreten lassen.

Beginnend in uralten biblischen Überlieferungen, über griechische Mythen und die Dramen Shakespears, bis hin in die großen Familienromane des 20. Jahrhunderts, erstrecken sich Kind-Eltern Beziehungen als ein nichtendenwollends Jammertal. In dem Eltern ihren Kindern, ähnlich wie Angehörigen eines wilden Stammes, die richtige Art zu denken und zu leben beibringen wollen. Was aber nie klappt, und unablässig zur Neuauflage von dramatischen Zerwürfnissen führt. Zwar hören Kinder die Botschaften der Eltern, lehnen sie aber ab, und gehen ihre eigenen Wege.  So dass schließlich der Eindruck entstehen muss, als ob seit den Zeiten des mythischen Stammesvaters Abraham jede Elterngeneration ihre eigenen Widersacher in die Welt gesetzt hat.

Die Hauptrollen in diesem endlosen Psychodrama vergangener Zeiten verkörpern  an und für sich wohlwollende Väter. Die aber mit regelrechtem Stolz auf ihre Unbelehrbarkeit von der absoluten Richtigkeit übernommener Regeln überzeugt sind. Und mit niemals nachlassender Strafbereitschaft auf Regelverstöße ihrer Nachkommen reagieren. Was Mütter mit resignierender Duldsamkeit erleiden. Die in Küchen und Zimmern walten, und ebenfalls nichts anderes glauben, als dass sich eigene Lebensweisen im Dasein der Kinder fortsetzen müssen. Die allerdings gegen die elterliche Welt einen Kollisionskurs eingeschlagen haben, der unausweichlich zu schrecklichen Zusammenstößen führt.

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Weshalb Kinder heute über ihre Eltern weinen

Verlassen wir jetzt aber die familiären Katastrophenlandschaften der Menschen von Gestern und Vorgestern, und wenden uns unserer eigenen Gegenwart zu. Was sehen wir? Auffallend viele Kinder, die nach wie vor gute Gründe haben über ihre Eltern zu weinen. Wenn ich dabei von körperlicher und seelischer Gewaltanwendung absehe, ist das eine Aussage, die weitgehend auf Ablehnung und Unverständnis stoßen dürfte.

Immerhin, so wird man mir empört zurufen, wäre doch heute im Hinblick auf Kinder alles viel besser eingerichtet als früher. Zumal es in Häusern und Wohnungen nicht mehr so engstirnig wie in vergangenen Jahrhunderten zuginge. Nein, durchaus nicht! Nur, dass erweiterte Horizonte noch lange nicht die Tränen der Kinder über ihre Eltern versiegen lassen. Es sieht sogar danach aus, als ob das Jammertal durch moderne Horizonterweiterungen noch vertieft würde. Wodurch entsteht dieser pessimistische Blick?

Sind denn die verknöcherten, unheilvollen Vatergestalten von damals heute nicht von weltoffenen, toleranten, einsichtigen, verständnisvollen, jungen und ganz jungen Vätern abgelöst worden? Sind anstelle resignierend seufzender Mütter nicht Frauen getreten, die selbstbewusst und tatkräftig ihr Leben gestalten? Und ist denn nicht der moderne Staat mit vielerlei Einrichtungen dem Kindes- und Elternwohl verpflichtet? Weshalb also die Schwarzseherei? Hierzu wäre zunächst einmal festzustellen, dass den erwähnten Vätern dieser Begriff nur noch in biologischer Hinsicht zugesprochen werden darf. Grundsätzlich aber müsste man sie in ihren

familiären Verhältnissen wohl eher als Moderatoren bezeichnen. Moderieren (lat. moderare) läuft darauf hinaus im Gespräch mit anderen mässigend zu wirken. Wobei Moderatoren eine möglichst neutrale Haltung einnehmen. Moderatoren stellen Fragen, schlichten Meinungsverschiedenheiten und schlagen Standpunkte vor, die für alle Seiten vertretbar sind.

Eine Methode zu haben bedeutet eine Sache auf eine bestimmte Art und Weise zu tun. Das heißt, dass schon die “antiautoritäre Erziehung” der 60er und 70 Jahre gar keine Erziehungsmethode, sondern lediglich ein buntes Lebensdurcheinander mit Kindern war. Das wichtigtuerisch inszeniert wurde um sich Formen “bürgerlicher Reglementierung” zu widersetzen. Sind Eltern aber erst einmal in die Rolle von Moderatoren geschlüpft, die mit ihren Kindern in lockerer, kumpelhafter Manier gemeinsame Lebens-  und Erfahrungsprozesse ausloten, kann von Erziehung überhaupt nicht mehr die Rede sein. Und eben deshalb weinen Kinder über ihre Eltern.

Früher litten Kinder in Elternhaus und Schule unter unverhältnismäßiger Strenge.

Schläge und anhaltender Liebesentzug als Strafmaßnahme waren Normalität. Heute aber verzweifeln sie an ihren besonnen verschwommenen, konturlosen, immerzu nur um Mässigung bemühten Eltern. Gerade im reichlich kompliziert ineinander verwachsenen Gefühls-Gestrüpp von Patchwork-Familien werden klare Ansagen vermieden. Wo das Ideal eines gerechten Interessenausgleichs tonangebend ist, will sich niemand dem Verdacht aussetzen autoritär zu sein. So dass der Mut um auszusprechen was wirklich Sache ist, und dabei auch klar und deutlich nein zu sagen, erst gar nicht aufkommen kann.

Wenn Eltern aber keine Grenzen setzen, verstoßen sie ihre Kinder. Kinder brauchen nicht nur Liebe, Verständnis und Anerkennung. Sie brauchen auch Grenzen. Und vor allem brauchen sie Eltern. die in der Lage sind sie ihnen aufzeigen. Kinder wollen keine moderierenden Dilletanten und Feiglinge, die Angst haben sich unbeliebt zu machen. Sie wollen Leitwölfe, die ihnen zeigen können wo der Hammer hängt. Falls das alles zu martialisch klingen sollte, kann abmildernd gesagt werden, dass Kinder, um nicht orientierungslos zu werden, unbedingt auf Kompetenz angewiesen sind.

Dass ihre Eltern ihnen damit nicht dienen können wird an einem Phänomen ersichtlich, das gemeinhin nicht mit Kindern in Verbindung gebracht wird, und dennoch aus der Unfähigkeit ihrer Eltern stammt. Wenn Kinder ermuntert werden sich nach allen Richtungen hin zu entwickeln, entwickeln sie sich nirgendwohin. Daher darf es nicht verwundern, wenn sie in ihrer gewissermaßen anerzogenen Orientierungslosigkeit später anerkennend zu falschen Propheten aufblicken. Und ihnen auch auf den Leim gehen. Leuten, die unermüdlich von sich behaupten mit wegweisenden, und zugleich problemlösenden Kompetenzen ausgestattet zu sein. Das heißt, dass die Begeisterung für Populisten bestimmt nicht nur, aber doch auch, aus den Tränen entspringt, die Kinder über ihre inkompetenten Eltern vergießen.

Wie ein wirklich moderner, zukunftsorientierter Umgang mit Kindern aussehen könnte, soll im folgenden, und vierten Teil dieses Beitrags erörtert werden.

 

 

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