“Es gibt leider nicht viele Eltern, deren Umgang für ihre Kinder wirklich ein Segen ist.”     Marie von Ebner-Eschenbach   (1830-1916)

“Man könnte erzogene Kinder gebären, wenn nur die Eltern erzogen wären.”   Goethe

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Unsere Welt; ein schrecklicher Ort für Kinder

Machen wir uns nichts vor! Wir leben irgendwo in den Weiten des Weltraums auf einem womöglich unbewohnbar werdenden Planeten. Ähnlich wie auf einem leckgeschlagenen, nicht mehr manövrierbaren Schiff. Auf dem Besatzung und Passagiere zwar wortreich, wenngleich hilflos, vor gewaltigen, selbstverursachten Schäden stehen. Die sich da und dort abmildern, jedoch nicht beheben lassen. Unsere Welt gleicht daher seit längerem schon einem riesigen Reparaturbetrieb. In dem überall, ob in Gesellschaft, Politik, Ökonomie, Wirtschaft, Umwelt und wo auch immer, unablässig repariert wird. So wie ja übrigens auch der Mensch selbst, hinsichtlich mehr als hunderttausend bekannter Krankheiten, ständiger Reparaturmaßnahmen bedarf.

Allerdings befindet sich das Schiff, um bei dieser Metapher zu bleiben, zusammen mit seinen anfälligen Besatzungsmitgliedern und Passagieren in einer schon höchst gefährlichen Schräglage. Die nur durch eine Neukonstruktion wichtigster Teile behoben werden könnte. Was jedoch auf hoher See nicht bewerkstelligt werden

kann. So dass einer gewissermaßen bis zum Hals im Wasser stehenden Menschheit nichts anderes übrig bleibt, als sich immerzu irgendwie durchzuwursteln.

Kollektive Kurzsichtigkeiten, wirtschaftliches Profitstreben und politische Machtspiele werden gemeinhin für die prekäre Lage des Schiffs verantwortlich gemacht. Mit allem was an katastrophalen Begleitumständen wie Krieg, Hunger, Umweltzerstörung, Unterdrückung, Vertreibung usw. dazugehört. Nun mangelt es nicht an Forderungen nach einer besseren Welt. Auch nicht an Aktivitäten zur Verbesserung des schlimmen Zustands, wie etwa hoffnungsfroh angekündigte Initiativen zum Klima- und Umweltschutz. Was aber im Grunde genommen keine Kurskorrektur bewirkt.

Warum aber wird die Welt trotz aller Reparaturen und allem Fortschrittsstress zusehends schlimmer als sie ohnehin schon ist? Bei dieser Frage wird man letztlich nicht umhin können, nach Systemfehlern im etablierten menschlichen Miteinander Ausschau zu halten. Wobei restlos alles auf den Prüfstand zu stellen wäre. Die Lage ist inzwischen viel zu ernst, um dabei nicht auch die beiden heiligsten aller heiligen Kühe der Menschheit zu berücksichtigen.

Eine davon ist die als “alternativlos” geltende Staatsform der Demokratie. Wer gegenüber der Demokratie kritische Gesichtspunkte vorbringt, muss in unserem Kulturkreis damit rechnen abgelehnt zu werden. Und wer obendrein eine vielleicht noch heiligere Kuh, nämlich Sinn und Zweck von Eltern-Kind Beziehungen hinterfragt, steht gleich vollends im Abseits. Dabei spricht einiges dafür, gerade in diesen beiden Dingen äußerst verhängnisvolle Schwachpunkte zu sehen.

Spielen doch in unseren Demokratien, um das kurz zu erwähnen, persönlicher Ehrgeiz, Geltungsbedürfnis, Machtstreben, Charisma und Bildschirmtauglichkeit eine weitaus wichtigere Rolle als Sachkenntnis, Charakter und moralische Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwesen. Derzeit sitzt beispielsweise in Brasilien ein als “Tropen-Trump” verspotteter, aber gleichwohl umjubelter Dunkelmann namens Bolsonaro an der Macht. Der demokratisch gewählte Präsident ruft bei seinen

Anhängern mit einer weitgehenden Lockerung des Waffenrechts, sowie der Abholzung des Regenwalds am Amazonas wahre Begeisterungsstürme hervor. Dass Demokratie zu Lasten des Gemeinwohls ein Übermaß an Freiheit für Einzelne garantiert, wurde freilich schon im Altertum bemängelt.

Das demokratisch legitimierte Heulen der Motorsägen am Amazonas, und leider nicht nur dort, nimmt groteske Züge an wenn man bedenkt, dass der fürs Klima so wichtige Wald unter anderem zu “Hygieneartikeln” verarbeitet wird. Mithin also auch zu Papiertaschentüchern. Die übrigens auch bei einigen Leserinnen Verwendung finden dürften. Da ihnen, wie sie in sozialen Medien bekunden, beim Lesen meiner Beiträge “Tränen der Wut” in die Augen steigen. Was wohl auch jetzt wieder der Fall sein wird. Es soll nun nämlich die Frage erörtert werden, ob traditionelle Eltern-Kind Beziehungen dem Kindeswohl überhaupt dienlich sein können.

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Eltern sind große Kinder, die geliebt sein wollen, statt erziehen zu müssen. 

Ich möchte die folgenden Überlegungen mit der Feststellung beginnen, dass Kinder Rechte haben. An die bei einem alljährlich, und weltweit ausgrichteten Feier- Mahn- und Gedenktag für Kinder erinnert werden. Dem Weltkindertag, der in 145 Staaten

zumeist am 1. Juni angesagt ist. Es handelt sich dabei um einen Ehrentag für Kinder. Der höchst unterschiedlich entweder mit Festen und Geschenken, oder mit politischen Aktionen und Demonstrationen in der Tradition von Kampftagen abgehalten wird. Laut Art. 7 der UN-Kinderrechtskonvention haben Kinder nicht nur das Recht zu wissen wer ihre Eltern sind, sondern auch das Recht bei ihnen zu leben und angemessen betreut zu werden. Pflege und Erziehung von Kindern sind andrerseits das natürliche Recht, und zugleich auch Pflicht der Eltern. Ämter und

Behörden sind befugt mit korrigierenden Maßnahmen einzuschreiten, wenn diese Pflicht grob vernachlässigt, oder überhaupt nicht eingehalten wird.

Dass mittels gesetzgeberischer Richtlinien für das Wohl von Kindern gesorgt ist, ist als zivilisatorischer Fortschritt zu würdigen. Immerhin war es auch im Deutschland des 19. Jahrhunderts noch üblich Kinder zwölf Stunden am Stück in Bergwerken schuften zu lassen. Im Vergleich zu früher, und von üblen Verhältnissen in anderen Weltgegenden abgesehen, leben Kinder heute bei uns in paradiesischen Zuständen. Die Sache hat aber einen gewaltigen Haken.

Kinder wachsen nicht zu Menschen heran, sie sind es schon! Wenn man dieser Meinung zustimmt, wird man wohl auch dazu neigen ihnen nicht nur Kinderrechte, sondern darüber hinaus allgemeine Menschenrechte einzuräumen. Artikel 13 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte garantiert das Recht jedes Menschen auf Freizügigkeit, einschließlich der freien Wahl seines Wohnsitzes. Was Aufenthaltsbeschränkungen, oder gar die erzwungene Zuweisung eines Wohnsitzes ausschließt.

Man wird vielleicht schon ahnen, worauf dieser Hinweis hinausläuft. Ich habe in vorangegangenen Beiträgen versucht zu zeigen, dass das Kinder in die Welt setzen mit bestürzenden Gedankenlosigkeiten einhergeht, und Kinder-Eltern Beziehungen seit jeher schon eine Katastrophenlandschaft sind. Bei nüchterner Betrachtung aller Umstände liegt sogar die Erkenntnis in Reichweite, dass Verhältnisse familiärer Art und Bedeutung die Katastrophe der Menschheit ist. Deren verschlingendem Wirken Kinder schutzlos ausgeliefert sind.

Schließlich können sie nichts dafür bei ungefestigten, ratlosen, inkompetenten Eltern aufzuwachsen. Bei entweder ständig stichelnden, sich gegenseitig Zynismen an den Kopf werfenden, oder verbittert in sich gekehrten, kaum miteinander redenden Eltern. Zwischen diesen Extremen treibt oftmals eine mit aufmunternden Blicken unterstrichene, und Kinder einbeziehende  Atmosphäre des sich Zusammenraufens ihr schreckliches Unwesen. Worunter sie erst recht leiden.

Nichts ist Kindern mehr verhasst als eine erzwungene “das-kriegen-wir-zusammen-

doch-hin” Kumpelhaftigkeit. In die sie sich um des lieben Friedens willen scheinbar fügen. In Wirklichkeit aber rufen elterliche Anbiederungen, wie sie in Stanley Kubrick’s großartigem “Kinder-Horror” FilmThe Shining (1980) zu sehen sind, tiefsten Argwohn hervor. Es wäre auch schlimm, wenn es nicht so wäre. Immerhin sind Kinder, wie Maria Montessori einmal treffend bemerkte, Gäste, die nach dem Weg fragen. Falls Eltern den Weg nicht kennen, und auch sonst orientierungslos sind, geraten Kinder zwangsläufig ins Ungewisse. Und was sind denn quengelnde, nörgelnde, freche, ungezogene oder “verhaltensauffällige” Kinder anders als solche, die doch nur wissen wollen in welche Richtung sie gehen müssen.

Statt aber für ihre Kinder gut beleuchtete Wegweiser aufzustellen, sind viele Eltern im Verein mit einer riesigen Ratgeber-, Psychologen-, und Therapeutenschar bemüht “Fehler” zu analysieren und abzustellen. Es gibt eine Allerweltsweisheit, wonach dort wo ein Wille, auch ein Weg ist. Dieser Spruch unterschlägt allerdings die unbequeme Einsicht, dass ohne erkennbaren Weg selbst der stärkste Wille zum Hofzwerg der Ratlosigkeit wird. Es liegt auf der Hand, was damit im Hinblick auf inkompetente Eltern gesagt sein will.

Bei denen es sich eigentlich um große Kinder handelt. Die doch nur geliebt werden wollen, statt erziehen zu müssen. Von Kindern geliebt zu werden ist schön. Sie zu erziehen ist mit Konflikten verbundene Schwerstarbeit. Mit der die großen Kinder überfordert sind. Die Sache wird dadurch verschlimmert, indem sie ihre anhaltende Ratlosigkeit mit verbaler Aufgeschlossenheit kompensieren. An die Vernunft der Kinder appellierend zu reden, ist schließlich das einzige was sie können. Nur, dass Kinder mit dem “Gelaber” der Eltern nichts anfangen können. Vor dem sie in ihrer

Verzweiflung ähnlich wie Asylsuchende davonlaufen. Dabei jedoch leider nicht weiter als nur bis zum Geflimmer auf ihren Smartphones kommen. Man kann durchaus der Meinung sein, dass es sich bei dem ewigen Gestarre auf flache Rechtecke um eine noch nicht wahrgenommene Form von Flüchtlingselend handelt.

Ungeachtet der Tatsache, dass es viele kompetente Eltern gibt bleibt die Frage, weshalb Kinder bei großen Kindern aufwachsen müssen, die für Kinder-Eltern Beziehungen schlicht und einfach nicht geeignet sind. Bei Eltern, die nicht erziehen können, nicht wissen was Erziehung überhaupt ist, und es wohl auch nicht wissen wollen. Die Problematik hat eine lange Tradition. Platon hielt es für das beste, wenn ausgewählte Kinder im Alter von sieben Jahren von ihren Eltern getrennt, und zum Wohl des Gemeinwesens erzieherischen Einrichtungen zugeführt werden. In denen sie ihre Eltern vergessen.

Das klingt in heutigen Ohren zugegebenermaßen reichlich krass. Dennoch möchte ich im folgenden Beitrag dieser Serie zeigen, dass aus Platons Vorschlag zur Trennung der Kinder von ihren Eltern ein humanitäres, zukunftsorientiertes Kinder-Welt Modell hergeleitet werden kann.