“Die meisten Menschen denken hauptsächlich über das nach, was andere Menschen über sie denken.”  Sean Connery

“Die Hölle, das sind die anderen.”  Jean-Paul Sarte

Wer ein Staatsbegräbnis erhält, wird dabei mit bewegenden Worten als große Persönlichkeit gewürdigt. Keinesfalls aber als große Person. Das wäre höchst unschicklich. Schließlich sind im Vergleich zu großen Persönlichkeiten selbst noch so große Personen vernachlässigbare Kleinigkeiten. Die als Menschen “wie du und ich” gleichsam zu einem Auge rein, und durchs andere sofort wieder rausgehen. Was die stark am Selbstwertgefühl nagende Tatsache in Erinnerung ruft, dass wir als Person von anderen Personen einfach nur übersehen werden. 

Ein Bedürfnis näher hinzuschauen will sich auch nicht anhand jener Angaben einstellen, die das jeweilige Personsein dokumentieren. In meinem Personalausweis steht auf jeden Fall nichts, was andere bewegen könnte mich sehen zu wollen. Im Gegenteil. Menschen die von Berufs wegen und situationsbedingt einen prüfenden Blick auf infragekommende Angaben werfen, ist deutlich anzumerken, dass der Wunsch nach persönlicher Bekanntschaft ausbleibt. Der regt sich auch nicht bei Angestellten in der Personalabteilung, denen meine Personalakte eine ermüdende Lektüre abverlangt. 

Denkt man anhand solcher Dokumente noch zusätzlich an Dinge wie den 

öffentlichen Personennahverkehr, ist die monströse Banalität des Personseins  hinreichend erhellt. In ihr spielt sich das Leben als Person des Alltags, im Auge anderer alltäglicher Personen ab. Man ist als Person eben immer nur das, was andere Personen auch sind.

Am Eingeständnis ist daher nicht vorbeizukommen, dass wir, wie Heidegger sagt, in so  etwas wie einer “Diktatur des Man” leben. Tatsächlich ist “man” zusammen mit anderen in einer Eintönigkeit des Alltäglichen gefangen, die “man” freilich als Person unter Personen selbst mitprägt. Die jedoch auch, wie Heidegger einschränkend hinzufügt, Anlass sein kann sich vom “großen Haufen” zurückzuziehen. (Sein und Zeit, § 26)

Viel mehr als ein stiller Rückzug ins eigene Selbst wird heute aber der große Sprung nach vorne angestrebt. Um an der Spitze des Haufens die Blicke anderer auf sich zu 

zu ziehen, und sei es, metaphorisch gesagt, nur mit auffälligen Löchern in der Hose. Das klassische Beispiel für diese Sprungbereitschaft aus blossem Personsein ist freilich der nunmehr etwas aus der Mode gekommene Berufswunsch Künstler zu werden. Dem die nicht unbegründete Befürchtung vorangeht, für immer im Immergrau grauer Mäuse einverleibt zu bleiben.

Die mit Mitteln der Kunst betriebene Absetzung führt jedoch in den allermeisten Fällen schon längst nicht mehr zum erwünschten Ziel. Wohl aber zur unerfreulichen Situation, als bloßer Farbtupfer unter anderen Farbtupfern übersehen zu werden. Was jedoch nicht auf die vermeintliche Berufung Vieler bei gleichzeitiger Auserwähltheit Weniger zurückzuführen ist.

Vielmehr zeigt sich an diesem vergeblich “etwas aus sich machen” wollen Beispiel, die raffiniert gesicherte Gefängniswelt des Personseins. Aus der, egal wie man es anstellt, ein Entkommen nicht so ohne weiteres möglich ist. Wer glaubt daraus entronnen zu sein, steckt oft im nächsten Moment schon wieder mittendrin. Wovon 

ein glückloser Ausbrecher wie Martin Schulz ein besonders trostloses Lied singen könnte. Ein Mann, der mit farbenfrohen politischen Botschaften für einen kurzen Augenblick Furore machte. Und kurz danach, wie am Schlawittchen gepackt, wieder in der Anonymität des Personseins verschwand.  

Die grausame Lehre des etruskischen Gottes PHERSU, und was es wirklich heißt PERSON zu sein

Es gibt Leserinnen und Leser, die in meinen Beiträgen ein zutiefst problematisches Menschenbild erkennen wollen. Und die nun sehr tapfer sein müssen. Was es wirklich bedeutet Person zu sein ist nämlich eine reichlich unschöne, schmerzliche, ja sogar entsetzliche Angelegenheit. 

Wen das nicht abschreckt darf mich jetzt auf schmalen Stufen tief hinab in ein von Fackeln erhelltes, höhlenähnliches Verlies begleiten. Sobald sich unsere Augen an das Halbdunkel gewöhnt haben erblicken wir eine Szene, die aus einem besonders 

grauenhaften Horrorfilm stammen könnte. Wir sehen einen großen, muskulösen Maskierten, der ein dickes Seil nach einem eher schwächlich wirkenden Mann ausgeworfen hat. In dem der Schwache hoffnungslos verfangen ist. Zugleich dient dieses Seil als Leine für einen großen Hund. An dessen Halsband der Maskierte in schier unüberbietbar sadistischer Absicht einen schweren Klöppel angebracht hat.

Zieht der Maskierte ruckartig am Seil, schlägt dem Hund zwangsläufig der Klöppel auf den Rücken. Woraufhin der Hund seine besinnungslose Wut an dem mit ihm verfangenen, halbnackten, und  schon überall blutenden Schwachen auslässt. Der den Angriffen des Hundes wehrlos ausgesetzt ist. Hat sich doch das Seil auch um seine Keule gewickelt. Und als ob das nicht alles schon furchtbar genug wäre, ist ihm auch ein Sack um den Kopf gebunden. Mehr Horror dürfte selbst erklärten Liebhabern dieses Genres kaum zuzumuten sein.               

Der große, muskulöse Maskierte gehört ins 6. Jahrhundert v. Chr., und hat einen Namen. Es ist der etruskische Gott Phersu. Dessen wüstes Treiben den Seufzer hervorbringt, bei einem solchen Gott keine Teufel mehr zu brauchen. Abgesehen davon muss aber die Tatsache hellhörig machen, dass der etruskische Göttername Phersu dem lateinischen Wort persona zugrundeliegt. Das wiederum Maske bedeutet. Masken werden von Schauspielern getragen, die mit einer bestimmten Maske jeweilige Rollen verkörpern. So dass persona genau genommen auch Rolle bedeutet. 

Welche Rolle spielt nun der maskierte Phersu? Phersu ist der maskierte Starke, der den blinden Schwachen peinigt, und damit zu einer Reaktion zwingt. Und eben diese Reaktion ist die Rolle die der Schwache spielt. Sie besteht aber lediglich in einem hilflosen um sich schlagen, das die ohnehin schon verzweifelte Lage völlig aussichtslos macht. Aber was hat das nun alles mit dem Zustand des Personseins zu tun?

Das folgende Zitat des Philosophen R. Descartes liefert einen ersten Hinweis. “So wie Schauspieler eine Maske aufsetzen…so betrete ich das Theater der Welt –

maskiert.” Tatsächlich ist der Mensch, wie auf einem Gemälde von James Ensor (1890) ersichtlich, in seiner Eigenschaft als soziales Tier, ein maskiertes Tier. Das nicht umhin kann mit anderen Maskierten zu leben. Und auch, wie man weiß, an ihnen zugrunde gehen kann.

Dass die Hölle, die anderen sind, sagt Jean-Paul Sarte nicht ohne Grund. Es sind allein schon die Blicke der anderen die uns zuweilen sehr unangenehm sein können. Selbst wenn ich in den Spiegel schaue nehme vorweg, was andere sehen werden wenn sie mich sehen. Das heißt: Die anderen sind immer anwesend, auch wenn sie gar nicht da sind. 

Deshalb gibt es in unserem Dasein grundsätzlich nichts, was wir nicht im Hinblick auf andere tun. Egal ob ich als Reiseleiter, Hassprediger, Literaturkritiker, Hochstapler, Fußballtrainer, Bestattungsunternehmer, Nervenarzt, Reitlehrer, oder Schlagersänger tätig bin; immer muss ich mir vorstellen wie andere mich sehen.

Mehr noch; was andere von mir denken und von mir erwarten, muss ich von Anfang an in meine Aktivitäten einplanen. So dass ich, wie ich es auch anstellen mag, gezwungen bin vor anderen jeweilige Rollen zu spielen. Genauer, durch meine Tätigkeiten werden mir Rollen aufgenötigt. Mit für mich schwerwiegenden Folgen. Schließlich kann ich, falls ich als Hochstapler erfolgreich unterwegs bin, auf diesem Weg nicht einfach meine Maske ablegen.

Von denjenigen aber, die ihre Rollen nicht zu Ende spielen können, die dem

Erwartungsdruck nicht standhalten, die ihr Gesicht und ihre Maske verlieren, liest man ständig in der Zeitung. Es sind diejenigen, die, so wie der Schwache in Phersus Stricken, in ihren Rollen unauflöslich verfangen sind. Und oft vor Gericht zugeben müssen, sich dabei in Lebenslügen “verstrickt” zu haben. 

Als Persönlichkeit unser Personsein auf Abstand halten

Ich möchte diesen Beitrag mit einer zuversichtlichen stimmenden Einsicht beenden. Der aber die Erkenntnis vorangestellt sein muss, dass uns als Personen eine Seilschaft mit dem schlimmen Etrusker nicht erspart bleibt. Phersu ist ein unauflöslicher Teil unseres Personseins. Wir können ihn nicht loswerden.

Er kann uns aber nur dann seinem fürchterlichen Hund ausliefern, wenn wir uns selbst einen Sack um unseren Kopf gebunden haben, und die Gefahren die von seiner Existenz ausgehen nicht sehen wollen. Freilich ist man seiner zerstörerischen Macht allein schon durch den Glauben ausgeliefert, eine eigene, von anderen unabhängige Identität zu haben. In Wirklichkeit gehören aber die anderen, vor denen ich eine Rolle spiele, zu meiner Identität. 

Und damit zum Punkt: Wer seine Identität immerzu im Hinblick auf andere, und, oder irgendwelche Dinge wie Haus, Kontostand, Aussehen, Kleidung oder Auto definiert, ist Herr Hanswurst und Frau Persönchen in einer Person. Die von Phersu und seinem Hund gnadenlos gepeinigt wird. Nicht wer eine Jogginghose trägt, hat, wie Karl Lagerfeld behauptete, die Kontrolle über sein Leben verloren, sondern wer sich von anderen, und von irgendwelchen Sachen kontrollieren lässt.

Erst die erlernbare Fähigkeit mit Phersu zu leben, ohne sich dabei irgendwelchen Rollenzwängen auszusetzen, schafft Voraussetzungen über das bloße Personsein hinaus zur Persönlichkeit zu werden. Persönlichkeiten sind Menschen, die zwar auch Personen sind, aber ihr Leben unbefangen vor anderen leben können, ohne dabei als Person gelebt zu werden. 

 

 

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