Die angeblich besinnlichste Zeit, ist zweifellos die schrecklichste Zeit des Jahres. Sie wirft ihre unbehaglichen Schatten voraus, wenn Anfang November in den Auslagen der Geschäfte die ersten Tannenzweige und Christbaumkugeln zu sehen sind. Ein Anblick, der anfänglich nur beiläufig, und bei gelegentlich spätsommerlich wirkenden Temperaturen nicht ohne Unmut zur Kenntnis genommen wird. Ähnlich wie nebensächlich erscheinende Gesundheitsbeschwerden, die aber dennoch an die Möglichkeit einer beginnenden Erkrankung denken lassen. Und so wie bei stärker werdenden Krankheitssymptomen zwangsläufig der Weg zum Arzt führt, führt auch mit zunehmender Weihnachtlichkeit nichts mehr an der Notwendigkeit vorbei, schleunigst nach Geschenken Ausschau zu halten.

Wobei sich eine Gefühlslage heranbildet, in der Wohlwollen und Großzügigkeit von der Verpflichtung überlagert werden, wenigstens etwas halbwegs passendes  finden zu müssen. Von Pflicht zu sprechen ist nicht falsch. Wer Pflichtgefühl hat, ist vom Vorsatz erfüllt das zu tun, was in Anbetracht gegebener Umstände ohne wenn und aber getan werden muss. Und das ist an Weihnachten nun mal der

Erwerb von Geschenken. Das wird erwartet. Vor allem von Kindern. Die ja dem Moment der Bescherung mit wachsender Ungeduld entgegensehen. Es ist zwar möglich Familienmitgliedern, Freunden und guten Bekannten mit betont offenem Blick anzukündigen, wegen der schreienden Not in der Welt “dieses Jahr mal nichts zu schenken”. Dieser durchaus nachvollziehbare Entschluss führt allerdings, wenn man selbst beschenkt wird, zu noch viel problematischeren Konsequenzen als das problematischste Geschenk.

Da sich die Auswahl von Geschenken schon in vorangegangenen Jahren alles andere als einfach erwies, ist der Schwierigkeitsgrad neuerlicher Anforderungen nochmals beträchtlich gesteigert. Beim endlosen Kopfzerbrechen über Geschenke schleicht sich daher oft die panikartige Befürchtung ein, vielleicht nicht das zu finden, was dem Geschmack und angenommenen Ansprüchen infragekommender Personen gerecht wird. Hinzu kommt; je größer der ins Auge zu fassende Personenkreis, desto umfangreicher die Problematik. Bei allen Erwägungen ist schließlich auch darauf zu achten, den materiellen Wert der Sachen mindestens auf Vorjahresniveau zu halten. Weniger dürfen sie auf gar keinen Fall kosten. Das würde bei den Beschenkten Zweifel am Stand der persönlichen Wertschätzung hervorrufen.

Dass die alljährliche Suche nach Geschenken nicht mit Freude am Schenken, wohl aber mit Verzweiflung und einem Gefühl wachsender Verbitterung vonstatten geht, liegt auch an unerfreulichen Begleitumständen. Die für den Handel freilich umso erfreulicher sind. Das größte Geschäft des Jahres, das bis zu einem Drittel des Jahresumsatzes bringt, wird schließlich immer dann gemacht, wenn sich sich auf

festlich geschmückten Einkaufsstraßen die Ärsche reiben. Im heillosen Gewimmel wird dabei für die Suchenden aus der vielgepriesenen Kunst des Schenkens eine kräftezehrende Übung in Selbstberrschung. Angestrengt schnaufenden Menschen vor Kassen in überheizten Geschäften sieht man es förmlich an, dass ihnen ihre Mitwirkung im Pflichtprogramm des Weihnachtstrubels einiges abverlangt. Kein Wunder, wenn dann zu Hause erschöpfte Nerven blank liegen. Zumal der wahre Anlass für die Pflicht des Schenkens an Weihnachten unerklärlich ist, und als Buch mit sieben Siegeln die Gemüter zusätzlich belastet.

Das biblische Wintersonnenwende-Märchen vom Jesuskind

Weihnachten hat seinen Ursprung im jahrtausendealten, und überall auf der Welt gefeierten Fest der  Wintersonnenwende. Ein Himmelsereignis, das an jenem Tag eintritt, an dem die Sonne senkrecht über dem südlichen Wendekreis steht. Was zur Folge hat, dass von diesem Tag an die langen Nächte kürzer werden. So dass berechtigter Grund zur Hoffnung besteht, sich bald wieder an einer im wärmenden Licht erneuernden Natur erfreuen zu dürfen. Dieser Tag auf fällt auf den 25. Dezember.

Bei den alten Ägyptern war es Brauch, den Tag der Wintersonnenwende als Tag der neugeborenen Sonne; als Geburt des Lichts der Welt zu feiern. In der Nacht des 25. Dezembers traten Würdenträger mit dem Abbild eines Kleinkindes vor die feiernde Menge. Das damit als menschgewordener Erlöser aus der Finsternis seinen Geburtstag zugesprochen bekam. Die Römer hatten den 25. Dezember zum Geburtstag ihres unbesiegbaren Sonnengottes Sol ernannt. Auch die heidnischen Germanen feierten an diesem Tag ein Fest, das sie als Jul bezeichneten, was in skandinavischen Sprachen heute Weihnachten bedeutet.

Es liegt auf der Hand, dass die Christen den Tag der Wintersonnenwende für ihre Zwecke vereinnahmten. Indem sie die Legende von einem Kleinkind erfanden, dem Christkind, dessen Geburt sie gemäß einer uralten Tradition geschickterweise auf eben diesen Tag verlegten. Die biblische Weihnachtsgeschichte, so wie sie am heiligen, also heilsbringenden Abend nach dem Lukas-Evangelium in Kirchen

erzählt wird, ist somit nichts anderes als ein Wintersonnenwende-Märchen. Selbst wenn es darin heißt: “Es begab sich aber zu der Zeit…” lässt sich daraus kein historischer Tatsachenbericht über die Geburt eines real existierenden Menschen herleiten.

Zwar begannen Christen schon im vierten Jahrhundert der Geburt ihres Heilands zu gedenken. Zum größten Fest des Jahres reifte Weihnachten aber erst vom 18. Jahrhundert an heran. Die heute obligatorische Tradition mit Tannenbaum, bunten Kugeln und dem musikalischen Stille-Nacht-Heilige-Nacht-Inbegriff des Weihnachtsbrauchtums, eroberte erwiesenermaßen aus den Tiefen typisch deutscher Rührseligkeit heraus die Welt. Ein Gemütszustand, der durch Geschenke unterm Tannenbaum eine zusätzliche Ausweitung erfährt. Die ja geeignet sind, um im flackernden Kerzenlicht in winterlicher Kälte eine Atmosphäre herzerwärmender Ergriffenheit aufkommen zu lassen.

Warum schenken wir? Wir schenken nicht, weil wir schenken wollen. Wir schenken, weil wir schenken müssen.

Zur gesicherten Erkenntnis, dass Menschen schon seit jeher sich gegenseitig beschenkt haben, hat Sigmund Freud die verwegene These hinzugefügt, derzufolge schon das Kleinkind seine Mutter beschenkt. Nämlich mit dem, was es so lange als Teil von sich selbst zurückhält, und erst dann hergibt, wenn es auf’s Töpfchen gehoben wird. Das ist zwar originell und erheiternd, aber zu einer Psychologie des Schenkens ist diese Vermutung nicht zu gebrauchen. Dafür müssen andere Gegebenheiten berücksichtigt werden.

Die ewige Frage ob der Mensch ein im Grunde genommen wolfsähnliches oder lammfrommes Wesen ist, führt am Kern des Menschseins vorbei. Der Mensch ist beides; ein Tier, das mit der einen Hand hasserfüllt tötet, und mit der anderen gönnerhaft schenkt. Selbst wenn sie noch so sinnlos erscheinen, lassen sich Motive zum gegenseitigen Töten relativ einfach erklären. Schwieriger ist die Erhellung der Beweggründe, die zum gegenseitigen Schenken führen. Über die erstaunlicherweise wenig bekannt ist.

Sie kommen ins Blickfeld wenn man zunächst einmal berücksichtigt, dass der Mensch als soziales Wesen in seinem Tun und Treiben auf andere Menschen angewiesen ist. Wir müssen mit anderen leben, ob wir nun wollen oder nicht. Was ohne eine Anpassung an gesellschaftlich akzeptable Verhaltensweisen nicht möglich wäre. Statt Dinge zu tun, die in soziale Isolation führen, ist es zum eigenen Vorteil besser sich durch großzügiges Betragen anderen gegenüber als Mitmensch erkenntlich zu zeigen.

Das Gegenteil von Großzügigkeit ist Geiz. Der für Geizige, wie am Beispiel von stinkreichen, aber in kümmerlichen Verhältnissen vereisamt vor sich hin lebenden Personen zu sehen ist, nur schmerzliche Nachteile bringt. Geizige wollen nicht wahrhaben, dass ihr verkrampft zurückgehaltenes Geld nichts wert ist, solange es nicht unter Leute gebracht wird. Freud wollte übrigens erkannt haben, dass Lustgewinn an krampfhaft zurückgehaltener Darmentleerung mit Geiz kompatibel wäre. Aber lassen wir Freud. Man wird vielleicht schon erraten haben, wie die bisherigen Bemerkungen mit dem Schenken zusammenhängen.

Der Mensch ist nichts, solange er anderen nichts gibt! Auch wenn es nur wenig ist. Das heißt, der Mensch schenkt, weil er schenken muss. Wer einigermaßen vernünftig mit anderen leben will, braucht die Wertschätzung anderer wie die Luft zum atmen. In allen Völkern und Zeiten sind Menschen daher nicht umhin gekommen, entsprechende Mittel zum Zweck von sich zu geben.

Natürlich kann gegen diese Art von Argumentation geltend gemacht werden, dass wahres Schenken eine uneigenützige Sache ist, oder es zumindest sein sollte. Stellvertretend für diese Auffassung möchte ich einige gewiss schöne Worte von Selma Lagerlöf zitieren.

Schenken heißt, einem anderen etwas zu geben, was man am liebsten selbst behalten möchte.

Was man am liebsten selbst behalten möchte, muss bestimmt zum Wertvollsten gehören was man hat. Es wird zudem nicht irgendwem geschenkt werden können, sondern nur Menschen deren inneren Werte der Sache angemessen sind. Warum

aber etwas aus der Hand geben, was man am liebsten behalten möchte? Die Antwort darauf lässt sich beim griechischen Philosophen Aristoteles ausfindig machen.

So wie Künstler in ihre gelungenen Schöpfungen verliebt sind, sagt der Denker, lieben auch Wohltäter sich selbst in ihren guten Taten. Das heißt, man schenkt was man am liebsten selbst behalten möchte, weil man sich bei der Übergabe des Geschenks noch viel mehr liebt, als die liebgewonnene, verschenkte Sache. Dass Geben seliger als Nehmen ist, wird daher nicht ohne Grund gesagt. Gebende stehen besser da als Nehmende; Schenkende besser als Beschenkte. Und weil das so ist, können Beschenkte nichts anders, als selbst zu Schenkenden werden.

Ist erst einmal der “wenn du mir, dann ich dir auch” Kreislauf eines sich gegenseitig etwas geben müssens in Gang gesetzt, kann er nicht mehr aufgehalten werden. Die alljährliche Konsumorgie an Weihnachten beweist das in aller Deutlichkeit.